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Die Ethnologie

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Die Ethnologie

Beitrag  checker am Di Nov 11, 2014 12:30 pm

Die Ethnologie (altgriechisch éthnos „fremdes Volk“, und -logie „Lehre“) oder Völkerkunde erforscht und vergleicht die Kulturen der weltweit rund 1300 ethnischen Gruppen und indigenen Völker,[1] vor allem ihre Wirtschaftsweisen, soziale und politische Organisation, Religionen, Rechtsvorstellungen, medizinischen Kenntnisse und gesundheitsbezogenen Praktiken, und ihre Musiken. Den deutschen und europäischen Kulturraum behandelt der Fachbereich Europäische Ethnologie (Volkskunde). International üblich ist auch die Bezeichnung „Sozialanthropologie“,[2] sowie Kulturanthropologie für die europäische Volkskunde.

Das Ethnologische Museum Berlin zeigt Dauer­aus­stel­lungen zu Afrika, Amer­ika, Ozea­nien und Asien (2010)

Die Ethnologie wird seit Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständiges Fach an Universitäten gelehrt, zunächst in Deutschland als Völkerkunde, dann in Großbritannien als social anthropology und schließlich in den USA als cultural anthropology. Im angelsächsischen Raum gilt sie als Teilgebiet der Anthropologie (Wissenschaft vom Menschen)[2] – im kontinentalen Europa wird diese allerdings eher als Naturwissenschaft (physische Anthropologie) und als Teilbereich ethnologischer Feldforschung verstanden. Methodische Grundlagen für Ethnologinnen und Ethnologen sind teilnehmende Beobachtungen, Ethnographien (Völkerbeschreibungen) und Kulturvergleiche.

Lange konzentrierte sich die Ethnologie auf außereuropäische, als schriftlos und nicht staatenbildend angesehene ethnische Gruppen und Gesellschaften, die in der deutschen und skandinavischen Völkerkunde irreführend als „Naturvölker“ bezeichnet wurden. In neuerer Zeit erweitert sich ihr Arbeitsfeld allgemein auf interkulturelle Kommunikation zwischen sozialen Gruppen, auch in modernen Industriegesellschaften, in städtischen Räumen,[3] in Zusammenhang mit Migration oder mit transnationalen Online-Gemeinschaften (Netnographien, Cyberanthropologie). Ethnologische Forschung und Tätigkeit sind heute weder auf Gegenwart oder Vergangenheit, noch auf bestimmte Gebiete der Welt beschränkt (siehe Liste regionaler Ethnologie).

Fachwissenschaft und Selbstverständnis
Was ist Ethnologie?

Thomas Hylland Eriksen: „Anthropologie ist das vergleichende Studium des kulturellen und sozialen Lebens. Ihre wichtigste Methode ist die teilnehmende Beobachtung, welche aus lange andauernder Feldforschung in einem besonderen sozialen Umfeld besteht.“
Clifford Geertz: „Wenn wir entdecken wollen, was den Menschen ausmacht, können wir das nur finden in dem, was die Menschen sind: Und was die Menschen sind, ist höchst unterschiedlich. Indem wir die Verschiedenheiten verstehen – ihr Ausmaß, ihre Natur, ihre Basis und ihre Implikationen – können wir ein Konzept der menschlichen Natur erstellen, mehr ein statistischer Schatten als ein primitivistischer Traum, das beides beinhaltet: Substanz und Wahrheit.“
Tim Ingold: „Anthropologie ist Philosophie mit den Menschen darinnen.“
Claude Lévi-Strauss: „Die Anthropologie hat die Menschheit zum Subjekt ihrer Forschung, aber anders als andere Wissenschaften vom Menschen, versucht sie ihr Objekt mittels unterschiedlichster Manifestationen zu erfassen.“

Perspektiven

Das Fach pflegt bestimmte Perspektiven, mit denen es sich von anderen Disziplinen unterscheidet. Klassischerweise spielte vor allem der Blickwinkel von unten (d. h. der Machtlosen und Unterprivilegierten) eine wesentliche Rolle (etwa von Minderheitengruppen, Kolonisierten oder Marginalisierten). Heute werden dagegen zunehmend auch vorherrschende Gruppen (z. B. gesellschaftliche Eliten) untersucht.

