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Der Stürmer

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Der Stürmer

Beitrag  checker am So Mai 03, 2015 3:48 am

Der Stürmer war der Titel einer am 20. April 1923 von Julius Streicher in Nürnberg gegründeten antisemitischen Wochenzeitung. Sie bediente sich einer besonders hetzerischen Sprache und zeichnete sich durch drastische – bei Schilderungen von sogenannten „Rassendelikten“ pornographische – Berichte, Bilder und Karikaturen aus. Die Zeitung war keine offizielle NS-Publikation, sondern Streichers Privatbesitz und machte diesen zum mehrfachen Millionär.[1]



Inhalt und Form

Hauptthema des Stürmers war der Kampf gegen die „Degeneration der nordisch-germanischen Rasse“ durch Rassenschande. Inhalt des Stürmers waren daher überwiegend geradezu pornographische, oft sadistische Schilderungen von Vergewaltigungen und anderen Formen von sexueller Nötigung deutscher (nichtjüdischer) Frauen durch Juden.[2] Der Stürmer vertrat mit der Imprägnationstheorie,[3] einer Form des kontagionistischen Antisemitismus, die pseudo-wissenschaftliche Vorstellung, dass die Erbanlagen einer „deutschblütigen“ Frau durch Geschlechtsverkehr mit einem Juden „verseucht“ würden und sie daher endgültig keinen „arischen“ Nachwuchs mehr zeugen könnte. Diese „Verseuchung der Erbanlagen“ sei bereits durch einmaligen Geschlechtsverkehr möglich.

Um seine Leser davon zu überzeugen, dass es die Absicht „der Juden“ sei, die „nordisch-germanische Rasse“ zu schädigen, bediente sich der Stürmer eines umfassenden Systems der sexuellen Denunziation. Anthropologische Gegebenheit für die sexualverbrecherischen Aktivitäten des Juden sei seine tierhafte Triebhaftigkeit, die zu einer krankhaften Verführungssucht disponiere. Um diese zu befriedigen, sei ihm jedes Mittel recht. Der Jude vergreife sich nicht nur an arischen Mädchen und Frauen, sondern sei auch unermüdlich darauf aus, Kinder und Kleinkinder zu schänden. Sodomitische Handlungen, homosexuelle Aktivitäten und alle nur erdenkbaren Perversionen seien dem Juden als Mittel recht, die arische Rasse zu vernichten. Schon die jüdischen Schüler und Lehrlinge hätten nichts anderes im Sinn, als die Gleichaltrigen zu der verhängnisvollen Masturbation anzuleiten, um deren gesunde Entwicklung zu gefährden. Die Erwachsenen wiederum würden durch die immense Produktion pornografischer Medien von Juden in ihrer geistig-sittlichen Orientierung verweichlicht und gefährdet. Durch Prostitution und Mädchenhandel würden syphilitische Beschwerden und andere Geschlechtskrankheiten gezielt auf die Arier übertragen, um diese zu vernichten.[4]

Oft basierten die Artikel auf Berichten von Lesern, die den vollen Namen der jüdischen Beschuldigten wiedergaben; teilweise erschienen die Artikel auch in Form von aktuellen Berichterstattungen über zeitgenössische Kriminalfälle bzw. Gerichtsverhandlungen.

Neben der stereotyp sexualisierten Darstellung von Juden als potentielle Sexualverbrecher, deren Absicht darin läge, die „deutsche Rasse“ zu schädigen, gab es auch Berichte über eine angebliche jüdische Weltverschwörung, deren Ziel es sei, dem „deutschen Volk“ wirtschaftlich, kulturell, moralisch und militärisch zu schaden.

Auch religiöse Themen bildeten einen Teil des antisemitischen Repertoires des Stürmers, beispielsweise in Gestalt von Juden als Ritualmördern, Gottesmördern und Urfeinden des Christentums. Dabei wurde auf antijudaistische Mythen über rituelle Opferungen von Menschen, Brunnenvergiftung und Ähnliches zurückgegriffen.[5]

Darüber hinaus gab es diffamierende Artikel über jüdische Ärzte, Anwälte, Kaufleute und Viehhändler aus Nürnberg und Umgebung. Ziel dieser Artikel war, so Dennis E. Showalter, die Kennzeichnung des Juden als „böser Nachbar“ und damit die Übertragung eines abstrakten antisemitischen Feindbildes auf identifizierbare Mitglieder der Gesellschaft.

