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Die Orchon-Runen

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Die Orchon-Runen

Beitrag  Andy am Mo Feb 16, 2015 9:56 pm

Orchon-Runen (auch köktürkische, Turk-Runen oder alttürkische Schrift; türkisch Orhun Yazıtları) sind ein zur Verschriftung der frühen Turksprachen verwendetes Alphabet. Diese Schrift wurde allgemein von rechts nach links geschrieben. Manche Inschriften sind jedoch mit um 90 Grad verdrehten Buchstaben vertikal geschrieben worden. Diese werden dann von unten nach oben gelesen. In dieser Runen-ähnlichen Schrift sind die alttürkischen Inschriften aus der nördlichen Mongolei, am Orchon und an der Selenga sowie weitere vom oberen Jenissei geschrieben.[1] Ähnliche Schriftsysteme vom Talas schließen sich ihnen an.[2] Aber auch türkisch-nestorianische Handschriften, die den gleichen runenartigen Duktus aufweisen[3], haben sich gefunden, vor allem in der Oase Turfan und in der Festung Miran.[4][5] Die Benutzung von zwei Punkten zum Trennen der Worte macht die Texte den zentralasiatischen Runen deutlich nahestehend.[6]

Etymologie und Verwandtschaft

Der Name stammt vom Hauptfundort der Inschriftenstellen am Orchon. Die Türken am Orchon schrieben in Zeichen, denen man wegen ihrer Ähnlichkeit mit den nordisch-germanischen Runen die Bezeichnung „türkische Runen“ gegeben hat.[7]

An vielen Stellen in Tuwa sind noch heute an Felsen, Platten und Steinsäulen solche Runeninschriften erhalten, die beweisen, dass auch die dortige turksprachige Bevölkerung in Runen schrieb. Diese turksprachige Bevölkerung wird heute den Jenissei-Kirgisen zugerechnet.[8]

Die Inschriften am oberen Jenissei, die gleichfalls in türkischen Runen abgefasst sind, sind wesentlich jünger und vermutlich kirgisischer Herkunft, jedoch im Vergleich zu den köktürkischen Denkmälern in Gedanken und Sprache primitiver.[9]

Die ungarischen und urbulgarischen Runen scheinen ebenfalls große formale Ähnlichkeit zu den Orchon-Runen zu haben. Die urbulgarischen Runen verwenden sogar fast den gleichen Lautwert wie das alttürkische Alphabet und können somit von jedem gelesen werden, der das Orchon-Alphabet beherrscht, wohingegen die ungarischen Runen meistens einen anderen Lautwert verwenden. Jedoch lässt die Forschung den Schluss zu, dass die protobulgarischen Runen die älteste Form bewahrt haben.[10]

Auch die Tatsache, dass das aramäische Alphabet in Georgien beheimatet ist, führt darauf, dass die Runen dem äußersten Westen des alttürkischen Bereichs entstammen. Man kann davon ausgehen, dass diese Schriftsysteme miteinander verwandt sind. Inwieweit sie sich gegenseitig beeinflusst haben oder gar von wem sie ursprünglich stammen, kann mit heutigem Wissensstand nicht zweifelsfrei bewiesen werden.[11]

Die Schrift ist als Old Turkic im Unicode vorhanden[12][13] und belegt dort den Bereich U+10C00–U+10C4F.

Herkunft


Kul-Tigin-Monument

Über die Herkunft gibt es im Wesentlichen drei Theorien:

Die köktürkische Schrift hat sich aus den verschiedenen Klanabzeichen der Stämme entwickelt, die in den vorchristlichen Jahrhunderten erwuchsen[14]
die Orchon-Runen wurden aus der zentralasiatischen sogdischen Schrift übernommen und von den Göktürken weiterentwickelt und
die köktürkische Schrift hat sich aus der Kombination aus 1. und 2. entwickelt. Zu diesen Zeichen wären dann noch iranische, griechische und frei erfundene Zeichen hinzugefügt worden. (Diese Theorie wurde vor allem durch Thomson vertreten.)

Heute wird mehrheitlich angenommen, dass sich das köktürkische Alphabet aus einem protosemitischen entwickelt habe und über die Vermittlung der iranischsprachigen Völker Zentralasiens zu den Göktürken gelangt sei. Alle diese Vermutungen haben jedoch wenig Aussicht, sich zu bestätigen, da die Übernahme zur Entstehung der ersten Runen des Typs Orhon-I im Talas-Tal kurz vor 600 n.Chr. stattgefunden haben muss.[15] Gegen eine Herleitung aus der sogdischen Schrift spricht der Mangel an eindeutigen Übereinstimmungen.[16]
Geschichte

Die frühesten Beispiele dieser türkischen Runen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. wurden 1970 in Kirgisistan entdeckt.[17] Sie stammen aus einem Fürstengrab beim Yssyk-See und werden daher auch als Yssyk-Schrift bezeichnet. Eine schmalere Variante der Orchon-Runen aus dem 8. Jahrhundert wurde in Sibirien gefunden. Nach dem Fundort benannt, heißen diese Jenissei-Runen.