Ein weiterer wichtiger Blickwinkel ist die Perspektive von innen (auch emische Perspektive), d. h. der Versuch, die innere Wirklichkeit einer Kultur und ihrer Mitglieder zu würdigen, zu verstehen und zu erklären.

Drittens wird klassischer Weise v. a. das Fremde untersucht, während das Eigene erst langsam ins Blickfeld der Völkerkunde rückt. Dabei wurde häufig angenommen, dass das Fremde wie das Eigene und die Grenze dazwischen als gegeben und als selbstverständlich vorliegen. Heute wird, in Anlehnung an Fredrik Barths Ethnizitätstheorie, zunehmend auch auf den Grenzziehungsprozess zwischen dem Eigenen und dem Fremden hingewiesen.
Wissenschaftsgeschichte

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Ethnologie als ein Nischenfach. Sie hatte vor allem jene Völker und Kulturen zum Gegenstand, die von bereits länger etablierten Wissenschaften (Soziologie, Geschichte, Philologie, Indologie usw.) nicht erforscht wurden, mit denen aber vor allem europäische Kolonisatoren, Missionare und Reisende sehr oft zu tun hatten.

Seitdem das Fach gegen Ende des 19. Jahrhunderts Einzug in die Universitäten hielt, erweist sich die Definition des Gegenstandes dieser neuen Wissenschaft als schwierig, weil sie ursprünglich meist defensiv in Abgrenzung zu anderen Wissenschaften geschah und die erforschten Gesellschaften oft nur durch das bestimmt wurden, was ihnen im Gegensatz zu großen staatlichen Kulturen fehlte. Deshalb wurden vor allem folgende Negativ- bzw. Mangeldefinitionen des Gegenstandes gewählt:

nicht entwickelte (= primitive) Kulturen,
schriftlose Kulturen
nicht-industrielle Kulturen
nichtstaatliche Kulturen
„savages“, „sauvages“, „Wilde“ also nicht zivilisierte, nicht erzogene bzw. im Naturzustand befindliche Kulturen
geschichtslose und damit der Tradition verhaftete unmoderne Kulturen
nicht entfremdete oder von der eigenen westlichen Zivilisation unberührte Kulturen
nichteuropäische Kulturen

Oft wurden besonders auch diejenigen Gesellschaften untersucht, bei denen man davon ausging, dass sie vom Aussterben bedroht seien. Zusammenfassend und positiv gewendet lässt sich sagen, dass sich mit der Ethnologie eine Wissenschaft herausbildete, die zum allergrößten Teil stabile, überschaubare Kleingruppen im Zentrum hat, die sich durch hohe Kommunikationsdichte aller abhängigen Gesellschaftsmitglieder auszeichnen (Face-to-Face-Beziehungen) und sehr oft verwandtschaftlich oder quasi-verwandtschaftlich organisiert sind. Auch wenn sich Kleingruppen innerhalb von größeren gesellschaftlichen Verbänden organisieren, sind sie öfter ein Gegenstand ethnologischer Erforschung (Urbanethnologie, Unternehmensethnologie).

Vor allem in Kleingruppen kann man mit der Methode der teilnehmende Beobachtung zu sinnvollen und modellhaften Aussagen gelangen, ohne dabei statistische und quantitative Verfahren anwenden zu müssen. Durch die weitgehende und oft lange währende Unabhängigkeit der untersuchten Gruppen wurde einerseits eine holistische Perspektive möglich, in der ähnlich der Soziologie das Ganze einer Gesellschaft in den Blick genommen werden kann, während sie andererseits breiteste Vergleichsmöglichkeiten bietet, da in den Ethnographien ein riesiger Erfahrungsschatz unterschiedlichster menschlicher Lebensformen ausführlich verschriftlicht wurde. Sie eignet sich damit besonders gut für den Test von Generalisierungen.
Ethnologie im Kanon der Wissenschaften
Einflüsse auf die Ethnologie

