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Ruth Benedict

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Ruth Benedict

Beitrag  Andy am Fr Apr 03, 2015 8:22 pm

Ruth Fulton Benedict (* 5. Juni 1887 in New York; † 17. September 1948 in New York) war in den USA die Begründerin einer kulturvergleichenden Anthropologie


Ruth Benedict (1937)

Leben

Ruth Benedict, geb. Fulton, studierte zunächst am Vassar College. Im Jahr 1914 heiratete sie den Chemiker Stanley Benedict, der 1936 starb. Sie belegte einen Kurs an der neugegründeten New School for Social Research (damals noch Free School of Political Science) und wurde von ihrer Dozentin Elsie Clews Parsons auf A. A. Goldenweisers Anthropologie Seminar verwiesen. 1921 nahm sie Franz Boas zum anthropologischen Studium an der Columbia-Universität an, wo sie 1923 ihre Dissertation einreichte. Sie blieb an der Universität, erhielt aber erst zwei Monate vor ihrem Tod eine volle Professur.

Während des zweiten Weltkriegs (1943-1945) war Ruth Benedict in einer Beraterfunktion für den amerikanischen Geheimdienst tätig.[1]
Forschung

Bekannt sind ihre Studien bei den Zuñi-, Serrano-, Cochiti-, Pima- und Hopi-Indianern im Südwesten der USA. Zusammen mit Margaret Mead hat Ruth Fulton Benedict viele Forschungsreisen in pazifische Regionen durchgeführt. Beide entwickelten eine enge wissenschaftliche und freundschaftliche Beziehung. In der Studentenbewegung der späten 60er Jahre war gerade die Rezeption der – methodisch umstrittenen – kulturanthropologischen Studien Margaret Meads oder Ruth Benedicts ein wichtiges Moment, um die Naturgegebenheit der tradierten patriarchalen Strukturen zu hinterfragen. Eine zentrale Voraussetzung für Veränderungen war die Erkenntnis „unserer eigenen Kultur … (als) nur eine von unzähligen andersartigen Gestaltungsmöglichkeiten menschlicher Kultur“ (Benedict 1955, 182). Als Pionierin hatte sie einige Schwierigkeiten durchzustehen – so wurde etwa ihre Schrift über die englische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft nie veröffentlicht.
Kulturrelativismus

Ruth Benedict vertritt wie Franz Boas und später Margaret Mead den Kulturrelativismus. So versteht sie Kulturen als einzelne Ganzheiten, die nur aus sich heraus begriffen werden können und verweist auf die enorme Variabilität von Werten.[2]

„Bedeutungsvoll wurde die von Ruth Benedict mit Nachdruck betonte und durch eigene ethnologische Forschung belegte Überzeugung von der lediglich sekundären Rolle, die die biologischen Gegebenheiten für die Entwicklung der einzelnen Kulturen spielen, und die damit zusammenhängende, auf der gleichen Basis beruhende Erkenntnis von der Vielfalt kultureller Erscheinungsformen, die den Glauben an eine 'Ideal'-Kultur ebenso ad absurdum führt wie den unheilvollen Wahn der Überlegenheit einer Rasse über alle anderen.“

– Wolfgang von Einsiedel: rowohlts deutsche enzyklopädie Bd.7, Hamburg 1955


Urformen der Kultur

Ihr 1934 erschienenes Werk Patterns of culture zählt zu ihren wichtigen Arbeiten. Hier setzte sie als wichtigste Grundannahme voraus, dass menschliches Verhalten hauptsächlich erlernt und nicht angeboren sei, und dass Kulturen deshalb dauerhafte soziale Muster ausbildeten. Grundlage ihrer Arbeit bildet das Studium dreier Stammeskulturen, der Kwakiutl-Indianer von Vancouver Island, der Zuñi-Indianer in New Mexico und der melanesischen Dobu.[3] Das Kapitel über die Insulaner von Dobu beruht auf Forschungen von Reo Fortune.[4] Besonders an dieser Kultur lässt sich demonstrieren, dass die abendländische Ethik nicht die einzig mögliche Basis einer funktionierenden Zivilisation ist, weil auf Dobu der Diebstahl zur höchsten Tugend erhoben wurde.
Chrysantheme und Schwert