Die wichtigsten Inschriften entstanden in der Zeit des zweiten Khaganats (682–745), besonders in den 20er und 30er Jahren des 8. Jahrhunderts und während des uigurischen Khaganats (745–840). Im 9. Jahrhundert wurden die Orchon-Runen durch die von der Aramäischen Schrift abstammende Uigurische Schrift ersetzt. Weitere alttürkische Relikte sind Felsbilder mit eingepickten Tieren, meist als Steinbock, und menschlichen Figuren, dazu mit türkischen Runen.[18]

Franz Altheim deutet darauf hin, dass nicht die im Osten befindlichen Turkstämme als Schöpfer der alttürkischen Runen in Betracht kämen, sondern allein die Hunnen, und zwar die aus dem 3. Jahrhundert im Kaukasus sitzenden.[19]

Entdeckung


Kyzylinschrift in den mit den Orchon-Runen verwandten Jenissei-Runen (ca.730 n.Chr.)

Als der junge Schwedenkönig Karl XII. 1709 in der Schlacht bei Poltawa eine schwere Niederlage gegen die Russen erlitt, gerieten tausende schwedischer Offiziere in russische Gefangenschaft. Unter ihnen war auch Philip Johan Tabbert, der später den Familiennamen Strahlenberg annahm. Die Reise dieser Gefangenen nach Westsibirien endete 1711 in Tobolsk (Sibirien).

Als Strahlenberg 1722 nach Schweden zurückkehrte, veröffentlichte er die in Russland und Sibirien gesammelten Beobachtungen in einem großen Werk unter dem Titel: "Europa und die nördl. und östl. Teile Asiens" (Stockholm 1730). Die von Strahlenberg mitgeteilten Kenntnisse erweckten nicht nur in Schweden, sondern in ganz Europa großes Interesse. Das Buch wurde in kurzer Zeit ins Englische, Französische und Spanische übersetzt.

Die vielleicht interessanteste Mitteilung, die Strahlenberg machte, bezog sich auf eine Ansammlung von Steinen, die seiner Meinung nach Grabsteine darstellten, am Ufer des Jenissei. Da er nicht wusste, ob die auf ihnen eingehauenen Zeichen Buchstaben waren, begnügte sich Strahlenberg für sein Buch mit einem handgezeichneten Beispiel dieser Zeichnungen.

Der finnische Archäologenverein sammelte 1889 die nahezu vergessenen, zerstreuten Denkmäler in einem Atlas und schickte diesen an interessierte Wissenschaftler. Die Zeichen auf den Steinen wurden als Schrift identifiziert, und die unbekannte Sprache erregte in den Kreisen der Wissenschaft großes Aufsehen.

Als im Jahre 1889 N. M. Jadrinzev aus Irkutsk noch zwei ähnliche Inschriften an der Mündung des Orchon in die Selenga (Nördliche Mongolei) fand, stieg das Interesse weiter. Daraufhin schickte die Irkutsker Geographische Gesellschaft sofort eine Abordnung in das Gebiet. Der Wert des Fundes stand innerhalb kurzer Zeit fest. Im Namen der finno-ugrischen Gesellschaft ging Heikel 1890–91 ins Orchon-Tal und kopierte alle Inschriften, die er fand. Ein neues Album mit den gesammelten Kopien und Bildern erschien 1892.

Unter Vorsitz des deutschen Turkologen Wilhelm Radloff begannen 1891 auch die russischen Wissenschaftler, an diesen Steinen zu arbeiten und ebenfalls bald ein Album zu veröffentlichen.

Durch die Funde vom Orchon-Tal hatte sich die Lage unerwartet verändert. Zu Strahlenbergs beschrifteten Steinen kamen zwei lange Inschriften hinzu. Die eine befand sich auf einem 332 cm hohen Stein, der an seiner ursprünglichen Stelle stand; beschriftet war ein Anteil von 231 cm Höhe. Das andere Monument lag um die Basis in vier einzelnen Bruchstücken verstreut.

Auf beiden Denkmälern gab es auch chinesische Texte. Aus diesen konnte man entnehmen, dass die Gedenksteine von den Göktürken stammten. Dementsprechend musste sich in der unbekannten Inschrift eine alte Turksprache verbergen.