Allgemein wurde Juden böse Absicht bei all ihren Handlungen unterstellt, gleichzeitig wurden sie aber als hinterlistig, feige, verlogen, heuchlerisch, geizig und habgierig dargestellt. Der Stürmer sah es also als seine Aufgabe an, seinen Lesern anschaulich vorzuführen, wie „die Juden“ wirklich seien, und so an der wirtschaftlichen, sozialen und physischen Exklusion dieser „Untermenschen“ aus der „Volksgemeinschaft“ der „Herrenrasse“ aktiv mitzuwirken.

Die aggressive Judenfeindlichkeit des Stürmers wurde noch dadurch verdeutlicht, dass seit 1927 Heinrich von Treitschkes Zitat „Die Juden sind unser Unglück!“ am Fuße einer jeden Titelseite stand.
Herausgeber

Julius Streicher war Herausgeber der Zeitung und nutzte dazu den eigenen Stürmer-Verlag. Julius Streicher war einer der radikalsten Antisemiten in der Zeit des Nationalsozialismus. Er forderte die Todesstrafe für jüdische „Rasseschänder“ und bezichtigte indirekt sogar Hitler zu großer Nachgiebigkeit in der „Judenfrage“. „Nur die Lösung der Judenfrage kann uns erlösen.“ Selbst manche Parteigenossen hielten Streicher für „nicht ganz zurechnungsfähig“, dennoch genoss Streicher die persönliche Protektion Hitlers.[6] Bereits in der Weimarer Republik war der Stürmer 1931 einmal kurzfristig verboten worden, und 1938 veranlasste Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ein (nur kurz andauerndes) Verbot. Der Hintergrund von Goebbels’ Maßnahme war freilich nicht der antisemitische Inhalt als solcher, sondern allein der vulgäre Stil der Zeitung, und entsprach dem Konzept der NSDAP, statt des Radau-Antisemitismus einen mit wissenschaftlichen Weihen versehenen „intellektuellen“ Antisemitismus zu propagieren.

Julius Streicher wurde 1946 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher aufgrund seiner Aufhetzung zum Judenhass wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet.[7] „Streichers Aufreizung zum Mord und zur Ausrottung, die zu einem Zeitpunkt erging, als die Juden im Osten unter den fürchterlichsten Bedingungen umgebracht wurden, stellt eine klare Verfolgung aus politischen und rassischen Gründen […] und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.“[8]
Gestaltung

Die Artikel wurden oft von großformatigen Überschriften und vulgär-antisemitischen Karikaturen von Philipp Rupprecht (Pseudonym: Fips) oder von Fotos begleitet, um die im Text dargestellten antisemitischen Stereotype auch visuell zu illustrieren. Gerade die Karikaturen, die seit Ende 1925 auf beinahe jeder Ausgabe der Zeitschrift zu sehen waren, „stellten das Markenzeichen und einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren“ des Stürmers dar.[9]

In der Rubrik „Am Pranger“ wurden „artvergessene“ Frauen und Männer angeprangert und deren Bestrafung eingefordert. Tatsächlich kam es dadurch Mitte der 1930er Jahre in Deutschland vermehrt zu Pogromen oder Lynchjustiz an vermeintlichen „rassenschändenden Personen“.[10]

In seiner wöchentlichen Ausgabe veröffentlichte das Blatt auch Listen verhafteter Juden, die verdächtigt wurden, gegen die 1935 eingeführten Nürnberger Gesetze verstoßen zu haben.

