Suchen
 
 

Ergebnisse in:
 


Rechercher Fortgeschrittene Suche

Die neuesten Themen
» Hans Seidel Stiftung - Banziana 2017
Sa Jun 17, 2017 11:20 pm von Andy

» Volkspolizist Fritz Fehrmann oder Tod unter dem Fallbeil
Sa Jun 17, 2017 10:54 pm von Andy

» Der Deutsche Einzelhandelstag
Sa Jun 17, 2017 10:32 pm von Andy

» Stern Combo Meissen
Sa Jun 17, 2017 10:13 pm von Andy

» Die Kulturanthropologie
Sa Mai 27, 2017 10:48 pm von checker

» Adolf Grimme
Sa Mai 27, 2017 10:39 pm von checker

» Die Anthropologie
Sa Mai 27, 2017 10:31 pm von checker

» Das 14-Punkte-Programm
Sa Mai 27, 2017 10:22 pm von checker

» Der Londoner Vertrag 1915
Sa Mai 27, 2017 10:05 pm von checker

Navigation
 Portal
 Index
 Mitglieder
 Profil
 FAQ
 Suchen
Partner
free forum
Juni 2017
MoDiMiDoFrSaSo
   1234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930  

Kalender Kalender


Mittellatein

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

Mittellatein

Beitrag  checker am So Jan 25, 2015 12:29 am

Unter dem Begriff Mittellatein werden die vielfältigen Formen der lateinischen Sprache des europäischen Mittelalters (etwa 6. bis 15. Jahrhundert) zusammengefasst, in unscharfer Abgrenzung einerseits zum vorausgehenden Latein des späten Altertums bzw. der Spätantike und andererseits zum in der Renaissance aufkommenden, konsequenter am klassischen Latein ausgerichteten sogenannten Neulatein. Abkürzend werden mit diesem Begriff bzw. seiner adjektivischen Ableitung oft auch die lateinische Literatur des Mittelalters und die lateinische Philologie des Mittelalters (Mittellatein bzw. mittellateinische Philologie) und dementsprechend der Ausübende der lateinischen Philologie des Mittelalters als Mittellateiner bezeichnet. Der Begriff Mittellatein ist eine Analogiebildung zu Mittelhochdeutsch und als solche aufgrund der unzutreffenden Assoziationen, die sie auszulösen pflegt, problematisch, gleichwohl aber fest eingebürgert. Ausgehend von der Literatursprache der spätantiken Kaiserzeit, der Sprache der Jurisprudenz und der Kirchenväter, zuweilen, jedoch keineswegs durchgängig, beeinflusst von den romanischen Sprachen oder der jeweiligen Muttersprache des Autors, aber entgegen verbreiteten Vorurteilen („Küchenlatein“) immer wieder auch im Kontakt mit der antiken Literatur der klassischen Periode, insbesondere der Dichtung, entstand ein äußerst heterogenes Sprachmaterial, das die ganze Spannbreite von umgangssprachlicher, kolloquialer, pragmatischer Diktion bis zu hochrhetorischer oder dichterischer Stilisierung auf höchstem Niveau umfasst und in seinen Spitzenerzeugnissen den Vergleich mit der antiken, viel stärker durch die Selektion des Überlieferungsprozesses gefilterten Literaturproduktion genauso wenig zu scheuen braucht wie den mit der gleichzeitigen oder späteren volkssprachigen Literaturproduktion.


Seite mit mittellateinischem Text aus den Carmina Cantabrigiensia (Cambridge University Library, Gg. 5. 35), 11. Jhd.

Allgemeines


Prüfeninger Weiheinschrift von 1119

Das Mittellatein, d. h. genauer die vielgestaltigen Sprachformen, die zwischen Spätantike und Humanismus (ca. 550–1500) als Schriftsprache verwendet wurden, nimmt in der Wissenschaft und auch in der Schule nicht den ihm zukommenden Platz ein, weil man seine Inhalte, sein Wesen und seinen Wert nicht genügend kennt. In der Geschichte der Philologien wurde es noch bis in die jüngste Vergangenheit hinein zumeist aus klassizistischer Perspektive als minderwertiges Anhängsel der klassisch-römischen Literatur oder vom Standpunkt eines romantischen Nationalismus aus als bedauerliche Verdrängung der Muttersprache und kulturelle Selbstentfremdung betrachtet und dementsprechend abgewertet.