Die Ethnologie hat viele Wissenschaftsdisziplinen nachhaltig beeinflusst und wesentlich zu einem veränderten Verständnis von Rationalität, Alterität, Gender, oder Postkolonialismus beigetragen. Umgekehrt ist der zeitgenössische Diskurs der Ethnologie einer Vielzahl theoretischer Strömungen ausgesetzt, die ihrerseits die kognitive Identität des Faches mitprägen. Im Zuge interdisziplinärer Forschung werden Fachgrenzen neu ausgelotet und neue Wissenskonfigurationen entstehen. Folgende Denker der letzten Jahrzehnte werden besonders häufig in der Ethnologie rezipiert:

Jean-François Lyotard (1924–1998)
Michel Foucault (1926–1984)
Pierre Bourdieu (1930–2002)
Jacques Derrida (1930–2004)
Edward Said (1935–2003)
Umberto Eco (* 1932)
Benedict Anderson (* 1936)
Gayatri Chakravorty Spivak (* 1942)
James Clifford (* 1945)
Bruno Latour (* 1947)
Judith Butler (* 1956)

Ethnologie und Europäische Ethnologie

Eine deutsche Besonderheit ist die Volkskunde, die an deutschsprachigen Hochschulen als eigenständiges Fach auch unter den Namen Europäische Ethnologie oder Kulturanthropologie geführt wird. Die Volkskunde untersucht das Andere in der eigenen (deutschen bzw. europäischen) Kultur und betont in ihrer Herangehensweise Phänomene des Alltags. Der Schwerpunkt liegt dabei im europäischen Raum, wobei Prozesse wie Globalisierung oder Transnationalisierung den Blick über die Grenzen Europas hinweg notwendig gemacht und zu einer größeren Schnittmenge mit der Ethnologie geführt haben. Diese bis heute anhaltenden inhaltlichen wie methodischen Annäherungen haben in den letzten Jahren zu Debatten um die Trennlinien der beiden Fächer geführt.[4]
Forschungsfelder der Ethnologie

Die Ethnologie bezieht fast alle gesellschaftswissenschaftlichen Themen als Unterdisziplin ein, daneben auch naturwissenschaftliche Aspekte wie Ethnopharmazie oder Ethnomathematik. Die Ethnologie erhebt damit den Anspruch einer interdisziplinären Grund- oder Leitwissenschaft,[5] weil die erforschten Gesellschaften aufgrund ihrer großen historischen oder räumlichen Trennung sehr weitreichende kulturelle Vergleiche erlauben. So ergibt sich ein besonders guter Überblick über die gegenseitigen Abhängigkeiten und Beeinflussungen gesellschaftlicher Subsysteme, die sonst meist nur einzeln untersucht werden.

Als wichtigste Fachbereiche der Ethnologie gelten:

Ethnoökologie (mit Ethnobotanik)
Wirtschaftsethnologie (wirtschaftliche Organisation)
Ethnosoziologie (soziale Organisation, britisch: social anthropology)
Politikethnologie (politische Organisation)
Religionsethnologie
Rechtsethnologie
Medizinethnologie
Ethnomedizin (mit Ethnopharmakologie, Ethnopharmazie, Ethnopsychiatrie, Ethnopsychoanalyse)
Musikethnologie

Weitere Forschungsfelder sind beispielsweise die Ethnolinguistik, Kognitionsethnologie, Kunstethnologie, Ethnopädagogik, Gender Studies (Geschlechterforschung), visuelle Anthropologie (Medieneinsatz), Aktionsethnologie (eingreifend) und allgemein interkulturelle Kommunikation (siehe auch Themenliste: Fachbereiche der Ethnologie).