Nun begann unter den Sprachwissenschaftlern der Wettlauf um die Entzifferung der Buchstaben, den 1893 der bekannte dänische Sprachforscher Wilhelm Thomsen (1842–1927) gewann. Er schickte seine Lösung an die Königlich Dänische Akademie der Wissenschaften. Diese wichtige Entdeckung besagte, dass es sich um eine Schrift mit 38 Zeichen handelte. Die Inschriften stammten aus den Jahren 732 und 734, und haben als älteste Dokumente der türkischen Sprache großen Wert.

Buchstabentafel

Alttürkisches oder auch Kök-Türk-Alphabet (Klassisches Zeitalter der Kök-Türken) Gebrauch Symbole Transliteration IPA-Transkription
Vokale Old turkic letter A.png A /a/, /e/
Old turkic letter I.png I /ɯ/, /i/, /j/
Old turkic letter O.png O /u/, /o/, /w/
Old turkic letter U.png U /ø/, /y/, /w/
Konsonanten harmonisiert mit
(¹) — hinten,
(²) — vorne
liegenden Vokalen Old turkic letter B1.png Old turkic letter B2.png B¹ B² /b/
Old turkic letter D1.png Old turkic letter D2.png D¹ D² /d/
Old turkic letter G1.png Old turkic letter G2.png G¹ G² /g/
Old turkic letter L1.png Old turkic letter L2.png L¹ L² /l/
Old turkic letter N1.png Old turkic letter N2.png N¹ N² /n/
Old turkic letter R1.png Old turkic letter R2.png R¹ R² /r/
Old turkic letter S1.png Old turkic letter S2.png S¹ S² /s/
Old turkic letter T1.png Old turkic letter T2.png T¹ T² /t/
Old turkic letter Y1.png Old turkic letter Y2.png Y¹ Y² /ʤ/
nur (¹) — Q
nur (²) — K Old turkic letter Q.png Old turkic letter K.png Q K /q/ /k/
mit allen
Vokalen Old turkic letter CH.png -Ç /ʧ/
Old Turkic letter M.svg -M /m/
Old turkic letter P.png -P /p/
Old turkic letter SH.png -Ş /ʃ/
Old turkic letter Z.png -Z /z/
Old turkic letter NG.png -NG /ŋ/
Cluster + Vokale Old turkic letter ICH.png IÇ, ÇI, Ç /iʧ/, /ʧi/, /ʧ/
Old turkic letter IQ.png IQ, QI, Q /ɯq/, /qɯ/, /q/
Old turkic letter OQ.png Old turkic letter UK.png OQ, UQ,
QO, QU, Q ÖK, ÜK,
KÖ, KÜ, K /oq/, /uq/,
/qo/, /qu/, /q/ /øk/, /yk/,
/kø/, /ky/, /k/
+ Konsonanten Old turkic letter NCH.png -NÇ /nʧ/
Old turkic letter NY.png -NY /nʤ/
Old turkic letter LT.png -LT /lt/, /ld/
Old turkic letter NT.png -NT /nt/, /nd/
Worttrennungssymbole Old turkic letter SEP.png keine
(-) — keine Satzende-Zeichen
Lesebeispiel

Old turkic letter I.pngOld turkic letter R2.pngOld turkic letter NG.pngOld turkic letter T2.png — Inskription
T²NGR²I — Transliteration
/täŋri/ — IPA-Transkription
tanrı — Äquivalent in modernem Türkisch
der Himmelsgott oder der ewig blaue Himmel — damit ist der höchste Gott stellvertretend im alttürkischen Sinne gemeint
Gott — moderne Bedeutung

Der erste Satz auf den Orchon-Runensteinen als Transkription ins lateinische Alphabet:
BILGE:TONYUKUK:BEN:ÖZÜM:TABGAC:ILINGE:KILINDIM:TÜRK:BODUNU:TABGACKA:KÖRÜK:ERTI

Sinngemäße Übersetzung ins Deutsche:
Mein Name ist Bilge Tonyukuk. Ich wurde im Reich China (Tabgatsch)[20] geboren. Das türkische Volk gehörte zum Reich China (Tabgatsch).
Unicode

Der Unicodeblock Alttürkisch ist U+10C00–U+10C4F. Er wurde dem Unicode-Standard im Oktober 2009 mit Version 5.2 hinzugefügt. Er umfasst getrennte Orchon- und Jenissei-Varianten der Einzelzeichen.
Alttürkische Schrift[21]
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F
U+10C0x
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