Als sich die Schriftsteller zu Beginn des Mittelalters mit Antike und Christentum zu befassen hatten, stand ihnen in der Romania, also in dem Gebiet, in dem sich das Latein als Umgangssprache hatte festsetzen können, nur das Latein als ausgebildete Schrift- und Buchsprache zur Verfügung; die romanischen Buchliteraturen sollten sich erst im späteren Mittelalter (ca. ab 12./13. Jhr.) herausbilden. Auch die Germania vermochte mit keiner geeigneteren Schriftsprache aufzuwarten, als es das Latein war, zumal die germanischen Sprachen eine von der Mittelmeerwelt ganz abweichende Kultur und (meist mündliche) Überlieferung entwickelt hatten. Da außerdem der Geistliche, der damals zugleich der Schreibende war, täglich von Berufs wegen mündlich und schriftlich mit jenem Latein umging, das er als die Sprache der Bibel, ihrer Exegese, der christlichen Dogmatik und der Liturgie vorfand, war es nur nachvollziehbar, dass man diese Sprache als Schriftsprache übernahm. Dieses Mittellatein unterscheidet sich nun in zahlreichen Punkten vom klassischen Latein. Die Abweichungen von der klassischen Norm haben verschiedene Ursachen:

Neben dem Latein als Schrift- und Bildungssprache haben sich in der Romania allmählich verschiedene Volkssprachen entwickelt, die alle Weiterentwicklungen des sogenannten Vulgärlateins sind. Jeder Verfasser von Texten lässt nun Elemente der eigenen Muttersprache in seine Schriftsprache einfließen. Dies gilt auch für Personen nicht-romanischer Zunge. Das Ausmaß solcher Einflüsse hängt natürlich in starkem Maße von der Ausbildung des jeweiligen Verfassers ab. Aufs Ganze gesehen halten sich die volkssprachlichen und vulgärlateinischen Einflüsse, zumal solche, die nicht durch das Bibellatein vermittelt sind, jedoch in Grenzen. Daher zerfällt das Mittellatein trotz einiger identifizierbarer nationaler Besonderheiten nicht in Dialekte oder Regionalsprachen, sondern weist eine horizontale Gliederung nach Stilniveau und Gattungen auf. Weniger ausgeprägt in Morphologie und Syntax, deutlich dagegen in der Wortbildung, lassen sich innerhalb des Mittellateins epochenspezifische Entwicklungen beobachten.
Da das Latein – trotz aller sprachlicher Kompetenz und Differenzierungsfähigkeit vieler Schriftsteller – für alle eine erlernte Sprache ist, wird es (vor allem in der Syntax) allmählich vereinfacht. Typisch lateinische Erscheinungen werden, vor allem wenn sie in den romanischen Sprachen bereits aufgegeben worden sind oder in der jeweiligen Muttersprache nicht existieren, aufgegeben oder zumindest seltener benutzt, so z. B. der AcI, der Ablativus absolutus und die Vielfalt und Verschachtelung der Nebensätze.
Die neuen sozialen und politischen Strukturen (Christentum, Feudalismus) wirken auch auf die Sprache, vor allem im Bereich des Wortschatzes, wo zahlreiche Neuschöpfungen nötig werden und viele Wörter ihr Bedeutungsspektrum erweitern.

Das Latein war durch das ganze Mittelalter hindurch eine lebendige Sprache, die in den gebildeten Schichten nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich fließend beherrscht wurde, wozu auch die aktive Beherrschung der Versformen und Metrik gehörte. Alle, die über eine gewisse Bildung verfügten, waren also zweisprachig: Sie sprachen zum einen ihre jeweilige Muttersprache, zum andern Latein, das deshalb oft auch als „Vatersprache“ des Mittelalters bezeichnet wird. Wie bereits gesagt, breitete sich das Mittellatein weit über die Grenzen des Imperium Romanum aus, so bis nach Ostdeutschland, Jütland, auf die dänischen Inseln, nach Schweden, Norwegen und Island, auch in die slawischen Gebiete bis ins eigentliche Russland hinein und nach Ungarn und Finnland.