Teilweise überschneiden oder überdecken sich die ethnologischen Fachgebiete mit Bereichen der Anthropologie (Menschenkunde), so wird beispielsweise die Wirtschaftsethnologie auch unter der Bezeichnung ökonomische Anthropologie geführt und es gibt die Religionsanthropologie, die Rechtsanthropologie oder die Musikanthropologie.
Methoden

Bis in das frühe 20. Jahrhundert ließen Ethnologen ihre Daten auf Expeditionen durch Reisende, Kolonialbeamte oder Missionare erheben, seit den 1920er Jahren erheben sie diese Daten zumeist selbst. Die Ethnologie gewann früher vor allem materielle Daten, es wurden ethnographische Objekte und Felsbildzeichnungen und weniger die orale Kultur (Erzählungen, Mythen) ausgewertet. Der materielle Schwerpunkt ergab sich aus der Tatsache, dass die meisten Ethnologen nicht wie heute an Universitäten tätig waren, sondern an Museen.

Heute ist das bedeutendste Verfahren zur Datenerhebung die ethnologische Feldforschung. Die charakteristischste Methode während des Feldaufenthaltes ist die teilnehmende Beobachtung, worunter die Integration des Forschers in das Leben einer Gruppe gefasst wird, um ihren Alltag wirklich zu verstehen. Die langanhaltende Augenzeugenschaft vor Ort ist für alle Ethnologen – sofern sie sich nicht kulturhistorischen Fragestellungen (einer der Feldforschungsethnologie gleichwertigen Ausrichtung) verschrieben haben – eine unabdingbare Grundlage der Forschung. Dies unterscheidet die Ethnologie auch von anderen Disziplinen wie den Cultural Studies, die sich zumeist der Analyse von Medienerzeugnissen zuwenden, und von der qualitiv arbeitenden Soziologie, die allenfalls Interviews durchführt.

In der Zeit der Feldforschung leben Ethnologen und Ethnologinnen eng mit der örtlichen Bevölkerung zusammen und lernen deren Alltag kennen. Die Besonderheit dieser Methode ist das kommunikationsgeleitete Vorgehen, um sich bei der Arbeit von den Begegnungen vor Ort leiten zu lassen. Dies führt im Übrigen dazu, dass das Fach weniger theoriegeleitet arbeiten kann als etwa die Nachbardisziplinen: aus dem Felde selbst ergeben sich und häufig erst die letztendlich relevanten theoretischen Fragestellungen – und die Forschungsergebnisse.

Neben dieser sehr zeitaufwändigen Forschung kommen verschiedene weitere qualitative Techniken der Datengewinnung zum Einsatz: ethnographische Interviews, die strukturiert, halbstrukturiert und offen sein können, Experten- und Fokusgruppengespräche, systematische Beobachtungen, biographische Methoden (siehe auch Ethnographische Methoden). Das Erlernen der im Forschungsgebiet gesprochenen Sprache(n) wird als unabdingbar angesehen. Entsprechend der Ausrichtung aktueller Fragestellungen auf die Verbindungen und Verflechtungen zwischen unterschiedlichen Orten hat sich auch die Forschung an mehreren Orten (multi-sited ethnography) als eine mögliche Vorgehensweise etabliert.
Geschichte
Fachgeschichte
Antike bis frühe Neuzeit

Ethnologie – in einem weiteren Sinn Ethnographie (d. h. die Beschreibung fremder Völker) – wurde schon in der griechischen und römischen Antike betrieben. Im 5. Jahrhundert v. Chr. gab Herodot von Halikarnassos bereits eine ausführliche und empirisch gestützte Darstellung der Völker der damals bekannten Welt und ihrer Sitten. Beschreibungen anderer Kulturen finden sich auch bei Platon, Aristoteles und anderen.

Herodot (490–425 v. Chr.) war ein Geschichtsschreiber, der Reisen in den anatolischen, syrisch-irakischen und arabischen Raum unternahm. Seine Schriften gelten als wichtige Quelle für die Geschichte der Antike. Herodot schrieb im fünften Jahrhundert vor Christus in den Historiai über die „barbarischen“ Stämme im Norden und Osten der griechischen Halbinsel, im Vergleich zu den Gewohnheiten und Vorstellungen der Athener.
Cornelius Tacitus (ca. 56 bis ca. 120): De origine et situ Germanorum
Marco Polo (1254–1324): Le divisament dou monde / Il Milione
Ibn Chaldun (1332–1406): Muqaddima

