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Die Jesiden

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Die Jesiden

Beitrag  checker am Mo Jan 26, 2015 10:16 am

Die Jesiden (kurdisch ‏ئێزیدی‎ Êzîdî, auch Yeziden oder Eziden genannt) sind eine zumeist Nordkurdisch sprechende[1] religiöse Minderheit mit mehreren hunderttausend Angehörigen, deren ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei liegen. Die Jesiden betrachten sich teilweise als ethnische Kurden, teilweise als eigenständige ethnoreligiöse Gruppe.[2][3][4] Heute sind Jesiden durch Auswanderung auch in anderen Ländern verbreitet.


Eine jesidische Frau im syrisch-irakischen Grenzgebiet bietet US-Soldaten Tee an (2006)


Eine Gruppe von Jesiden auf dem Sindschar-Höhenzug im syrisch-irakischen Grenzgebiet (um 1920)


Ein Treffen jesidischer Stammesführer mit christ­lich-chaldä­ischen Klerikern (spätes 19. Jahr­hundert)

Das Jesidentum ist eine monotheistische, nicht auf einer heiligen Schrift beruhende und nicht missionierende Religion. Die Mitgliedschaft ergibt sich durch Geburt, wenn beide Elternteile jesidischer Abstammung sind. Eine Heirat von Jesiden (beiderlei Geschlechts) mit Andersgläubigen hat den Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft zur Folge.[5] Im Zentrum des jesidischen Glaubens stehen der Engel Melek Taus, der Scheich ʿAdī ibn Musāfir (um 1073–1163) sowie die sieben Mysterien. Das Grab von Scheich ʿAdī im irakischen Lalisch-Tal ist das Hauptheiligtum des Jesidentums und Ziel einer jährlichen Wallfahrt im Herbst.

Seit August 2014 führt der Vormarsch der Terrorgruppe Islamischer Staat im Nordirak zu einer umfangreichen Flucht von Jesiden, weil sie von den Terroristen als Ungläubige verfolgt, versklavt und ermordet werden.

Herkunft der Bezeichnung

Die Herkunft der Bezeichnung Êzîdî ist bis heute ungeklärt. Wissenschaftler führen die Bezeichnung Jesidi zurück auf den Kalifen der Umayyaden Yazid I. ibn Muawiya (680–683).[1] Unter Jesiden wird die Bezeichnung auf das altiranische Wort Yazata für „göttliches Wesen“ zurückgeführt. Eine andere Ableitung der Wortherkunft nutzt den Bezug zu ez dā („Gott schuf“).[6] Der Religionsgelehrte asch-Schahrastānī (1076–1153) führte den Namen der Jesiden auf den charidschitischen Geistlichen Yazid bin Unaisa zurück, dessen Anhänger sie gewesen seien.[7]
Anzahl und Hauptsiedlungsgebiete

Es gibt keine offizielle Zählung der Jesiden. Ihre Zahl wird weltweit auf 800.000 geschätzt.[8] Den Hauptanteil stellen die irakischen Jesiden mit 160.000 bis 350.000 Angehörigen. In Deutschland leben etwa 60.000, im restlichen Europa kommen noch etwa 65.000 hinzu. In den USA und Kanada leben einige Tausend Jesiden, meist aus dem Irak. Im Südkaukasus (Armenien, Georgien) und in Russland leben Jesiden. Einige Zehntausend leben im Iran, wo sie anonym auf dem Land und vor allem in größeren Städten leben. In Syrien leben einige Tausend und in der Türkei nur noch wenige Hundert überwiegend in Südostanatolien. Die Jesiden stellen heute also unter den mehrheitlich muslimischen Kurden eine religiöse Minderheit dar.

Muttersprache der Jesiden ist das nordkurdische Kurmandschi. Nur in den jesidischen Dörfern Baʿšiqa und Baḥzānē in der Autonomen Region Kurdistan wird Arabisch gesprochen.[1]

Die größte Zahl der Jesiden lebt im Nordirak. Die Jesiden verteilen sich hier im Wesentlichen auf zwei Gebiete. Das eine ist die Schaichān-Region nordöstlich der Stadt Mossul. Hier befinden sich Lalisch, das religiöse Zentrum der Jesiden, der Ort Baʿadhrā, in dem der Mīr von Schaichān, das weltliche und geistliche Oberhaupt der Jesiden, residiert, sowie die beiden Dörfer Baʿschīqa und Bahzānē, die als die Gelehrtenzentren der Jesiden gelten. Das zweite Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden ist der Höhenzug Dschabal Sindschar westlich von Mossul an der Grenze zu Syrien,[9] aber auch in der Stadt selbst leben viele Jesiden.

Wegen des Vormarschs der dschihadistischen ISIS-Armee (Islamischer Staat in Irak und Syrien) im Juli und August 2014 sind viele Jesiden aus Mossul und Umgebung in das kurdische Gebiet um die Stadt Arbil sowie in das Sindschar-Gebirge geflohen.[10] Die rund 50.000 Flüchtlinge im Sindschar-Gebirge werden von US-amerikanischen Transportflugzeugen mit Nahrung versorgt und sollen von der kurdischen Armee in das kurdische Gebiet geleitet werden.[11]

Zählungen und Schätzungen von türkischer, britischer und irakischer Seite aus den 1920er Jahren ergaben einen jesidischen Anteil von 4 bis 7 Prozent an den irakischen Kurden, was heute bei gleich bleibendem Anteil 160.000 bis 350.000 Personen entspräche. Manche Maximalschätzungen gehen heute von bis zu 550.000 jesidischen Gläubigen aus. Die Jesiden machen schätzungsweise 1 Prozent der irakischen Bevölkerung aus. Seit 1991 ist die jesidische Gemeinschaft im Irak zweigeteilt. 90 Prozent der irakischen Jesiden leben in irakisch verwaltetem und nur etwa 10 Prozent in kurdisch verwaltetem Gebiet.