Die „Vatersprachlichkeit“ äußerte sich darin, dass man antike Wörter mit neuen Bedeutungen ausstattete, neue Ableitungen und Wörter bildete und überhaupt mit der Sprache wie mit einer Muttersprache, die sich ja auch ständig wandelt, umging, ohne allerdings je die Vorbilder der klassischen Zeit zu vergessen, denen man immer stark verpflichtet blieb. Die Abweichungen vom klassischen Latein berechtigen also in keiner Weise dazu, das Mittellatein als minderwertig, die Schriftsteller und Dichter als halbgebildete Stümper und die Literatur dieser Zeit als banal und naiv abzustempeln.

Mit dieser Sprache trachteten nun die Schriftsteller und Dichter hauptsächlich danach, eine Literatur hervorzubringen, deren Blick weniger auf die Antike als vielmehr auf die Gegenwart mit all ihren tiefgreifenden sozialen, kulturellen und politischen Umwälzungen gerichtet war. Die literarischen Gattungen, die gepflegt wurden, sind zahllos. Neben den traditionellen, wie Geschichtsschreibung, Biographie, Brief, Epos, Lehrgedicht, Lyrik, Satire und Fabel, kommen neue, wie die Heiligenlegende, der Translationsbericht, die Mirakelsammlung, der Visionsbericht, die Homilie, das Figurengedicht, der Hymnus und die Sequenz, Rätseldichtung sowie das geistliche Spiel und die vom antiken Drama ganz unabhängige Comedia. Vereinzelt stehen die Dramen der Hrotswith von Gandersheim als kontrastimitative Auseinandersetzung mit dem Vorbild des Terenz. Das vom Christentum aufgrund seiner Verbindung mit dem heidnischen Kult abgelehnte und an die Voraussetzung der antiken Stadtkultur gebundene Drama hat von dieser Ausnahme abgesehen zunächst keine Fortsetzung erfahren. Weit verbreitet ist die nur durch wenige antike Beispiele vertretene Parodie. Eine große Bedeutung kam natürlich der religiösen Literatur zu, die sowohl Prosa als auch poetische Werke beinhaltet und die teils ein breiteres Publikum, teils die gebildeten Eliten als Zielpublikum hatte. An ersteres richteten sich die populären Fassungen von Heiligenlegenden (z. B. die Legenda aurea von Jacobus de Voragine), Wundergeschichten und andere Exempla (z. B. die Werke von Caesarius von Heisterbach), die zum Teil schon früh in die Volkssprachen übersetzt wurden und auch auf dem Umweg über Predigten, für die sie als Materialsammlungen dienten, ihr Zielpublikum erreichten, an letztere z. B. theologische Traktate, Bibelkommentare und die meisten poetischen Werke, die ihren Ort vor allem im Schulbetrieb, zum Teil auch in der Hofgesellschaft und in der Umgebung gebildeter Bischöfe hatten. Weitgehend unabhängig vom Thema werden Prosa und Vers je nach Anlass und Zielpublikum eingesetzt. Formtypen, die Prosa und Vers in unterschiedlicher Weise kombinieren, sind Opus geminum und Prosimetrum. Ausgehend von den antiken Voraussetzungen (Illustrationen in Fachliteratur, Dichtung, Bibel) entstehen seit der karolingischen Renaissance zunehmend bebilderte Werke, deren Illustration in Einzelfällen auf den Autor selbst zurückgeführt werden kann. Literaturproduktion und Buchmalerei stehen daher oft in einem genetischen Zusammenhang. Für die Dichtung stehen zwei grundsätzlich verschiedene Verstechniken, die in der antiken Tradition weitergeführte metrische, d. h. durch Regulierung der Abfolge der Silbenlängen (Quantität) organisierte Technik und die aus der volkssprachigen Dichtung stammende silbenzählend-akzentrhythmische Technik nebeneinander zur Verfügung und werden nicht selten vom selben Autor wahlweise zur Anwendung gebracht. Die Anfänge der letzteren stehen in engem Zusammenhang mit der Musik des Mittelalters, denn es handelt sich hier fast ausnahmslos um vertonte Dichtung. Die metrische Dichtung steht aufgrund der zu ihrer fehlerfreien Handhabung unverzichtbaren intensiven Auseinandersetzung mit klassischen Vorbildern wie Vergil und Ovid sowie den christlichen Dichtern der Spätantike auch sprachlich-stilistisch am stärksten in der Tradition der antiken Dichtersprache.

