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Die Alte Geschichte

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Die Alte Geschichte

Beitrag  Andy am Di Jul 29, 2014 10:13 pm

Die Alte Geschichte ist im Fächerkanon der an Universitäten gelehrten Geschichtswissenschaft derjenige Teil, der das „klassische“ griechisch-römische Altertum (Antike) behandelt. Wissenschaftler, die sich mit Alter Geschichte befassen, werden Althistoriker genannt. Das Fach kann an den meisten Universitäten studiert werden; an fast allen deutschen Hochschulen ist das Fach integraler Bestandteil der meisten historischen Studiengänge. Manchmal ist die Alte Geschichte institutionell auch bei altertumswissenschaftlichen Instituten angesiedelt.

Inhalte und Abgrenzung

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Alte Geschichte heute alle Gebiete und Zeitabschnitte zum Gegenstand hat, die zur antiken griechischen oder römischen Kultur gehörten bzw. mit dieser in unmittelbarem Kontakt standen.

Die Alte Geschichte beschäftigt sich – im Unterschied zur Archäologie und zur Ur- und Frühgeschichte – vornehmlich mit den schriftlichen Hinterlassenschaften der Menschen, auch wenn Althistoriker gegebenenfalls auch nicht-schriftliche Quellen auswerten. Die Alte Geschichte „beginnt“ daher im weitesten Sinne mit den frühesten (schriftlichen) Zeugnissen der Alten Welt in historischer Zeit, also mit den Keilschriften der Sumerer, den ägyptischen Hieroglyphen und der kretischen Linearschrift A (ca. 1900–1450 v. Chr.), deren Sprache bisher unbekannt ist. In der Praxis überlassen die Althistoriker diese Themen aber anderen Disziplinen wie der Ägyptologie oder Assyrologie.

Im engeren Sinne und in der Praxis „beginnt“ die Alte Geschichte heute frühestens mit der mykenischen Kultur (um 1600-1000 v. Chr.; damals verwendete man die Linearschrift B, um ein frühes Griechisch zu schreiben) bzw. mit der Übernahme des Alphabets durch die Griechen (im frühen 8. Jh. v. Chr.). Sie „endet“ mit dem Übergang der Spätantike ins Mittelalter, der verschieden angesetzt wird: Traditionell datierte man das Ende der Antike oft auf das Jahr 476 (Absetzung des Usurpators Romulus Augustulus als letztem in Italien herrschenden weströmischen Kaiser durch Odoaker). Heute wählt man aber in der Regel den Tod Kaiser Justinians (565) oder den Beginn der Islamischen Expansion (632) als markantesten Einschnitt.

Die weitaus meisten Althistoriker forschen heute über die Zeit zwischen 800 v. und 600 n. Chr., jedoch befassen sich nicht wenige auch mit den Jahrhunderten vor 800 v. Chr. (Griechische Dunkle Jahrhunderte und kretisch-mykenische Zeit). Der Berichtszeitraum der Année philologique, der wichtigsten altertumswissenschaftlichen Bibliographie, reicht vom zweiten vorchristlichen Jahrtausend bis zum Jahr 800 n. Chr.

In geographischer Hinsicht gehören zum „Kerngebiet“ der Alten Geschichte alle Regionen, die Teil des Römischen Reichs zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung unter Kaiser Trajan waren. Dies ist aber nur eine Faustregel: Althistoriker, die sich mit dem Hellenismus befassen, blicken im Osten unter Umständen bis Vorderindien, da diese Gebiete zum Alexanderreich und zeitweilig auch zum Herrschaftsbereich der Seleukiden zählten. Die Alte Geschichte ist damit im Wesentlichen die Geschichte Griechenlands und Roms (bzw. der Mittelmeerwelt) sowie der Kontakte der Griechen und Römer zu ihren Nachbarvölkern (Karthager, Germanen, Perser etc.). Dabei ist die Eingrenzung des Faches weniger inhaltlich als vor allem durch Konvention und Herkommen begründet.
Entstehung und Entwicklung der Fachrichtung

Als eigene Disziplin entstand die Alte Geschichte in den Jahren um 1830. Im 19. Jahrhundert, das als das historisierende Jahrhundert schlechthin angesehen werden kann, nahmen die Geschichtswissenschaft (vor allem in Deutschland) und die Archäologie einen gewaltigen Aufschwung. Mehrere hoch angesehene Wissenschaftler (Lepsius, Niebuhr, Curtius, Mommsen u. a.) dehnten ihre Forschungen auf immer weitere Regionen und Forschungsgebiete aus. Damit standen sie in der Tradition der frühneuzeitlichen Universalgeschichte, die sie mit Ansätzen aus der klassischen Philologie verbanden.