Zwei theologische Schulen prägten Universalideen:

Die augustinische Schule: Augustinus (354–430) setzt alle Probleme des Lebens in Rückverbundenheit zu Gott in Beziehung. Die unmittelbare Macht der Kirche – „deus et anima“ – schafft einen Weg zur theokratischen Gesellschaftsordnung. Aegidius Humanus denkt, jeder Ungläubige lebe in Feindschaft mit Gott. Dieses „Heidenproblem“ spricht Ungläubigen jeden Besitz ab, weil alles „von Gott“ sei. Papst Innozenz IV. legitimiert Gewalt gegen „Heiden“, erkennt den Nicht-Christen die Staatenbildung ab, meint aber, dass der freie Wille ein Naturgesetz sei. Durch die Unterordnung unter die Gewalt des Papstes sei den Menschen Wille und Menschsein zuerkannt. So verlasen die Entdecker entsprechende Texte, die für indigene Kulturen als Handlungsvorlage dienen sollten. Wenn die Entdeckten nicht nach christlichen Vorgaben handelten, war Gewalt legitimiert.
Die thomistische Schule: Thomas von Aquin (1225–1274) sah Gott als Ursache der Welt, die Macht der Kirche als mittelbar. Gott existiere im aristotelischen Denken, das auf Erfahrung beruht, aufgrund der Existenz der Welt. Die Bewegung der Welt und die Rechtsordnung fußten auf Erfahrung. Persönliche Freiheit, Eigentumsrecht und Eigenstaatlichkeit galten ihm als Naturrechte.

1537: Die Bulle Sublimus Dei des Papstes Paul III. bezeichnet die Entdeckten als „veri homines“, als Menschen also, die für die Christenheit gewonnen und missioniert werden können. Die absolute Stellung der Kirche, die alle Entdeckungen sowie herrschaftliche Entscheidungen für sich beansprucht, führt nach dem Investiturstreit zu einer Konfrontation der kirchlichen und weltlichen Macht.
José de Acosta (1540–1600): Auf der Grundlage einer umfassenden humanistischen Bildung schuf der Jesuit José de Acosta mit seiner Historia natural y mortal de las Indias ein herausragendes Werk, das unvoreingenommen über die „neue Welt“ und ihre Bewohner informiert und die amerikanischen Kulturen mit den europäischen vergleicht und in Beziehung setzt.

Neben den oben genannten abendländischen Schulen müssen auch Traditionen bedacht werden, die in anderen Kulturkreisen wurzeln. Dazu gehört die Wahrnehmung des Fremden durch jene Kulturen, denen sich die Ethnologie traditionellerweise zuwendet. Fritz W. Kramers Arbeit Der rote Fes über die Wahrnehmung europäischer Invasoren durch afrikanische Stämme ist ein Werk, das sich solchen Spiegelungen exemplarisch zuwendet.
Frühe Neuzeit bis heute
15. bis 17. Jahrhundert

Europa war eine religiöse, aber keine politische Einheit. Die Wertegemeinschaft des Christentums wirkte der politischen Uneinigkeit Europas entgegen. Daher hat Glaube auch heute noch politische Bedeutung. Die spanische Inquisition stellte das Christentum als den rechten Glauben dar und hoffte auf diese Weise das Maurenproblem zu lösen. 1492 wurde das letzte maurische Königreich zerstört, Amerika von Christoph Kolumbus wiederentdeckt, und 1610 erfolgten die letzten Vertreibungen von Mauren aus Spanien. Spanier und Portugiesen reisten nach Afrika, Indien, Mittel- und Südamerika, um Rohstoffe, Gold und Reichtümer zu rauben. Das Christentum sollte verbreitet werden. Nach den Entdeckungen überwog eine eurozentristische Sichtweise, die bis ins 20. Jahrhundert von Forschern und Kolonialisten nur wenig hinterfragt wurde.

Bernardino de Sahagún (1499–1590) thematisiert in der Historia general de las cosas de Nueva Espana Bräuche, Praktiken, Promiskuität und Kannibalismus.