Die mittellateinische Literatur steht zeitlich vor der volkssprachigen Literatur und hat diese auch nachhaltig beeinflusst: Dichter wie z. B. Dante Alighieri oder Francesco Petrarca in Italien, die zum Teil noch in Latein dichteten, übertrugen Inhalte und Stil auch auf ihre italienisch geschriebenen Werke. Die germanischen Literaturen erscheinen im Licht des heute Überlieferten sogar noch unselbständiger und weisen bis ins 12. Jahrhundert fast ausschließlich aus dem Lateinischen mehr oder weniger genau übersetzte Texte auf. Dabei muss jedoch daran erinnert werden, dass gerade die stark von der kirchlichen Mittelmeertradition abweichende germanische Volks- und Heldendichtung nach Einführung des Christentums zuerst nicht mehr gepflegt worden war, bald verboten wurde und trotz vieler mittelbarer Hinweise auf ihren einstigen Reichtum nur in den seltensten Fällen (von Mönchen!) für die Nachwelt gerettet wurde (Waltharius). Allein in England, dessen Kultur sich in den ersten Jahrhunderten nach der Konversion recht frei von Bevormundung durch kontinentale Strömungen entfaltete (6.—9. Jh.), entstand bereits im frühen Mittelalter eine Buchliteratur in der Volkssprache, deren ältestes Zeugnis das Stabreimepos Beowulf ist (ähnliche Hinterlassenschaften aus dem Frankenreich, die zeitgenössische Geschichtsschreiber erwähnen, sind für uns verlorengegangen). Natürlich hat umgekehrt auch die Volksdichtung stark auf die mittellateinische Literatur gewirkt. Seit etwa dem 12. Jahrhundert gibt es sogar – z. B. in den Carmina Burana – zahlreiche Gedichte, die teils lateinisch, teils auf Deutsch geschrieben sind.

Das Ende bereiteten dem Mittellatein nicht etwa die Volkssprachen, sondern der Humanismus und das durch ihn hervorgerufene sogenannte Neulatein, das sich im 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts allmählich durchsetzte und durch eine wesentlich strengere, an wenigen klassischen Autoren, bes. Cicero und Vergil, orientierte Normierung die lebendige Sprachentwicklung lähmte, zu einer Verarmung und mangelnder Flexibilität führte und dadurch ungewollt trotz der sprachlichen Virtuosität seiner elitären Repräsentanten der Verwendung der lateinischen Sprache im Alltag allzu hohe Hürden entgegensetzte. So haben – Ironie des Schicksals – gerade die leidenschaftlichsten Verfechter und Liebhaber des Lateinischen, die Humanisten, durch ihren Kampf gegen das nach ihrer Ansicht barbarische Mittellatein und ihr Insistieren auf die Norm der klassischen Antike als alleingültigen Maßstab wesentlich zur Verdrängung der lateinischen Sprache beigetragen. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt das Latein als Sprache der Bildung und Politik zu erstarren und zu „sterben“.
Merkmale des Mittellateins und Abweichungen vom klassischen Latein
Graphie und Aussprache (Phonologie)

Die Darstellung der Phonetik des Mittellatein stößt vor allem aus drei Gründen auf erhebliche Schwierigkeiten, erstens dem Zeitraum von rund eintausend Jahren, innerhalb dessen es zu erheblichen Veränderungen kam, zweitens der räumlichen Erstreckung über große Teile Europas und der damit verbundenen regionalen Beeinflussung durch die verschiedensten in diesem Großraum verwendeten Volkssprachen und drittens der Schwierigkeit ihrer Rekonstruktion ausschließlich aus den handschriftlichen Zeugnissen und den Interferenzen mit den Volkssprachen.[1] Eine einheitliche Aussprache konnte es unter diesen Umständen nicht geben. Trotzdem lassen sich einige allgemeingültige Aussagen machen.[2]