Im Juni 1944 erhielt Benedict vom US-amerikanischen Office of War Information (OWI) den Auftrag, eine Studie über die Kultur Japans zu erstellen, die der Orientierung der US-amerikanischen Besatzungspolitik nach einer absehbaren Niederlage Japans im Pazifikkrieg dienen sollte. Da Feldforschung aufgrund der Kriegssituation nicht möglich war, bezog Benedict ihre Informationen über Japan vor allem von japanischen Kriegsgefangenen, Emigranten und Remigranten. Das Resultat dieser Arbeit erschien 1946 unter dem Titel The Chrysanthemum and the Sword: Patterns of Japanese Culture. Politisch bedeutsam wurde das darin vorgebrachte Plädoyer für eine Beibehaltung der japanischen Monarchie (Tennō) nach dem Krieg. Wirksam aber umstritten bleibt Benedicts Gegenüberstellung der westlichen Welt und Japans als Schuld- und Schamkultur. Chrysantheme und Schwert, das bereits 1948 in japanischer Übersetzung erschien, prägte das Japanbild mehrerer Generationen im Westen sowie das Selbstbild vieler Japaner.[5]
Sonstige Texte

Sie schrieb unter dem Pseudonym Anne Singleton auch Gedichte .
Nachwirkung

Am 20. Oktober 1995 wurde in den USA eine Briefmarke mit ihrem Porträt veröffentlicht.
Anmerkungen

Antonius Lux (Hrsg.): Große Frauen der Weltgeschichte. 1000 Biographien in Wort und Bild. Sebastian Lux Verlag, München 1963, S. 58.
Kulturrelativistische Standpunkte gelten in der heutigen wissenschaftlichen Debatte hauptsächlich wegen des „relativistischen Selbstwiderspruches“ zumeist als nicht mehr vertretbar - vgl. Rippl/Seipl,Methoden kulturvergleichender Sozialforschung. Eine Einführung, VS Verlag, 2007, S.54 f.
Vgl. Lück, Helmut E., Geschichte der Psychologie, Kohlhammer, Urban-Taschenbücher ³2002, S.42.
Reo F. Fortune: The Sorcerers of Dobu: the social anthropology of the Dobu islanders of the western Pacific. Introduction by Bronisław Malinowski. New York, Dutton 1963 (erstmals 1932 veröffentlicht)

Siehe auch: Nihonjinron.

Publikationen

The Concept of the Guardian Spirit in North America, 1923
Configurations of Culture in North America, im American Anthropologist, Band 34, 1932, S. 1-27.
Patterns of Culture, Houghton Mifflin, New York, 1934
(dt EA) Kulturen primitiver Völker, Stuttgart, August Schröder Verlag, 1949.
(dt.) Urformen der Kultur, rowohlts deutsche enzyklopädie, Reinbek, 1955
Zuñi Mythology, 1935
Edward Sapir. In: American Anthropologist, Band 41, 1939, S. 465-477.
Race - Science and Politics, Modern Age Books, New York, 1940, ²1943
(dt) Die Rassenfrage in Wissenschaft und Politik, Bergen (II), Oberbayern, Verlag Müller u. Kiepenheuer, 1950.
Race and Racism, London, UK, Routeledge, 1942.
(dt) Rassenforschung und Rassentheorie, Göttingen, Verlag Öffentliches Leben, 1947.
mit Gene Weltfish: The Races of Mankind, The Public Affairs Committee, Inc., New York, 1943.
Grundlage des Comic There Are No Master Races, True Comics, Nr. 39, Oktober 1944, 7 Seiten.
The Chrysanthemum and the Sword. Patterns of Japanese Culture, New York, 1946
(dt.) Chrysantheme und Schwert. Formen der japanischen Kultur, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2006, ISBN 978-3-518-12014-9)
The Story of My Life, in Margaret Mead, 1959, S. 97-117.


Quelle - Literatur & Einzelnachweise
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Andy
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