In Nordsyrien leben Jesiden vorwiegend in Afrin und in Nordost-Syrien vorwiegend in und um die Stadt Qamischli und im Gouvernement al-Hasaka. Allerdings ging ihre Zahl beträchtlich zurück. Eine Schätzung gibt 12.256 für das Jahr 1990 an, für Ende 2008 nur noch 3.357. Nach anderen Schätzungen liegt ihre Zahl zwischen 35.000 und 50.000. Durch Auswanderung nach Europa geht sie zurück.[12]

In den 1830er Jahren kamen nach dem Ende des Russisch-Türkischen Krieges 1828/29 die ersten Jesiden aus Anatolien in das zum Russischen Kaiserreich gehörende Ostarmenien. 1855 wurden etwa 340 Jesiden im Distrikt Sardarabad (etwa die heutige Armawir) gezählt. Mehrere Tausend anatolische Jesiden wurden Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem in der Provinz Schirak angesiedelt. 1912 lebten über 17.000 Jesiden im Gebiet des heutigen Armenien. Bei der Volkszählung 2001 lag ihre Zahl bei 40.000.[13] Sie stellten 2011 mit einem Anteil von 1,1 Prozent an der Gesamtbevölkerung die größte Minderheit des Landes.[14] Ihr kulturelles Zentrum in der Provinz Aragazotn war in der sowjetischen Zeit das Dorf Alagyaz.[15]
Frühe Geschichte

Über die Entstehung der jesidischen Gemeinschaft gibt es unterschiedliche Positionen. Der arabische Autor Ahmad Taimur sieht ein Aufkommen der jesidischen Gemeinschaft nicht vor dem 6. Jahrhundert AH (12. Jahrhundert). Der jesidische Autor Darwis Hasso vertritt die Position, dass sich das Jesidentum aus dem Zoroastrismus entwickelte. Eine Autorengruppe aus dem Nahen Osten stellt das Jesidentum als sehr alte Religion der Kurden dar, die auf iranische Mythologie, im Speziellen auf den Mithraskult, zurückzuführen sei.[16]

Zum ersten Mal schriftlich erwähnt werden die Jesiden im 12. Jahrhundert. Als Beginn ihrer religiösen Entwicklung gilt die Ankunft von Scheich ʿAdī in den kurdischen Bergen am Anfang dieses Jahrhunderts. Allerdings gab es schon vor ihm im Kurdengebiet eine Bewegung, die als Yazīdīya bekannt war und von der zeitgenössische arabische Quellen berichten, dass sie mit dem Umayyaden Yazīd ibn Muʿāwiya sympathisierte. Außerdem geht aus den zeitgenössischen Quellen hervor, dass bei den Kurden religiöse Vorstellungen iranischen Ursprungs verbreitet waren.[17] ʿAdī selbst begründete, nachdem er sich im Tal von Lalisch niedergelassen hatte, einen Sufi-Orden, die sogenannte ʿAdawīya, die sich über den ganzen Nahen Osten, insbesondere nach Syrien und Ägypten, verbreitete.

Während die ʿAdawīya in Syrien und Ägypten auf dem Boden des Islams blieb, nahm der Orden bei den Kurden eine Sonderentwicklung. Unter Scheich al-Hasan ibn ʿAdī, einem Nachfolger und fernen Verwandten von Scheich ʿAdī, der im frühen 13. Jahrhundert lebte, wurde der Ordensgründer immer stärker verehrt. Der Einfluss der bei den Kurden verbreiteten iranischen Vorstellungen auf den Orden nahm zu, so dass aus ihm eine eigenständige Religionsgemeinschaft wurde.[18] Um das Jahr 1254 n. Chr. kam es zu einem Konflikt zwischen Scheich Hasan und dem Statthalter von Mossul, Badr al-Din Luʾluʾ. Im Sindschar-Gebiet versammelten sich jesidische Krieger. Nach der Niederlage der Jesiden nahmen Badr al-Dins Männer Scheich Hasan fest und hängten ihn in Mossul am Tor auf. Des Weiteren wurde Lalisch angegriffen. Hasans Sohn Scherfedin sandte den Jesiden in Lalisch eine Botschaft, die zu Zusammenhalt, Verteidigung und Bewahrung der jesidischen Religion aufrief. Er wurde bei dem erneuten Kampf getötet. Seine Botschaft wurde zur religiösen Hymne der Jesiden.
Glaubenslehren
Mündliche und schriftliche Überlieferung

Das Jesidentum beruft sich auf keine heiligen Schriften. Die Vermittlung religiöser Traditionen und Glaubensvorstellungen beruht ausschließlich auf mündlicher Überlieferung. In der Literatur über die Jesiden werden zwei Bücher erwähnt, das Buch der Offenbarung, das Kitêba Cilwe, und die Schwarze Schrift, das Mishefa Reş. Beide Bücher wurden 1911 und 1913 veröffentlicht,[19] wobei wohl nicht alle Glaubensvorstellungen der Jesiden vollständig authentisch wiedergegeben sind. Sie gelten in der Iranistik als Aufzeichnungen durch Nichtjesiden, enthalten aber authentisches Material, das unter Jesiden auch schon vorher bekannt war.

Der Glaube wird überwiegend durch Lieder (so genannte Qewals) und Bräuche weitergegeben. Hilmi Abbas veröffentlichte einige der bisher nur mündlich überlieferten altkurdischen Legenden im Jahre 2003 unter dem Titel Das ungeschriebene Buch der Kurden.[20] Das Buch beschreibt die Schöpfungsgeschichte aus jesidischer Sicht und die mythische Wanderung des kurdischen Volkes von Osten in den Westen in das heutige Kurdistan.
Kosmogonie

Die Religion der Jesiden ist monotheistisch: Der allmächtige Gott erschuf die Welt aus einer Perle. Nach einiger Zeit formten sieben heilige Engel aus dieser Perle die Welt mit allen Himmelskörpern.