Der bereits für die antike Umgangssprache belegte phonetische Zusammenfall der Diphthonge ae mit ĕ und oe mit ē führt früh zu orthographischen Konsequenzen. Das a wird zunächst, vor allem in der Kursive, subskribiert, später entwickelt sich die sogenannte e caudata, das e mit einem Schwänzchen als Unterlänge (ę). Seit dem 12. Jhr. werden æ und œ meist durch einfaches e wiedergegeben, z. B. precepit für præcēpit, insule für īnsulæ, amenus für amœnus. Dazu kommen umgekehrte („hyperkorrekte“) Schreibungen wie æcclesia statt ecclēsia, fœtus statt fētus und cœlum statt cælum. Die Humanisten beleben die zeitweise verschwundene e caudata wieder.
Vor allem im frühmittelalterlichen Latein begegnen häufig Vertauschungen von e und i.
y statt i und œ findet sich nicht nur in griechischen Wörtern, sondern auch in lateinischen, z. B. yems für hiems, yra für īra; vgl. den Titel Yconomica (Œconomica) Konrads von Megenberg.
h wird fortgelassen oder hinzugefügt, im Anlaut, z. B. iems für hiems, ora für hōra und hora für ōra, und auch sonst, z. B. veit für vehit; besonders nach t, p und c, z. B. thaurus für taurus, spera für sphæra, monacus für monachus, conchilium für concilium und michi für mihī.
Da t und c vor halbvokalischem i zusammengefallen war, werden sie auch in der Schrift sehr oft vertauscht, z. B. tercius für tertius, Gretia für Græcia.
Konsonantengemination wird oft vereinfacht oder abundierend gesetzt, z. B. litera für littera, aparere für apparēre und edifficare für ædificāre.
Unbequeme Konsonantengruppen werden vereinfacht, z. B. salmus für psalmus, tentare für temptāre.
Sehr häufig und offensichtlich aus dem Vulgärlatein übernommen sind Dissimilationen, z. B. pelegrinus für peregrīnus (vgl. im Deutschen Pilger; ebenso franz. pèlerin, ital. pellegrino), radus für rārus (vgl. italienisch di rado).

Morphologie
Konjugation

Verwechslung von „normalen“ Verben und Deponentien, z. B. (ad)mirare statt (ad)mīrārī, viari statt viāre (= reisen).
Zahlreich sind Konjugationswechsel anzutreffen, z. B. aggrediri für aggredī, complectari für complectī, prohibire für prohibēre (vgl. ital. proibire), rídere für rīdēre (vgl. ital. ridere) und potebat für poterat (vgl. ital. potere).
Beim Futur finden sich Verwechslungen zwischen b- und e-Futur, z. B. faciebo für faciam, negam für negābō.
Das Passiv Perfekt wird sehr oft mit fui statt sum gebildet: interfectus fuit (Aus dieser Verwendung, die im Übrigen schon im klassischen Latein vereinzelt zur Bezeichnung eines Zustandes in der Vergangenheit begegnet, hat sich das franz. passé composé bzw. das ital. passato prossimo entwickelt).
Zusätzliche periphrastische Verbformen: Die Umschreibung mit habēre und Partizipium Perfekt Passiv (z. B.lībrōs perditōs habeō), im klassischen Latein nur zur nachdrücklichen Bezeichnung eines dauernden Zustandes verwendet, kann das gewöhnliche Perfekt Passiv oder auch Aktiv ersetzen; dicēns sum.