Der Stürmer erhielt außerdem unter der Rubrik „Lieber Stürmer“ wöchentlich zahlreiche Leserbriefe mit antisemitischem und teilweise denunziatorischem Inhalt. Sie wurden ab 1935 auch von der Geheimen Staatspolizei ausgewertet.[11]

Stürmer-Kasten


Passanten vor einem Stürmer-Kasten (Worms, 1933)

Im ganzen Deutschen Reich waren die sogenannten Stürmer-Kästen verbreitet. Das waren mit antisemitischen Parolen beworbene öffentliche Schaukästen, in denen die aktuelle Ausgabe kostenlos zu lesen war. Während der Olympischen Sommerspiele 1936 wurden an den Wettkampforten die Stürmer-Kästen abmontiert bzw. leer gelassen, und das Blatt wurde an einigen Kiosken vorübergehend nicht verkauft. Damit sollte die Reputation des Deutschen Reiches im Ausland gewahrt bleiben. 1937 gab es etwa 700 Stürmer-Kästen.[12]
Versagung zivilrechtlichen Schutzes

Betroffenen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen, die vom Stürmer beleidigt und angegriffen wurden, war allgemein jeder rechtliche Schutz dagegen verwehrt. Nach einem Urteil des Amtsgerichts Berlin, mit dem 1937 die Beleidigungsklage eines Rechtsanwalts zurückgewiesen wurde, hatte Der Stürmer „die Aufgabe, das Verständnis für den Rassegedanken im Volk zu wecken und zu vertiefen sowie die Bewegung im notwendigen Kampf gegen das Judentum zu unterstützen“. Es sei daher nicht als Verunglimpfung zu werten, wenn „an dem Verhalten einzelner Volksgenossen Kritik“ geübt werde.[13]
Entwicklung

Zunächst erschien Der Stürmer im Völkischen Verlag Wilhelm Härdel, ab 1935 dann im Verlag Der Stürmer. In der Anfangszeit hatte das Blatt nur eine eher geringe Auflagenzahl, mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde Der Stürmer aber vermehrt popularisiert und auch an verschiedene nationalsozialistische Organisationen, wie z. B. die DAF (Deutsche Arbeitsfront), ausgeliefert. Die durch die Nationalsozialisten betriebene „Gleichschaltung“ der freien Presse sowie Julius Streichers Funktion als Gauleiter in Nürnberg dürfte die Entwicklung des Stürmer ebenfalls maßgeblich beeinflusst haben. Zwischen 1923 und 1945 gab es außerdem zusätzlich mehrere Sonderausgaben zu speziellen Themenschwerpunkten. Die letzte Ausgabe des Stürmers erschien am 22. Februar 1945.[14]

Die genaue Auflage des Stürmers ist nicht ermittelbar. Nach den Angaben von Julius Streicher im Nürnberger Prozess schätzte Dennis E. Showalter, dass Der Stürmer 1927 eine Auflage zwischen 17.000 und 20.000 hatte und in den Jahren nach 1933 sechsstellige Auflagenhöhen erreichte. In der Urteilsbegründung des Nürnberger Gerichtshofes ist von einer Auflage von 600.000 ab dem Jahr 1935 ausgegangen worden. Fred Hahn geht davon aus, dass lediglich Streichers Aussage über die Auflage für 1934 in Höhe von 40.000 als gesichert angesehen werden kann. Randall Bytwerk nennt für seine genaueren Angaben (siehe Tabelle) keine Quellen:


Todesstrafe für „Rassenschande“, Plakat Der Stürmer ( 1935 )

Auflage ab 1927[15] Jahr Ausgabe Auflage
1927 — 14.000
1933 — 25.000
1934 6 47.000
1934 13 49.000
1934 17 50.000
1934 19 60.000
1934 33 80.000
1934 35 94.114
1934 42 113.800
1935 6 132.800
1935 19 202.600
1935 29 286.400
1935 36 410.600
1935 40 486.000
1938 5 473.000
Weitere Veröffentlichungen

Ab 1936 gab der Stürmer-Verlag unter anderem auch antisemitische Kinderbücher heraus:

Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid – Ein Bilderbuch für Groß und Klein (1936, Illustration von Elvira Bauer)
Der Giftpilz (1938, Ernst Hiemer, Illustration von Philipp Rupprecht (Pseudonym „Fips“))
Der Pudelmopsdackelpinscher (1940, Ernst Hiemer).

Dokumentarfilm

Spiegel TV: Julius Streicher – Der Judenhetzer (2000) von Michael Kloft[16]

Siehe auch

NS-Propaganda
Sprache des Nationalsozialismus
Diskriminierung
Rassismus
Blut-und-Boden-Ideologie
Nationalsozialistische Rassenhygiene


Quelle - Literatur & Einzelnachweise
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