„In der Mishefa Reş wird erläutert wie Gott die sieben Engel schuf:

II. Der erste Tag, an welchem er erschuf, war der Sonntag; einen Engel erschuf er (da), dem er den Namen 'Azra'il beilegt, nämlich den, welcher der Engel Pfau ist, welcher der große ihrer aller ist.

III. Am Montag erschuf er den Engel Dardail, welcher der Scheich Hasan ist.

IV. Am Dienstag erschuf er den Israfail, welcher der Scheich Shams ist.

V. Am Mittwoch erschuf er den Engel Mikail, welcher der Scheich Abu-bakr ist.

VI. Am Donnerstag erschuf er den Engel Gibrail, welcher der Sagg(ad)-id-din ist.

VII. Am Freitag erschuf er den Engel Shamnail, welcher Nasir-ad-din ist.

VIII. Am Samstage erschuf er den Engel Turail, welcher Fahr-ad-din ist.

IX. Den Engel Pfau, den machte er zur ihrem Großen.“

– Irene Dulz[21]

Die Ähnlichkeit der kosmogonischen Vorstellungen der Jesiden mit dem Zoroastrismus führt zur Annahme, dass hier eine ursprüngliche Verwandtschaft bestehen könnte.

Der Ursprungsmythos der Jesiden besagt, dass die Jesiden direkt von Adam abstammten, noch vor der Schaffung Evas. Aus diesem Mythos wird ein exklusiver Anspruch abgeleitet, dass die Jesiden die ältesten Menschen und in ihrer Entstehung einzigartig seien sowie auch die älteste Religion hätten.[22]

Melek Taus


Jesidisches Gräberfeld auf dem Stadtfriedhof Hannover-Lahe mit einem Melek Taus („Engel Pfau“) im Schaukasten auf dem Grab.

Eine zentrale Bedeutung in den jesidischen Glaubensvorstellungen hat Melek Taus (Tausî Melek), der „Engel Pfau“, den Gott mit sechs weiteren Engeln aus seinem Licht schuf und dessen Symbol ein blauer Pfau ist. Nach der jesidischen Mythologie hat er in besonderer Weise der Allmächtigkeit Gottes gehuldigt und wurde deshalb von Gott zum Oberhaupt der sieben Engel erkoren. Zwar wollte er sich dem Mythos nach selbst einmal zum Gott erheben und fiel deswegen in Ungnade, doch er bereute seine Vermessenheit und büßte dafür in der Hölle.[23] Seine Schuld wurde ihm schließlich vergeben. Seither dient er Gott als Wächter der Welt sowie als Mittler und Ansprechpartner der Gläubigen. Nach der Schöpfungsgeschichte der Jesiden ist Melek Taus an der gesamten Schöpfung, an dem göttlichen Plan aktiv beteiligt.

Melek Taus wurde, vor allem seitens des Islam, mit Satan (arabisch Schaitan) identifiziert und die Jesiden daraufhin als Teufelsanbeter diffamiert und verfolgt. Tatsächlich sprechen Jesiden aber das Wort Schaitan nicht aus und lehnen es auch ansonsten ab, Gott eine Personifizierung des „Bösen“ oder einen Widersacher gegenüberzustellen, weil die Zweifel an der Allmacht Gottes bedeuten würde. Damit geht auch die Vorstellung einher, dass der Mensch in erster Linie selbst für seine Taten verantwortlich ist. Aus jesidischer Sicht hat Gott dem Menschen die Möglichkeit gegeben, zu sehen, zu hören und zu denken. Er hat ihm den Verstand gegeben und damit die Möglichkeit, für sich den richtigen Weg zu finden.

Scheich ʿAdī


Das Grab von Scheich ʿAdī im Lalisch-Tal im Irak

Eine zweite wichtige Gestalt für die Jesiden ist der als Reformer geltende Scheich ʿAdī ibn Musāfir (um 1073–1163). Für die Jesiden ist er eine Menschwerdung (Inkarnation) des Engels Melek Taus, der kam, um das Jesidentum in einer schwierigen Zeit neu zu beleben. An seinem Grab im Lalisch-Tal im Nordirak findet jedes Jahr im Herbst das Fest der Versammlung (Jashne Jimaiye) statt. Jesiden aller Gemeinden aus den Siedlungs- und Lebensgebieten kommen zu diesem Fest zusammen, um ihre Gemeinschaft und ihre Verbundenheit zu bekräftigen.
Die sieben Mysterien

Als Scheich Adī von Syrien nach Lalisch umsiedelte, soll er dort vier heilige Männer vorgefunden haben, nämlich Scheich Schems ed-Dīn, Scheich Fachr ed-Dīn, Scheich Sadschādīn und Scheich Nāsir ed-Dīn. Sie alle waren Söhne eines Mannes namens Ēzdīna Mīr. Ihnen schloss sich später noch eine fünfte Person an, Scheich Hesen, der von den Jesiden allgemein mit al-Hasan al-Basrī identifiziert wird. Zusammen mit Scheich ʿAdī und Melek Taus bilden diese fünf Personen die sieben Mysterien (Heft Sirr) der Jesiden.[24] Schems ed-Dīn soll der Wesir von Scheich ʿAdī gewesen sein und neun Kinder gehabt haben.[25]
Die religiös-soziale Organisation

Die traditionelle religiöse Organisationsstruktur der jesidischen Gemeinschaft ist in einem Dokument festgehalten, das die Häupter der jesidischen religiösen Klassen 1931 den britischen und irakischen Autoritäten präsentierten. In diesem Text, der als das Shaykhan Memorial bekannt ist, wird die Verteilung der von den jesidischen Gläubigen gezahlten Almosen unter dem jesidischen Klerus behandelt.[26]
Drei Kasten

Grundlegend für die religiös-soziale Organisation der Jesiden ist die Gliederung ihrer Gesellschaft in drei religiöse Erbklassen oder Kasten: die Scheiche, die Pīre (persisch „der Ältere“ oder „der alte, weise Mann“) und die Murīdūn (Laien). Die Scheiche sind ihrerseits in drei Untergruppen aufgeteilt, die Schamsānīs (Nachkommen von Ēzdīna Mīr), die Ādanīs (Nachkommen von Scheich Hesen) und die Qatanīs (Nachkommen der Brüder von Scheich Adīs).[24]

Die Scheiche und Pīre sind religiöse Führungskräfte (Geistliche) und müssen die jesidische Religion unter den Gläubigen aufrechterhalten und Zeremonien durchführen, vor allem bei Festen, der jesidischen Taufe von Neugeborenen und bei Beerdigungen. Ihre allgemeine Aufgabe ist, Gläubigen in der Not zu helfen und Streitigkeiten zwischen Jesiden zu schlichten. Scheiche und Pīre sind neben dem Mīr („Fürst, Prinz“, Oberhaupt der Jesiden) und neben den Priesterinnen und Priestern von Lalisch die Hüter der Religion und Ansprechpartner für jeden jesidischen Gläubigen. Die Scheiche haben in der Gemeinschaft eine darüber hinausgehende administrative Pflicht und müssen bei politisch-sozialen Aufgaben für die Gemeinschaft tätig werden. Sie sind nach außen und innen Vertreter der Gemeinschaft und lösen Probleme sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gemeinschaft.

Die Laien (Murīdūn) bilden die dritte und größte religiöse Klasse. Die Jesiden in dieser Kaste teilen sich in einzelne Stämme auf, bei denen die Heirat untereinander kein Problem darstellt. Auch die Stämme haben die allgemeine Pflicht, zur Erhaltung der Religion beizutragen und sich gegenseitig in der Not zu helfen.
Oberhaupt

Das religiöse und weltliche Oberhaupt der gesamten jesidischen Gemeinschaft ist der Mīr von Schaichān (Mīr: „Prinz“).[27] Er gilt als der Stellvertreter von Scheich ʿAdī und auch von Melek Taus und muss immer aus dem Kreis der Qatanī-Scheiche kommen.[28] Das Amt des Mīr ist erblich und wird vom Vater auf den Sohn übertragen, seit 1944 amtiert Mir Tahsin Saied Beg (* 1933). Im Jahre 2004 wurde ein Anschlag auf ihn verübt, den er verletzt überlebte.

Kraft seiner Autorität setzt der Mīr folgende Personen in ihre Ämter ein:

den Bābā Schaich („Vater Scheich“), der als das spirituelle Oberhaupt der Jesiden und „Vater der Scheiche“ betrachtet wird; er muss aus der Familie von Scheich Fachr ad-Dīn stammen und hat einen speziellen Sitz am Heiligtum von Lalisch und wird auch Echtiyārē Mergehē genannt („Der Alte vom Heiligtum“)
den Peschimām („Vorsteher“), der für Eheschließungen zuständig ist und aus dem Kreis der Ādanīs kommen muss
die Kocheks („Kleine“), freiwillige Diener von Scheich ʿAdī, die im Auftrag von Bābā Schaich Brennholz sammeln und schöpfen; sie müssen keiner bestimmten Kaste angehören
den Tschawūsch, den Wächter des Heiligtums von Lalisch; er muss unverheiratet bleiben (zölibatär)[29]

Jesidische Stämme

Im Jesidentum gibt es viele einzelne Stämme, sie haben den Charakter von Sippen und sind Ergebnisse des Zusammenhalts von Nachfahren bestimmter Gründungsväter und des engen Zusammengehörigkeitsgefühls von Jesiden in bestimmten Gebieten Kurdistans. Die Angehörigen der Stämme sehen sich in der Pflicht, anderen Stammesangehörigen zu helfen. Die Heirat zwischen Angehörigen unterschiedlicher jesidischer Stämme ist erlaubt. Ein bekannter Stamm aus dem Gouvernement Dahuk ist der Stamm Qaidi.[30]

Die jesidischen Siedlungsgebiete waren und sind räumlich voneinander getrennt. Aus organisatorischen Gründen hat Scheich ʿAdī festgelegt, dass sich sowohl die Angehörigen der Pīre als auch der Scheiche auf die jesidischen Stämme in Abhängigkeit von deren Größe aufteilen sollen. So bekam jeder Stamm seine eigenen Scheiche und Pīre, und in jedem Siedlungsraum gibt es für jede Gruppe jesidischer Gläubigen eines Stammes die zuständigen Pīre und Scheiche. Bei Problemen können sich die Gläubigen jedoch auch an Pīre und Scheiche wenden, die für andere Stämme zuständig sind.
Religiöse Praktiken
Übergangsriten

Die jesidische Gemeinschaft kennt eine Anzahl von Übergangsritualen, die jede Person durchlaufen muss, um als vollwertiges Mitglied der jesidischen Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Hierzu gehören in der Kindheit das Ritual des ersten Haareschneidens (biska pora), die Taufe (mor kirin), die Beschneidung der Knaben (sinet) sowie in der Jugend die Wahl eines „Jenseits-Bruders“ (birā-yē āchiratē) oder einer „Jenseits-Schwester“ (huschk-ā āchiratē) aus einer Scheich-Familie.[31] Auch das Ritual des Haareschneidens betrifft nur Knaben und findet im siebten oder neunten Monat nach der Geburt statt. Der Scheich des Knaben schneidet hierbei dessen Haar von beiden Seiten ab und nimmt drei Locken (bisk) ab. Zwei davon werden den Eltern gegeben, eine behält der Scheich selbst und widmet sie den Vorfahren von Scheich ʿAdī.[32]