Hans Staden (ca. 1525 – ca. 1576) schrieb 1557 die Wahrhaftige Historia und unterstützte das feindliche Verhalten gegenüber Wilden, die mit brutaler Härte als Nicht-Menschen angesehen wurden. Staden stand auf Seiten der Kirche. Verzerrte Darstellungen aus dieser Zeit schilderten Nacktheit, Kannibalismus und Promiskuität. Aus Vermutungen und Phantasien entstanden nachteilige Darstellungen, zum Beispiel auch auf Stichen. Kannibalen in Naturvölkern seien nicht missionierbar, Wilde nicht für das Christentum gewinnbar. Die weltanschauliche Botschaft verhinderte eine gegenseitige Achtung und überwand die Tötungshemmung.

Thomas Hobbes (1588–1679) Leviathan (1649/1651), Antonio de Oliveira de Cadornega (1610–1690), Joseph-Francois Lafiteau (1681–1746), Jean-Jacques Rousseau über den Contrat Social (1762).
19. bis 21. Jahrhundert

Für die Neuzeit hat zunächst die Epoche der großen Entdeckungsreisen zu neuen Kontakten mit fremden Völkern geführt, die sich vielfältig in Reiseliteratur und anderen Texten widerspiegeln (z. B. bei Montaigne (Über Kannibalen), bei Montesquieu und vielen anderen).

Im 19. Jahrhundert war die Völkerkunde vom Evolutionismus bestimmt, dessen Anliegen der Entwurf einer kulturellen Abfolge war. Oftmals stützten sich die Theorien nicht auf eigene Forschungen, sondern auf Berichte von Missionaren (Lehnstuhlethnologie).

In Deutschland arbeiteten die meisten Ethnologen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kulturhistorisch, d. h. man versuchte, die Geschichte der schriftlosen Völker zu rekonstruieren. Dieses Interesse wurde in anderen akademischen Nationen nicht geteilt – so fragten die britischen Social Anthropologists, die das Interesse an Geschichtlichem unwissenschaftlich empfanden, eher nach der Funktionsweise von Gesellschaften.

Neben den Kulturhistorikern (insbesondere die Wiener Schule um Pater Wilhelm Schmidt, aber auch weniger dogmatische, an Geschichte ausgerichtete Forscher) arbeiteten in Deutschland bis in die 1950er Jahre hinein v.a. kulturmorphologisch ausgerichtete Ethnologen (in der Tradition von Leo Frobenius). Die ethnosoziologische Ausrichtung Richard Thurnwalds, die seit den 1960er Jahren durch seinen Schüler Wilhelm Emil Mühlmann so einflussreich geworden ist, spielte bis dahin in Deutschland eher eine geringe Rolle.

Die Geburt der Ethnologie als wissenschaftlicher Disziplin fand im Schatten des Kolonialismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts statt. Häufig wird die Entstehung auf diesen kolonialen Bezug eingeengt. Insofern ist es nicht falsch, wenn man sie als eine Art verwissenschaftlichten schlechten Gewissens der Kolonialpolitik der europäischen Staaten bezeichnet – aber darin erschöpft sich die Fachgeschichte nicht. Nicht alle Ethnologen haben für die Kolonialregierungen gearbeitet. Es existieren auch Fachtraditionen, die gerade den Unterdrückten und Ausgebeuteten auch der Kolonien eine Stimme und damit eine Ermächtigung zu verleihen beabsichtigten oder sich einer humanistischen, rein beschreibenden Forschungstradition verpflichtet fühlten.

In der Zeit des Nationalsozialismus war die deutschsprachige Ethnologie rassistisch und teilweise esoterisch ausgerichtet.[6]

Obwohl schon frühere Ethnologen feldforschend tätig waren, begründete erst Bronisław Malinowski (1884–1942) die Forschungsmethode der teilnehmenden Beobachtung, die auch heute noch für das Fach wesentlich ist, als zentrale Zugangsweise des Faches.