Deklination

Es ist eine gewisse Unsicherheit beim Umgang mit den verschiedenen Deklinationen feststellbar, so dass Wörter manchmal von einer Deklination in die andere übergehen, z. B. noctuum für noctium, īgnīs für īgnibus. Häufiger wird auch die pronominale Dativ-Endung -ī durch -ō ersetzt: illō für illī. Allgemein besteht die Tendenz, Wörter der u-Deklination in die o-Deklination und Wörter der e-Deklination in die ā-Deklination überzuführen, z. B. senātus,-ī statt senātus,-ūs, magistrātus,-ī statt magistrātus,-ūs oder māteria für māteriēs (= Bauholz), effigia für effigiēs (= Bildnis).
Wechsel des Genus, vor allem „Niedergang“ des Neutrums (vgl. romanische Sprachen), z. B. cornus statt cornū, maris statt mare (= das Meer), fātus statt fātum, domus tuus statt domus tua, timor māgna statt timor māgnus.
Mit wenigen Ausnahmen kann (wie in den romanischen Sprachen) jedes Adjektiv durch Voransetzung von plūs oder magis gesteigert werden, z. B. plūs/magis nobilis und manchmal auch zusammen mit dem synthetischen Komparativ plūs/magis nobilior. Seltener ist die Verwendung eines Komparativs statt des Superlativs, z. B. Venit sibi in mente, ut maiorem principem, qui in mundo esset, quæreret.

Syntax

Die Demonstrativpronomina werden meist nicht mehr so scharf geschieden wie im klassischen Latein. So können hic, iste, ipse, īdem wie is verwendet werden.
Die beiden Partizipien præfātus und prædictus (eigtl. vorhergenannt) werden als neue Demonstrativpronomina oft wie ille gebraucht.
Statt der nicht-reflexiven Pronomina stehen oft die reflexiven, also sē = eum, suus = eius.
Manche Verben werden mit einem anderen Kasus verbunden, z. B. adiuvāre, iubēre, sequī, vetāre + Dat.; fruī, ūtī, fungī + Akk.
Anstelle eines Accusativus cum infinitivo wird gern ein quod- oder gar ein quia-Satz gesetzt (so aber bereits in der Vulgata), auch quāliter-Sätze begegnen in dieser Funktion.
Die Konjunktion dum wird oft statt temporalem cum verwendet.
Erzähltempus ist nicht mehr nur Perfekt und Praesens historicum, sondern auch das Imperfekt, ja sogar das Plusquamperfekt. Man gebraucht auch das Präsens anstelle des Futur I und das Perfekt statt Futur II.
Die cōnsecutiō temporum (Zeitenfolge) wird nicht mehr streng beachtet. So findet sich in Gliedsätzen oft Konjunktiv Plusquamperfekt statt Konjunktiv Imperfekt.
Die finale Verwendung des Infinitivs, die im klass. Latein selten und meist nur poetisch bezeugt ist, wird häufig, z. B. Abiit mandūcāre für Abiit, ut ederet bzw. mandūcātum abiit.
Anstelle des Partizip Präsens Aktiv steht oft ein Gerundium im Ablativ, z. B. loquendō für loquēns (vgl. das ital. und span. gerundio sowie das franz. gérondif).

Vokabular

Das Latein des Mittelalters zeichnet sich durch einen erheblich umfangreicheren Wortschatz aus, der einerseits durch lateinische Neubildungen mithilfe von Präfixen und Suffixen sowie semantische Fortbildungen bereichert wird, andererseits frei aus verschiedenen anderen zeitgenössischen Volkssprachen sowie dem Griechischen Anleihen macht. Da ein großer Teil der frühen christlichen Literatur in dieser Sprache verfasst worden und auch in der lateinischen Bibelübersetzung mancher griechische Ausdruck beibehalten worden war, war griechisches Wortmaterial bereits in der Spätantike in erheblichem Umfang in die lateinische Sprache aufgenommen worden. Wenn man sich auch von den griechischen Sprachkenntnissen der meisten mittelalterlichen Gelehrten keine übertriebenen Vorstellungen machen darf, so waren sie doch in der Lage, anhand griechisch-lateinischer Glossare oder Bilinguen weitere Neubildungen vorzunehmen. Eine weitere Quelle waren die Sprachen der germanischen Völker, die in Mitteleuropa die Nachfolge der Römer antraten. Weiterhin wurden viele klassische lateinische Vokabeln, die nicht mehr im Gebrauch waren, durch Wortneubildungen auf der Basis des Vulgärlateins und der germanischen Sprachen ersetzt.