Die Verbindung mit dem Jenseits-Bruder oder der Jenseits-Schwester wird bei einer Feier üblicherweise in Lalisch geschlossen, bleibt lebenslang bestehen und verpflichtet zu gegenseitiger Hilfe. Die Jenseits-Geschwister „begleiten“ in der Totenzeremonie den Verstorbenen auf dem Weg zur neuen Bestimmung und sollen auch im Jenseits gegenseitig die moralische Mitverantwortung für ihre Taten übernehmen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der jesidische Glaube an die Seelenwanderung (Reinkarnation): Das Leben endet nicht mit dem Tod, sondern geht in einem anderen Körper weiter. Der neue Körper ist abhängig von den Taten im vorherigen Leben. Nach jesidischer Vorstellung verbinden sich in den verschiedenen Leben allerdings immer wieder dieselben Jenseits-Geschwister.[33]

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Teil 2

Beitrag  checker am Mo Jan 26, 2015 10:22 am

Die Wallfahrt nach Lalisch


Das Portal zum Grab von Scheich ʿAdī im 19. Jahrhundert, damalige Farbfassung und Inschriften mit archaischen Symbolen


Die bunten Tücher im Inneren des Heiligtums von Lalisch, die beim Parī Suwar Kirin rituell gewaschen werden

Jedes Jahr im Herbst findet in Lalisch am Grab von Scheich ʿAdī das jesidische Versammlungsfest (Jashne Jimaiye) statt, das sieben Tage dauert und Zielpunkt der allgemeinen jesidischen Wallfahrt ist. Der genaue Festtermin schwankt. Manchmal liegt er Ende September, manchmal Anfang Oktober. Häufig erschweren oder verhindern politische Umstände die Pilgerfahrt nach Lalisch, die eine Pflicht für jeden Jesiden ist. Nach jesidischer Vorstellung versammeln sich zu dieser Zeit alle „sieben Mysterien“, um wichtige Entscheidungen über das kommende Jahr zu fällen. Jeder Jeside sollte mindestens einmal im Leben an diesem Wallfahrtsfest teilgenommen haben.[34]

Am ersten Tag ziehen die Pilger an das untere Ende des Lalisch-Tales, wo sich die Silat-Brücke (Pira Silat) befindet, die den heiligen vom profanen Bereich trennt. Die Pilger ziehen sich die Schuhe aus, waschen sich drei Mal die Hände in dem Wasser unter der Brücke, überschreiten mit Fackeln drei Mal die Brücke und sprechen dabei: „Die Silat-Brücke, auf der einen Seite ist die Hölle, auf der anderen das Paradies.“ Dann begeben sie sich in den oberen Bereich des Tals und singen religiöse Hymnen. An der Prozession nimmt das gesamte religiöse Personal der Jesiden teil: der Mīr, der Baba Schaich, der Peschimām, der Baba Tschawūsch und weitere. Am zweiten und dritten Tag werden diese Zeremonien wiederholt. Am vierten Tag wird die Zeremonie des Parī Suwar Kirin vollzogen. Hierbei nehmen der Baba Tschawūsch und seine Helfer die bunten Tücher auf, die den Sarkophag von Scheich ʿAdī und die Säulen des Heiligtums bedecken, und bringen sie zur Quelle von Kanīya Spi. Dort werden diese Tücher von einem speziellen Geistlichen, dem serderī von Kanīya Spi, der einer bestimmten Pīr-Familie angehören muss, rituell gewaschen. Am fünften Tag findet die Zeremonie des Qabach statt, das Schlachtopfer eines Bullen. Am sechsten Tag wird die Zeremonie des Berē Shibak vollzogen. Hierbei wird im Andenken daran, dass Scheich ʿAdī nach seinem Tod auf einer Tragbahre transportiert wurde, eine viereckige Tragbahre aus Flechtwerk in die Versammlungshalle gebracht. Am letzten Tag des Festes wird die Tragbahre begleitet von Musik zu einem Becken im Inneren des Heiligtums gebracht und mit Wasser besprengt. Hierzu werden Gebete gesprochen. Anschließend wird sie an ihren Platz im Heiligtum gebracht.[35]

Die jesidischen Pilger bringen aus Lalisch geweihte Erde mit, die mit dem heiligen Wasser der Quelle Zemzem (in Lalisch, nicht mit dem muslimischen Samsam zu verwechseln) zu festen Kügelchen geformt wurde. Sie gelten als „heilige Steine“ (Einzahl: berat) und spielen bei vielen religiösen Zeremonien eine wichtige Rolle.
Religionsgeschichtliche Einordnung

Das Jesidentum gehört zu den zeitgenössischen monotheistischen Religionen, neben Judentum, Christentum, Islam, Sikhismus, Bahaitum und Zoroastrismus. Nach Ansicht der Jesiden soll ihre Religion älter als das Christentum sein und sich aus dem altpersischen Mithras-Kult oder aus den Kulten der Meder entwickelt haben. Die jüngere religionsgeschichtliche Forschung betont den eigenständigen Charakter der jesidischen Religion, nachdem sie in einem komplexen Prozess Elemente anderer Religionen adaptiert habe, darunter des orientalischen Christentums (besonders der nestorianischen Eucharistie), des Mandäismus, des Manichäismus und der Gnosis. Dagegen hatte die ältere religionsgeschichtliche Forschung die jesidische Religion zunächst als eine Abspaltung vom Islam oder als eine „iranische“ Religion verstanden.

Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Jesiden von Außenstehenden teilweise als „Teufelsanbeter“ bezeichnet.[5] Diese Fremdbezeichnung beruht darauf, dass europäische Reisende sich auf die Berichte der Muslime in der Nachbarschaft der Jesiden bezogen. Für die islamische Umgebung waren die Jesiden andersgläubig. Die Bezeichnung „Teufelsanbeter“ rührt von der Verehrung des Engels Melek Taus, der seitens der Moslems mit Satan identifiziert wurde.
Verfolgung der Jesiden im Nahen Osten

Das Wohngebiet der Jesiden wurde seit dem 16. Jahrhundert von den Osmanen kontrolliert. 1832 und nach 1840 verübten die kurdischen Fürsten Mohammed Pascha Rewanduz und Bedirxan Beg wiederholte Massaker an ihnen. Erst 1849 wurden sie unter gesetzlichen Schutz des Osmanischen Reichs gestellt und waren damit den Buchreligionen rechtlich ebenbürtig.[1] Im Osmanischen Reich standen die Jesiden außerhalb des Millet-Systems, waren also nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt und standen damit in der sozialen Hierarchie noch hinter Christen und Juden. Immer wieder kam es zu Versuchen, die als „gottlos“ geltenden Jesiden zum Islam zu bekehren. Unter Sultan Abdülhamid II. verschlechterte sich die Lage ab 1876 erheblich. Ein umstrittener Erlass, der auch Jesiden zum Militärdienst verpflichtete, wurde wieder in Kraft gesetzt. Steuerforderungen wurden erhoben, die bei Bekehrung zum Islam zu erlassen seien. 1892 schickte der Sultan einen Sondergesandten mit dem Auftrag, die Jesiden notfalls mit Gewalt zu bekehren. Es kam zu Gefechten und zu Massakern an den Jesiden nach ihrer Niederlage im Jahr 1893. 1894 wurden während der vornehmlich an Armeniern und Christen verübten Massaker der osmanischen Truppen auch Tausende von Jesiden getötet.[36]

Ab dem 17. Jahrhundert siedelten sich Jesiden, vermutlich bedingt durch die Ausdehnung des osmanischen Reiches, im Gebiet des Höhenzugs Dschabal Sindschar der heutigen Provinz Ninawa im Nordirak an. Im Zuge der irakischen Arabisierungspolitik ab 1965 kam es immer wieder zu Vertreibungen, die Dörfer und Ackerflächen wurden weitgehend entvölkert. Die ca. 400 jesidischen Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht und die Einwohner zur Umsiedlung gezwungen. Auch in anderen Gebieten des Irak wurde in ähnlicher Weise verfahren, und beim Bau der Mosul-Talsperre wurden mehrere jesidische Dörfer zerstört.[37]

In den letzten 30 Jahren haben die Jesiden aufgrund des türkisch-kurdischen Konflikts in großen Auswanderungswellen die Türkei verlassen.

Im Iran müssen Jesiden ihre Religionszugehörigkeit und -ausübung geheimhalten, als Religionen sind nur der Islam und – mit wesentlichen Einschränkungen – das Christentum, der Zoroastrismus und das Judentum erlaubt.

Im Irak verfügen die Jesiden nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen nicht über eine eigene Interessenvertretung im gegenwärtigen zentralirakischen Regierungsgefüge, nachdem das frühere Ministerium für Religionsangelegenheiten zugunsten dreier neugeschaffener Ressorts für die Angelegenheiten der Schiiten, Sunniten und Christen aufgelöst wurde.[8]

Seit dem Ende des Irakkrieges 2003 sind die Jesiden gezielt zur Zielscheibe fundamentalistischer Muslime geworden. Sie müssen um ihr Leben fürchten. Das führt dazu, dass die Jesiden aus dem Irak in Massen nach Europa und Nordamerika flüchten. Am 14. August 2007 verübten Terroristen aus dem Umfeld der al-Qaida vier Anschläge in den ausschließlich von Jesiden bewohnten Dörfern El Khatanijah und El Adnanijah (siehe Anschlag von Sindschar). Die Anschläge forderten insgesamt über 500 Todesopfer, Hunderte wurden verletzt.[38] Die Tat gilt als Racheakt für die 15 Tage zuvor verübte Ermordung des 17-jährigen jesidischen Mädchens Du’a Khalil Aswad, das, angeblich wegen eines Übertritts zum Islam, von ihrem eigenen Clan gesteinigt wurde. Die al-Qaida in Mossul hatte darüber hinaus in einer Fatwa verboten, den Jesiden Essen zu geben, wodurch sich die Lebensmittelversorgung in den jesidischen Dörfern dramatisch verschlechterte. Die Zusage der Amerikaner und der kurdischen Regionalregierung, bald Lebensmitteltransporte zu schicken, nutzten Terroristen für einen Anschlag.[39] Diese gegen die Jesiden gerichteten Anschläge waren die folgenschwersten seit Beginn des Irakkriegs.[40]

Irakkrise 2014


Jesidische Flüchtlinge aus dem Irak erhalten im Camp Newroz Hilfe vom International Rescue Committee (nord­syrische Provinz al-Hasaka, August 2014)

Seit der Irakkrise 2014 führte der Vormarsch der terroristischen Vereinigung Islamischer Staat im Norden des Iraks zu einer umfangreichen Flucht vor allem von Jesiden. Die Terrorgruppe betrachtet die Jesiden als Ungläubige und verfolgt und ermordet sie.[41][42][43]

Im Juli 2014 gründete der Jeside Qasim Şeşo die jesidische Bürgerwehr Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBŞ). Ihr Einsatz konnte bei der Flucht vieler Jesiden in das Sindschar-Gebirge weitere Gräueltaten an ihnen verhindern. Die YBŞ setzte sich im Gebirge fest und konnte den 20.000 bis 30.000 Flüchtlingen einen Fluchtkorridor freikämpfen, mit großer Unterstützung von Kämpfern, die der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nahestehen. Nach der gelungen Flucht konzentrierte sich die YBŞ auf die Verteidigung des Heiligtums der Jesiden im Lalisch-Tal (siehe auch Schlacht um Sherfedîn). Aufgrund des anhaltenden Zustroms von jesidischen Kämpfern bestehen Überlegungen zur Rückeroberung des Sindschar durch die jesidische Bürgerwehr (siehe auch Hêza Parastina Şingal, 2014 gegründete jesidische Bürgerwehr).

Mitte Oktober 2014 wurde bekannt, dass der IS das Jesidentum zu einer „heidnischen Religion aus vorislamischer Zeit“ erklärt hat und gefangene Frauen und Mädchen „legal“ zur Sklaverei freigibt.[42]
Die jesidische Diaspora
Kaukasus

Es gab insgesamt drei Fluchtwellen der Jesiden aus dem Osmanischen Reich in den Kaukasus, nach Georgien und Armenien. Die erste gab es im 18. Jahrhundert. Zur zweiten Fluchtwelle kam es während des Russisch-Türkischen Krieges 1877–1878. Die dritte und größte Fluchtwelle gab es am Anfang des 20. Jahrhunderts, während des Ersten Weltkrieges.[44] Auslöser der Flucht waren die gezielte Verfolgung, Unterdrückung und Massaker an Jesiden und anderen Volksgruppen im osmanischen Reich. Nicht selten unterstützten moslemische Kurden und osmanische Behörden diese Verfolgungen und Massaker. Die Jesiden, die selbst Opfer der Osmanen waren, schützten die Armenier während des Ersten Weltkrieges, indem sie sie in ihren Häusern versteckt hielten. Dieser Schutz der Armenier durch die Jesiden bildete eine Grundlage für das Zusammenleben von Jesiden und Armeniern in Armenien.

Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion um 1990 lag die Zahl der Jesiden in Georgien bei 22.000, in Armenien bei 60.000. Nach dem Zusammenbruch kam es aber zu wachsendem Nationalismus in beiden Staaten, und die Situation für die Jesiden und andere Minderheiten verschlechterte sich. Die Zahl der Jesiden ging im Zeitraum zwischen 1989 und 1997 in Georgien auf 1.200 und in Armenien auf 18.000 zurück. Viele Jesiden flüchteten nach Europa und Russland.

In Georgien sind die Gründe der Flucht vielfältig. Die Jesiden beklagen massive Übergriffe durch Polizisten und Beamte, Mordvorwürfe, Körperverletzungen, Falschanschuldigungen, Hass und unrichtige negative Berichte der Presse und öffentliche Äußerungen von Politikern. Die Jesiden haben keine Chance auf höhere Posten und Gleichbehandlung bei der Verwaltung und medizinischen Versorgung. Ebenso wenig haben sie eine Chance auf höhere Bildung und höheres Einkommen. Die Flüchtlinge berichten über Erpressung, Bedrohung und Verfolgung durch die Polizei. Den Jesiden in Georgien wird der Bau von jesidischen Gebetshäusern verboten. Sie sind in Georgien weder in Parlament noch Regierung vertreten, so dass ihre Forderungen nach einem normalen Leben kein Gehör finden. Zur Sowjetzeit wurden Garantiemandate an die Jesiden vergeben; nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden sie aber wieder abgeschafft.[44]

In Armenien bildeten die Jesiden im Jahre 2011 mit 1,1 Prozent der Gesamtbevölkerung die größte Minderheit.[14] Da ihnen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine Garantiemandate mehr zustehen, sind sie im Parlament nicht vertreten.

In Russland wurde das Jesidentum erst Ende Juli 2009 offiziell als Religionsgemeinschaft und somit als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

Seit 1990 sendet Radio Jerewan (öffentliches Radio Armeniens) täglich eine halbe Stunde lang die Sendung Stimme der Jesiden in nordkurdischer Sprache (Kurmandschi).[45] In der Redaktion der Radiosendung wird die jesidische Wochenzeitung in armenischer Sprache verfasst, die ebenfalls Stimme der Jesiden heißt. In Armenien darf in jesidischen Schulen Nordkurdisch gelehrt werden.
Europa und Amerika

Eine bedeutende Zahl von Jesiden lebt zurzeit in Europa, hauptsächlich in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, in Spanien und besonders in Deutschland. Einige wenige leben in Schweden, Dänemark, Österreich und in außereuropäischen Staaten,[46] wie in den USA, Kanada und Russland.

Deutschland


Rund 11.000 Jesiden, Kurden, Aleviten und andere demonstrieren für Hilfe gegen den Terror der Gruppe Islamischer Staat (Hannover, 16. August 2014)


Demonstration von Jesiden vor der US-Botschaft in Berlin am 22. Oktober 2014; in Washington empfing das US-Außenministerium auch jesidische Vertreter aus Deutschland

In den 1980er-Jahren trieb zunehmende Unterdrückung Jesiden vor allem aus der Türkei zur Flucht nach Deutschland. Hier leben geschätzte 45.000 bis 60.000 Jesiden,[47][48] vor allem im südlichen Niedersachsen und im nördlichen Nordrhein-Westfalen.[49] Hier bilden sie häufig größere Gemeinden. Bedeutende Gemeinden befinden sich in Bad Zwischenahn, Hannover, Oldenburg, Celle, Kreis Celle, Bielefeld, Halle (Westf.), Wilhelmshaven, Emmerich am Rhein, Rees, Köln, Kalkar und Kleve und zunehmend in Mecklenburg-Vorpommern.

1982 erwirkte der mit den Gegebenheiten vor Ort vertraute Orientalist Gernot Wießner der Universität Göttingen mit einem Gutachten beim Verwaltungsgericht Stade die asylrechtliche Anerkennung der Jesiden als Flüchtlinge. 1993 hat sich dieser Status vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg allgemein durchgesetzt.