Anfangs war zu beobachten, dass die Alte Geschichte sich auch mit Regionen befasste, die heute nicht mehr zum Kerngebiet des Faches zählen. Die Geschichte des alten Ägyptens, Mesopotamiens, Irans und Anatoliens wurde teilweise in das Fach einbezogen, so dass die Alte Geschichte für einige Gelehrte neben der Geschichte des griechisch-römischen Altertums auch die Geschichte des Alten Orients umfasste: Außer Griechen und Römern spielten also auch jene Völker, die im Alten Testament erwähnt werden, zunächst noch eine wichtige Rolle. Die wirkliche Beherrschung des gewaltigen Gebiets der Geschichte der Alten Welt (also Europas, Nordafrikas sowie des Vorderen und Mittleren Orients) samt den dazu erforderlichen Hilfswissenschaften, namentlich der diversen antiken Sprachen und Schriften (Sumerisch, Akkadisch, Babylonisch, Persisch, Koptisch, Aramäisch, Griechisch, Lateinisch, diverser anatolischer Sprachen; Keilschriften, Hieroglyphen, Minoische, Phönizische und Griechische Schrift, Linear B usw.), überstieg aber die Möglichkeiten eines einzelnen Wissenschaftlers. Gerade der gewaltige Wissenszuwachs seit 1800 führte daher notgedrungen zu einer zunehmenden Spezialisierung der Forscher.

Im 19. Jahrhundert gab es zwar noch einzelne Gelehrte, die die Fülle des Fachs in seiner Gesamtheit noch überblickten und auch wenigstens in Grundzügen und ansatzweise die erforderlichen Kenntnisse in den Einzeldisziplinen hatten. Im Zuge der „Professionalisierung“ der Wissenschaft kam es dann aber zu einer wichtigen Weichenstellung: Da die wichtigsten altorientalischen Sprachen um 1800 noch nicht entziffert waren, konnte man der damals erhobenen Forderung, die schriftlichen Quellen in den Mittelpunkt der Forschung zu stellen, hier noch nicht nachkommen – und als Hieroglyphen und Keilschriften dann entschlüsselt worden waren, hatte sich bereits eine zunehmende Beschränkung der Alten Geschichte auf Griechen und Römer ergeben, deren Sprache damals die meisten Gebildeten sicher beherrschten. An dieser Beschränkung des Faches hat sich bis heute trotz mancher gegenläufiger Tendenzen im Kern nichts geändert (s. o.).

Dies mag man durchaus bedauern, da die Fächer Orientalistik, Assyriologie oder Iranistik heute viel eher archäologisch und philologisch ausgerichtet sind, nicht aber primär historisch. Das Fach Alte Geschichte konzentrierte sich seit dem 19. Jahrhundert mehr und mehr ausschließlich auf die griechische und römische Geschichte (nebst den Kontakten zu den Nachbarvölkern) und bildete zusammen mit der Klassischen Philologie und Klassischen Archäologie das übergreifende Sachgebiet Klassische Altertumswissenschaft. Dabei ist das Fach Alte Geschichte bis heute viel stärker als die anderen historischen Disziplinen von den Methoden der Altphilologie geprägt, die ihre Wurzeln wiederum im Humanismus und der mittelalterlichen Bibelexegese hat.

Zur weitgehenden Beschränkung auf die Geschichte der Griechen und Römer trug nicht zuletzt auch der Umstand bei, dass die antike Zivilisation dieser Völker seit dem späten 18. Jahrhundert als Vorbild und Ideal galt – lange Zeit verbunden mit einer ausdrücklichen oder impliziten Abwertung der Leistungen und des Einflusses anderer Hochkulturen des Altertums. Ausgehend von der französischen Querelle des Anciens et des Modernes („Streit der Anhänger der Alten und der Anhänger der Moderne“) hatte sich das Fach Alte Geschichte schließlich auf einem Gebiet etabliert, das die Anhänger des aufgeklärten Zeitalters der Moderne bei aller Begeisterung für die aufstrebende Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie ihrer Zeit den Bewunderern der Alten (d. h. der alten Griechen und Römer) mehr oder weniger widerstrebend überlassen hatten. Auf dem Gebiet der schönen Künste und Wissenschaften wurde so im 19. Jahrhundert der beispielgebende und Maßstäbe setzende Charakter des „Klassischen“ Altertums zumindest in Europa und Nordamerika weiterhin anerkannt. Ein Hauptzug und wesentlicher Inhalt der Deutschen Klassik bestand gerade darin, durch Erforschung und wissende Aneignung des Klassischen Altertums – in Deutschland vornehmlich des griechischen – die eigene Kultur überhaupt erst auf das ihr erreichbare Niveau zu heben. So schrieb Wilhelm von Humboldt (1807):

Wir haben in den Griechen eine Nation vor uns, unter deren glücklichen Händen alles, was, unserem innigsten Gefühl nach, das höchste und reichste Menschendasein bewahrt, schon zu letzter Vollendung gereift war ... Ihre Kenntnis ist nicht bloß angenehm, nützlich und notwendig, nur in ihr finden wir das Ideal dessen, was wir selbst sein und hervorbringen möchten; wenn jeder andere Teil der Geschichte uns mit menschlicher Klugheit und menschlicher Erfahrung bereichert, so schöpfen wir aus der Betrachtung der Griechen etwas mehr als Irdisches, ja beinahe Göttliches.

Getragen von solcher Begeisterung für die Antike und versorgt mit wissenschaftlichem Nachwuchs, der bereits auf den Gymnasien Humboldtscher Prägung mit soliden Kenntnissen der altgriechischen und lateinischen Sprache und Literatur ausgerüstet worden war, erlebte die Klassische Altertumswissenschaft und mit ihr die Alte Geschichte in Deutschland im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert ihre vielleicht höchste Blüte. Namen wie Barthold Georg Niebuhr, Johann Gustav Droysen, Leopold von Ranke, Ernst Curtius, Eduard Meyer, Karl Julius Beloch, Robert von Pöhlmann, Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt, Felix Jacoby und Hans Delbrück stehen noch heute international für Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung auf höchstem Niveau. Dem Umstand, dass man zunächst von einer engen Verbindung zwischen der griechisch-römischen Antike und der Gegenwart ausging, ist es auch zu verdanken, dass Historiker wie Droysen sich in ihren Forschungen sowohl mit dem Altertum als auch mit der Neuzeit befassten, nicht aber mit dem Mittelalter: Erst eine Weile, nachdem sich die Mittlere Geschichte als eigene Disziplin etabliert hatte, trennten sich auch die Wege von Alt- und Neuhistorikern.

Nach 1945 nahm die Bedeutung der klassischen Bildung in Deutschland und anderswo stark ab, was sich insbesondere auch im Rückgang der Latein- und Griechischkenntnisse zeigte: Wissen um die Antike gehört heute auch in gebildeten Schichten nicht mehr zu den Selbstverständlichkeiten. Das klassische Altertum verlor seinen Vorbildcharakter, es war und ist nicht länger Bezugspunkt des „Bildungsbürgertums“. Dies eröffnete den Historikern zugleich aber auch einen neuen, objektiveren Zugang zur Alten Geschichte. Hatte man so noch in den 1950er Jahren an Schulen und Universitäten erregt darüber diskutiert, ob man die Schriften Julius Caesars noch als Schullektüre verwenden dürfe, nachdem insbesondere Hermann Strasburger das idealisierte Caesar-Bild des deutschen Bildungsbürgers scharf angegriffen hatte, da der römische dictator nun nicht mehr als moralisches Vorbild der Jugend dienen könne, so wäre eine solche Debatte heute undenkbar. Auch die zeitgenössische Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Alten Geschichte fördert daher immer wieder – nicht nur, aber auch in Deutschland – bemerkenswerte Ergebnisse und Neubewertungen zu Tage. Zu erwähnen sind beispielsweise die aktuelle Troja-Forschung, deren Ergebnisse allerdings stark umstritten sind (Troja-Debatte), neue Ansätze zum Verständnis der athenischen Demokratie (Christian Meier, Paul Veyne), der römischen Republik (Martin Jehne, Karl-Joachim Hölkeskamp) und Kaiserzeit (Egon Flaig), neue Modelle zur Funktionsweise der griechischen (Pierre Vidal-Naquet) und gesamtantiken (Moses I. Finley) Wirtschaft (im Anschluss an und in Auseinandersetzung mit Rostovtzeff) sowie eine zunehmende Neubewertung der Spätantike durch Forscher wie Peter Brown oder Averil Cameron. Zu beobachten ist daneben eine Bedeutungszunahme archäologischer Quellen, obwohl nach wie vor Texte eindeutig im Mittelpunkt des Faches stehen. Diese wiederum werden seit dem späten 20. Jahrhundert stärker als zuvor mit literaturwissenschaftlich-textkritischen Methoden analysiert (Linguistic turn).

Grundsätzlich wird Althistorikern aufgrund der in der Regel engen Bindung an die Quellen oft eine gewisse „Theorieferne“ vorgeworfen; dies trifft aber höchstens teilweise zu, und nicht wenige Forscher haben sich schon vor langer Zeit verstärkt soziologischen und anderen Theorien und Modellen zugewandt. Prinzipiell stehen sich dabei „Modernisten“ und „Primitivisten“ gegenüber – während erstere (wie zum Beispiel Eduard Meyer oder Michael Rostovtzeff) eine grundsätzliche Ähnlichkeit und Vergleichbarkeit der Epochen annehmen und also an die Anwendbarkeit „moderner“ Theorien und Konzepte auf die Antike glauben, wird dies von den „Primitivisten“ (wie Max Weber oder Moses I. Finley) bestritten. Problematisch ist dabei, dass sich relativ viele Gelehrte über die (impliziten) theoretischen Voraussetzungen ihrer Forschungen selbst nicht immer im Klaren sind.

In der Alte Geschichte spielen Monographien eine größere Rolle als in vielen anderen Fächern; hinzu kommen Sammelbände und diverse Fachzeitschriften. Die wichtigsten unter den in Deutschland erscheinenden Fachorganen sind dabei Historia, Chiron und Klio, die auch international großes Ansehen genießen.

Siehe auch

Liste bekannter Althistoriker

Quelle - Literatur & einzelnachweise
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