Die Ethnologie war lange eine westeuropäisch geprägte Wissenschaft und hat ihre wichtigsten Exponenten in einigen jener Staaten gefunden, die rund um die Welt Macht beansprucht haben, vor allem England und Frankreich. Somit trägt sie beispielhaft den Vorwurf des Eurozentrismus aus. Heute wird das Fach maßgeblich von der amerikanischen Kulturanthropologie beeinflusst, so dass man eher von einem Amerozentrismus als einem Eurozentrismus sprechen könnte. Längst haben sich in den Ländern außerhalb Europas (z. B. in Indien, Brasilien und Japan) z. T. starke Ethnologien entwickelt. Völkerkundler aus der Dritten Welt werden in der weltweiten fachlichen Auseinandersetzung immer gegenwärtiger. Als Gegenkonzept zum Ethnozentrismus wurde die Interkulturalität entwickelt.

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Teil 2

Beitrag  checker am Di Nov 11, 2014 12:32 pm

Theoriegeschichte

Die Ethnologie arbeitet heute eher theorieexplorierend und -generierend als theorieprüfend: während die meisten anderen Disziplinen Theorien entwickeln und diese dann auf die empirische Realität anwenden, geht die Ethnologie den entgegengesetzten Weg und entwickelt ihre Theorien aus dem empirischen Material heraus. Bedeutende Theorien in der Fachgeschichte: Analytische Ethnologie, Evolutionismus, Diffusionismus, Funktionalismus, Strukturfunktionalismus, Strukturalismus, Neoevolutionismus, Kulturrelativismus, Kulturmaterialismus, Kognitive Ethnologie, Kulturökologie, Interpretative Ethnologie.
Personengeschichte
Wegbereiter

Michel de Montaigne (1533–1592)
Johann Gottfried Herder (1744–1803), Hauptwerk: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784–91)
Georg Forster (1754–1794)

19. Jahrhundert

Johann Jakob Bachofen (1815–1887)
Lewis Henry Morgan (1818–1881), Hauptwerk: Ancient Society (1877), Deutsch: Die Urgesellschaft
Adolf Bastian (1826–1905)
Edward Burnett Tylor (1832–1917), Hauptwerk: Primitive Culture (1871) und Anthropology (1881)
Joseph-Anténor Firmin (1850–1911), Hauptwerk: De l'Égalité des Races Humaines (1885)
James Frazer (1854–1941), Hauptwerk: The Golden Bough (1890), Deutsch: Der goldene Zweig
Frank Hamilton Cushing (1857–1900)


20. Jahrhundert

Lucien Lévy-Bruhl (1857–1939)
Franz Boas (1858–1942)
William Halse Rivers Rivers (1864–1922)
Frances Densmore (1867–1957)
Marcel Mauss (1872–1950), Hauptwerk: Essai sur le don. Forme et raison de l'échange dans les sociétés archaïques (1923–24), Deutsch: Die Gabe
Leo Frobenius (1873–1938)
Arnold van Gennep (1873–1957), Hauptwerk: Les rites de passage (1909)
Alfred Kroeber (1876–1960)
Fritz Graebner (1877–1934), Hauptwerk: Methode der Ethnologie (1911)
Alfred Radcliffe-Brown (1881–1955), Hauptwerk: The Andaman Islanders (1922)
Robert Lowie (1883–1957)
Edward Sapir (1884–1939)
Bronisław Malinowski (1884–1942), Hauptwerk: Argonauts of the Western Pacific (1922), Deutsch: Argonauten des westlichen Pazifiks
Ruth Benedict (1887–1948)
Leslie White (1900–1975)
Margaret Mead (1901–1978)
Raymond Firth (1901–2002)
Julian Steward (1902–1972)
Edward E. Evans-Pritchard (1902–1973)
Gregory Bateson (1904–1980), Hauptwerk: Steps to an Ecology of Mind (1972)
Clyde Kluckhohn (1905–1960)
Meyer Fortes (1906–1983)
Claude Lévi-Strauss (1908–2009)
Edmund Leach (1910–1989)
Fei Xiaotong (1910–2005), Hauptwerk: Xiangtu Zhongguo 鄉土中國 (Englisch: From the Soil: The Foundations of Chinese Society)
Max Gluckman (1911–1975)
Louis Dumont (1911–1998)
Victor Turner (1920–1983), Hauptwerk: The Ritual Process (1969)
Mary Douglas (1921–2007), Hauptwerk: Purity and Danger (1966)
Eric Wolf (1923–1999), Hauptwerk: Europe and the People Without History (1982)
Ernest Gellner (1925–1995), Hauptwerk: Nations and Nationalism (1983)
Clifford Geertz (1926–2006), Hauptwerk: The Interpretation of Cultures (1973)
Marvin Harris (1927–2001)
Pierre Clastres (1934–1977), Hauptwerk: La Société contre l'État (1974), Deutsch: Staatsfeinde: Studien zur politischen Anthropologie


Zeitgenössische Anthropologie (+)

Jack Goody (* 1919)
Georges Balandier (* 1920)
René Girard (* 1923)
Fredrik Barth (* 1928)
Marshall Sahlins (* 1930), Hauptwerk: Stone Age Economics (1974)
Maurice Godelier (* 1934)
Marc Augé (* 1935)
Maurice Bloch (* 1939)
Michael Taussig (* 1940)
Paul Rabinow (* 1944), Hauptwerk: Essays in the Anthropology of Reason (1997), Deutsch: Anthropologie der Vernunft
George Marcus (* 1946)
Arjun Appadurai (* 1949), Hauptwerk: Modernity at Large (1996)
Philippe Descola (* 1949)
David Graeber (* 1961)
Thomas Hylland Eriksen (* 1962)

(+) Auch wenn viele Institute im deutschsprachigen Raum 'Ethnologie' als Fachbezeichnung gewählt haben, soll die Bezeichnung 'Anthropologie' den gegenwärtig starken Einfluss der englischsprachigen anthropology, bzw. der französischsprachigen anthropologie reflektieren. Allerdings zeichnet sich auch im deutschen Sprachraum ein Bedeutungswandel ab, der einer bisher eher physisch-biologisch oder philosophisch verstandenen Anthropologie eine Sozial- und Kulturanthropologie gegenüberstellt.
Gegenwärtige deutschsprachige Ethnologen

Gerd Spittler (* 1939), Universität Bayreuth
Fritz W. Kramer (* 1941), Hochschule für bildende Künste Hamburg
Michael Oppitz (* 1942), Universität Zürich
Georg Pfeffer (* 1943), Freie Universität Berlin
Mark Münzel (* 1943), Philipps-Universität Marburg
Hans Peter Duerr (* 1943), Universität Bremen
Ute Luig (* 1944), Freie Universität Berlin
Bernhard Streck (* 1945), Universität Leipzig
Karl-Heinz Kohl (* 1948), Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Thomas Bierschenk (* 1951), Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Günther Schlee (* 1951), Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Andre Gingrich (* 1952), Universität Wien
Carola Lentz (* 1954), Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Thomas Hauschild (* 1955), Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Christoph Antweiler (* 1956), Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Judith Schlehe (* 1956), Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Susanne Schröter (* 1957), Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Mareile Flitsch (* 1960), Universität Zürich
Dieter Haller (* 1962), Ruhr-Universität Bochum
Bettina Beer (* 1966), Universität Luzern
Roland Hardenberg (* 1967), Eberhard Karls Universität Tübingen

Siehe auch

Liste von Ethnologen
Deutschsprachige Ethnologie-Studiengänge
Moving Anthropology Student Network (transnationales Netzwerk für Studierende)
Ethnizität (Einordnung kultureller Identitäten)
Liste von Museen für Völkerkunde (mit Ethnographischen Museen)
Interkulturelle Kommunikation (zwischen unterschiedlichen Kulturen)
Personale Kategorisierung (Beruf, Geschlecht, Rasse)

Liste aller Wikipedia-Artikel, die Ethnologie im Titel enthalten

Portal: Ethnologie – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Ethnologie

Quelle - Literatur & einzelnachweise
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