1989 bereitete auf politischer Ebene Herbert Schnoor als Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen den Weg für ein Bleiberecht der Jesiden. Auch die Gesellschaft für bedrohte Völker, bei der Wießner Beiratsmitglied ist, hat sich als Menschenrechtsorganisation für die Jesiden eingesetzt.

2007 wurde der Zentralrat der Yeziden in Deutschland gegründet, der sich die „Förderung und Pflege religiöser und kultureller Aufgaben der yezidischen Gemeinden“ und „die Vertretung der gemeinsamen politischen Interessen der yezidischen Gemeinschaft“ zum Ziel gesetzt hat.[50]

Ab 2009 flohen vermehrt Jesiden aus dem Irak nach Deutschland.[51][52][53] Mitte 2009 gründete sich in Hannover aus dem Vorläufer Ezidische Colloquim die Ezidische Akademie (EA) als Bildungseinrichtung.[54]

2011 entstand die Gesellschaft für Christlich-Ezidische Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung.[55][56]

2012 wurde die Gesellschaft Ezidischer AkademikerInnen (GEA) mit Sitz in Essen gegründet, wobei ein „zentrales Ziel des Vereins die grenzüberschreitende und interdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenarbeit“ und die „Erforschung der Eziden und des Ezidentum“ ist.[57]

2014 kam es im August in Herford (Nordrhein-Westfalen) zu Auseinandersetzungen zwischen Jesiden und Islamisten. Anlass war eine Plakataktion für eine Protestdemonstration hier lebender Jesiden gegen die Verfolgung durch die IS-Terrorgruppe im Irak. Die beiden Gruppen traten nach einer ersten spontanen Auseinandersetzung bewaffnet und zu Hunderten auf und mussten durch mehrere Hundertschaften der Polizei getrennt werden.[58]

Heiratsvorschriften

Durch die strikten Heiratsvorschriften des jesidischen Glaubens und die modernen Einflüsse in der Diaspora entstehen zunehmend starke Spannungen, insbesondere zwischen jungen Frauen und den älteren Familienmitgliedern. Der traditionelle Brautpreis, der vor der Hochzeit durch die Familie des Mannes zu entrichten ist, beträgt in den deutschen Diasporagemeinden bis zu 70.000 Euro.[59] In Deutschland wird die Erhebung eines Brautpreises durch die Familie der Braut die rechtliche Anerkennung insoweit versagt, als weder die Eheschließung von der Zahlung eines Brautpreises abhängig gemacht werden kann, noch ein solcher Brautpreis ein Trennungshindernis bildet. Auch bleibt Klagen auf nachträglicher Zahlung des Brautpreises oder auf Rückzahlung desselben bei gescheiterter Ehe wegen Verstoßes gegen die guten Sitten in der Regel der Erfolg versagt.[60] Auch in Deutschland kam es unter Jesiden zu Fällen von Zwangsheirat (bei beiden Geschlechtern). Der Anteil von Jesidinnen an allen Frauen, die sich aufgrund einer bevorstehenden Zwangsheirat an Beratungseinrichtungen wandten, lag in einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bei 9,5 Prozent.[61] Öffentlich wurden Fälle von Blutrache zwischen verfeindeten Großfamilien sowie mutmaßliche Ehrenmorde; so wurde die Tötung der Jesidin Arzu Özmen im erstinstanzlichen Strafurteil gegen fünf ihrer Geschwister ausdrücklich als „Ehrenmord“ bezeichnet.[62]

Bekannte Jesiden

Ali Atalan, Abgeordneter der Fraktion der Linken im Landtag von Nordrhein-Westfalen von 2010 bis 2012
Feleknas Uca, vertrat von 1999 bis 2009 die politische Partei Die Linke im Europaparlament
Qasim Şeşo, floh mit seiner Familie 1990 nach Deutschland, kehrte 2003 zurück in den Irak, gründete 2014 die Bürgerwehr Hêza Parastina Şingal („Verteidigungskraft Sindschar“)

Jesiden in literarischen Werken

John F. Case: Der achte Tag. Thriller. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2005, ISBN 3-404-15420-7.
Agatha Christie-Mallowan: Erinnerung an glückliche Tage. Ausgrabungen mit meinem Mann in Syrien. Lübbe, Bergisch Gladbach 1977, ISBN 3-7857-0195-0.
Andree Hesse: Die Schwester im Jenseits. Wunderlich, Reinbek 2008, ISBN 978-3-8052-0857-4.
Yaşar Kemal: Die Ameiseninsel. Unionsverlag, Zürich 2003, ISBN 3-293-20274-8.
Yaşar Kemal: Der Sturm der Gazellen. Unionsverlag, Zürich 2006, ISBN 3-293-00354-0.
Raymond Khoury: Immortalis. Wunderlich, 2008, ISBN 978-3-8052-0835-2.
Tom Knox: Genesis Secret. Hoffmann & Campe, Hamburg 2009, ISBN 978-3-455-40150-9.
Marek Krajewski: Tod in Breslau. Roman. Goldmann, München 2002, ISBN 3-442-72831-2.
James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen. Oetinger, Hamburg 1962, ISBN 3-7891-2242-4.
H. P. Lovecraft: Grauen in Red Hook. Suhrkamp, Frankfurt 1987, ISBN 3-518-37806-6 (original 1925: The Horror at Red Hook).
Karl May: Durch die Wüste (= Gesammelte Werke. Band 1). Karl-May-Verlag, Bamberg 2000, ISBN 3-7802-0001-5.
Karl May: Durchs wilde Kurdistan (= Gesammelte Werke. Band 2). Karl-May-Verlag, Bamberg 2000, ISBN 3-7802-0002-3.
Barbara Nadel: Arabeske. Roman. List, Berlin 2004, ISBN 3-548-60523-0.

Quelle - literatur & einzelnachweise
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