Beispiele

Allzu kurze Wörter werden durch längere (und oft regelmäßigere) ersetzt, z. B. īre durch vadere, ferre durch portāre, flēre durch plōrāre, equus durch caballus, ōs durch bucca und rēs durch causa;
Besonders oft verdrängen sogenannte Intensiva auf -tāre das zugrunde liegende Verb, z. B. adiutāre statt adiuvāre, cantāre statt canere und nātāre statt nāre.
Oft bekommen aus der Antike übernommene Wörter neue Bedeutungen: breve der Brief, die Urkunde, convertere und convertī ins Kloster gehen, corpus die Hostie, plēbs die (christliche) Gemeinde, homō der Untergebene, comes der Graf (vgl. franz. comte, ital. conte), dux der Herzog (vgl. franz. duc), nōbilis der Freie, advocātus der Vogt;
Es werden auch zahlreiche neue Wörter geschaffen oder entlehnt: bannus (zu dt. Bann) die Gerichtsbarkeit, lēgista der Jurist, camis(i)a das Hemd; vgl. den Titel De ente et essentia.

Wichtige mittellateinische Autoren
6. Jahrhundert 7. Jahrhundert 8. Jahrhundert

Benedikt von Nursia
Boethius
Cassiodor
Columban von Luxeuil
Eugippius
Fulgentius von Ruspe
Gildas
Gregor von Tours
Gregor der Große
Jordanes
Venantius Fortunatus



Adamnanus von Hy
Aldhelmus von Malmesbury
Jonas von Bobbio
Isidor von Sevilla
Eugenius von Toledo
Fredegar
Julian von Toledo



Alkuin
Ambrosius Autpertus
Arbeo von Freising
Winfrid Bonifatius
Beda Venerabilis
Paulus Diaconus
Paulinus von Aquileia

9. Jahrhundert 10. Jahrhundert 11. Jahrhundert

Agius (Dichter) von Corvey
Agnellus von Ravenna
Agobard von Lyon
Amalarius von Metz
Astronomus
Beatus von Liébana
Brun Candidus von Fulda
Dhuoda
Eigil von Fulda
Einhard
Ermoldus Nigellus
Florus von Lyon
Frechulf von Lisieux
Gottschalk der Sachse
Heiric von Auxerre
Hilduin von Saint-Denis
Hrabanus Maurus
Johannes Scotus Eriugena
Jonas von Orléans
Lupus von Ferrières
Modoin
Nithard
Notker Balbulus
Paschasius Radbertus
Ratpert von St. Gallen
Ratramnus von Corbie
Remigius von Auxerre
Rimbert von Bremen
Sedulius Scottus
Smaragdus von St.-Mihiel
Thegan
Theodulf von Orléans
Walahfrid Strabo



Ekkehart I. von St. Gallen
Flodoard von Reims
Hrotsvit
Liutprand von Cremona
Rather von Verona
Regino von Prüm
Richer von Reims
Widukind von Corvey



Adam von Bremen
Anselm von Canterbury
Brun von Querfurt
Ekkehard IV. (St. Gallen)
Frutolf von Michelsberg
Hermann von Reichenau
Lampert von Hersfeld
Otloh von St. Emmeram
Radulfus Glaber
Sigebert von Gembloux
Thietmar von Merseburg

12. Jahrhundert 13. Jahrhundert 14. Jahrhundert

Hildegard von Bingen
Petrus Abaelardus
Bernhard von Clairvaux
Hugo von St. Viktor
Geoffrey von Monmouth
Bernardus Silvestris
Otto von Freising
Johannes von Salisbury
Alanus ab Insulis
Archipoeta
Petrus von Blois
Walter von Châtillon
Walter Map



Thomas von Celano
Johannes de Garlandia
Albertus Magnus
Caesarius von Heisterbach
Thomas von Aquin
Johannes Duns Scotus
Jacobus de Voragine



Wilhelm von Ockham
Konrad von Megenberg

Siehe auch

Lateinische Literatur
Mittellateinische Literatur
Kategorie:Literatur (Mittellatein)


Quelle - literatur & Einzelnachweise
avatar
checker
Moderator
Moderator

Anzahl der Beiträge : 32391
Anmeldedatum : 03.04.11
Ort : Braunschweig

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten