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Zwangsarbeit in Braunschweig

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Zwangsarbeit in Braunschweig

Beitrag  Andy am Fr Jul 24, 2015 9:08 pm


218
Auch die Braunschweiger Firma Büssing beantragte 1944 eine Zuteilung von KZ-
Häftlingen beim Wirtschaftsverwaltungshauptamt in Berlin-Oranienburg.
Diese im Jahre 1903 von Heinrich Büssing gegründete Firma produzierte schon seit
1908 indirekt Militärausrüstung, den so genannten Subventionswagen: Die Militärver-
waltung zahlte Prämien an alle Firmen, die bei Büssing Lastkraftwagen kauften, wenn sie
sich verpflichteten, innerhalb von fünf Jahren nach Erwerb die Lastkraftwagen im Falle
der Mobilmachung an die Armee zu übergeben. Dieses Prämiensystem war nichts ande-
res als eine finanzielle Förderung der Büssing-Produktion. Durch Umstellung auf aus-
schließliche Rüstungsproduktion während des Ersten Weltkriegs hatte das Unternehmen
große Gewinne erzielt. Ende der 1920er Jahre testete die Firma auf einem geheimen
Übungsplatz der Reichswehr bei Kasan an der Wolga neue Geländewagen.
Auf Veranlassung des Reichsluftfahrtministeriums gründete Büssing 1935 die Nieder-
sächsischen Motorenwerke (NIEMO) in Braunschweig-Querum. In dieser Fertigungs-
stätte wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Flugzeugmotoren von Daimler-
Benz in Lizenz hergestellt. In den Jahren 1939-1945 hat Büssing ca. 15.000 Lastkraft-
wagen für die Wehrmacht produziert.
Im Jahre 1944 wurden ca. 7.250 ausländische Zivilarbeiter (darunter ca. 1.500 Polen)
und Kriegsgefangene bei Büssing und den Niedersächsischen Motorwerken beschäftigt,
die ca. 55 % der Belegschaft beider Firmen bildeten. Ausländische Zivilarbeiter und
Kriegsgefangene wurden dazu in verschiedenen Lagern im Stadtgebiet kaserniert, so in fol-
genden Lagern: „Kralenriede“, „Rühmerberg“, „Schunter-Siedlung“, „Mascherode“,
„Schützenplatz“ und „Dietrich-Klagges-Stadt“
3
. Die Zahl der in- und ausländischen
Beschäftigten reichte jedoch nicht aus, um das Soll an geforderten Rüstungsaufträgen zu
realisieren.
Als das Wirtschaftsverwaltungshauptamt die Zuteilung von KZ-Häftlingen geneh-
migt hatte, begann die Firma Büssing, das Lager in Braunschweig einzurichten. Als
Lagerstandort wurde die Wörthstraße, die heutige Schillstraße bestimmt. Sie lag in Fuß-
wegnähe zu den Arbeitsstätten in den Büssingwerken und zugleich in Sichtweite zum
Divisionsstabsgebäude
4
. Alle Arbeiten wurden von der „Baukolonne“ ausgeführt, die am
17. August 1944 aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg in Braun-
schweig eintraf. Das Außenlager Schillstraße war Neuengamme unterstellt. Diese Bau-
kolonne bestand insgesamt aus 126 Neuengamme-Häftlingen, unter ihnen 74 franzö-
sische Widerstandskämpfer, die im Frühjahr 1944 im Süden Frankreichs verhaftet und
im Juli 1944 nach Neuengamme überstellt worden waren, außerdem 42 Russen, Letten
und Esten sowie acht Deutsche und zwei Polen
5
. Die deutschen Häftlinge, ausnahmslos
verurteilte Kriminelle, übernahmen im Lager die Funktionen der Kapos
6
.
Bis Ende Oktober 1944 war die Baukolonne im Lager „Mascherode“ (eingerichtet
3
Karl
Liedke
, Gesichter der Zwangsarbeit. Polen in Braunschweig 1939-1945. Braunschweig 1997, S. 63.
4
Ebd., S. 108.
5
Georges
Salan
, Prisons de France et bagnes allemands. Nimes 1946, S. 131. Es war der erste Hinweis zur
Anwesenheit der Franzosen in der Schillstraße, denn es sind keine Quellen zu diesem Thema vorhanden.
6
Bekannt sind die Namen von vier von ihnen: Edwin Franz (deutscher Zigeuner), Rudolf Knabke, Hermann
Giesen (ehemaliger Boxer) und Hans Wittling, in: Aussage des ehemaligen Häftlings Michal Guminer am
7.12.1945 vor der Polizei in Braunschweig, in StA WF 62 Nds Fb. 2, Nr. 445 (künftig WF Nr. 445). Michal
Guminer, geb. 1920, arbeitete im Ghetto Lodz bei der Post, er sprach fließend deutsch, wodurch er das
Lagerleben in der Schillstraße genau beobachten konnte


Abb. 34: Luftaufnahme des Lagers Schillstraße, April 1945

für Zivilarbeiter) untergebracht. Am 5. November 1944 war das Lager in der Schillstraße
fertig. Als Unterkünfte dienten vier Baracken, gebaut aus Ziegelhohlsteinen oder Beton-
platten, deren Gesamtfläche ca. 2.100 Quadratmeter betrug. Nach geltenden Normen für
ausländische Zivilarbeiter sollte jede Baracke 312 Personen aufnehmen können. Außer-
dem wurde eine Wohnbaracke für die SS-Wachmannschaft gebaut, zu der anfangs 25,
später 50 Wächter gehörten
7
.
Zum Lagerkommandanten wurde der SS-Hauptscharführer Max Kirstein
8
ernannt,
der schon über umfangreiche Erfahrung bei der Leitung eines Arbeitslagers mit KZ-
Häftlingen verfügte. Von November 1942 bis August 1944 war er Kommandoführer in
der Zellulosefabrik in Wittenberge/Brandenburg und dann im Drägerwerk in Hamburg
9
.
7
Nds. StA Wf, 131 N Fb. 2, Nris. ass. 13086 und 13103.
8
Max Kirstein, geb. am 7.11.1890 in Bernburg/Saale, Sohn eines Bahnboten, nach der Volksschule machte er
eine kaufmännische Ausbildung, arbeitete als Verkäufer und Dekorateur. 1912 eingezogen, hatte er 1913
einen Unfall, wodurch er wehrdienstuntauglich wurde. Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, ausgezeichnet mit
dem EK II für die Kämpfe an der Westfront. 1921 heiratete er und wurde Landwirt. Er wohnte zusammen
mit seiner Frau und mit seinem Kind in Ludwigslust/Mecklenburg. Er nahm an den Umzügen der Nazis in
Nürnberg in den Jahren 1934-1938 teil. Er trat der NSDAP am 1.5.1937 bei, in der Waffen-SS vom 31.8.1939
an. Am 1.11.1939 befördert zum SS-Scharführer, am 1.5.1941 zum SS-Oberscharführer, am 1.7.1943 – SS-
Hauptscharführer, in: Berlin Document Center (jetzt BARCH), SS-Stammakte „Kirstein, Max“.
9
Public Record Office, Kew / Richmond, WO 309/375, Nr. 55638, Verzeichnis von deutschen Kriegsverbre-
chern inhaftiert im Lager 101.C.I.C. Esterwegen in den Jahren 1946-1948.
10
Aussage des Leiters der Firma Gebr. Koch, Hugo Probst, 1945 vor der deutschen Polizei. Diese Firma
befand sich in der Nähe des Lagers. Die Häftlinge halfen manchmal auf Probsts Bitte hin und mit Kirsteins
Genehmigung bei den Transportarbeiten in der Firma. (Quelle: WF Nr. 445)

Sein Helfer in der Lagerschreibstube war Unteroffizier Rolfs
10
. Außer diesen beiden sind
folgende Mitglieder der SS-Wachmannschaft namentlich bekannt: Heinrich Sebrantke,
Kirsteins Vertreter im Unterkommando Vechelde, SS-Feldwebel Robert Nordmann,
zuständig für Verpflegung, außerdem noch der SS-Mann Gerjet Backer, der SS-Schütze
Hermann Schier, SS-Sturmmann L. Sagell, SS-Oberscharführer Paul Braszeszewitz und
SS-Schütze August Sonntag
11
.
Die Selektion
Mitte August 1944, parallel zum Beginn der Bauarbeiten, fuhren zwei Vertreter der
Firma Büssing, der Oberingenieur Otto Pfänder und der Verkaufskorrespondent Otto
Schollmeyer, in das Konzentrationslager Auschwitz, um von den aus dem liquidierten
Ghetto in Lodz kommenden Häftlingen 1.000-1.200 Männer auszuwählen, die für den
Arbeitseinsatz bei Büssing geeignet schienen. Das genaue „Auswahlverfahren“ ist akten-
mäßig nicht überliefert.
Die ehemaligen Häftlinge, die vom Autor im Mai und Juni 1999 in Israel interviewt
wurden, erinnern sich, dass man in Auschwitz unter den Häftlingen über Vertreter der
Firma Büssing redete, die „Metallarbeiter“ brauchten. Unter den ehemaligen Lodzer
Ghettobewohnern gab es aber relativ wenig qualifizierte Vertreter dieses Berufes
12
. Man
suchte also nach verschiedenen Wegen, um zum Arbeitseinsatz nach Deutschland zu
gelangen als einer Chance, dem Vernichtungstod in Auschwitz zu entgehen.
Die Kriterien, die im Auswahlverfahren für Büssing entscheidend waren, lassen sich
nach den Zeitzeugenaussagen nicht eindeutig definieren. In vielen Fällen reichte eine
mündliche Erklärung über die beruflichen Fähigkeiten aus, die nur selten durch gezielte
Fachfragen überprüft wurde. Sehr oft spielte die damalige körperliche Verfassung, ent-
sprechende Körpergröße, keine äußerlichen Anzeichen von Unterernährung, eine ent-
scheidende Rolle. Für Jugendliche konnte ihre vorhandene „Geschicklichkeit“ maßgeb-
lich für ihre Auswahl sein.
So erinnert sich der interviewte Boleslaw Olomucki, der zum „Transport Braun-
schweig“ gehörte, an die Umstände dieses „Auswahlverfahrens“:
Die ganze Zeit dachte ich schon, wie ich von der Selektion und von den Krematoriums-
schornsteinen fliehen könnte. Mit Erleichterung hörte ich, daß Fachleute für eine Autofabrik
in Braunschweig gesucht werden, insbesondere würden Schweißer gebraucht, hieß es. Seiner
Zeit, noch im Ghetto in Lodz, fiel mir eine deutsche Broschüre über Schweißen in die Hände.
Da ich nichts anderes zum Lesen hatte, las ich diese Broschüre ein paar Mal und jetzt beschloß
ich, mich für den Transport zu melden. Auf die Frage des Prüfers antwortete ich, daß ich
Mechanikstudent sei, daß ich bei meinem Vater als Praktikant gearbeitet und Bleche bis 24
mm Stärke geschweißt habe. „Wieso Bleche?“, fragte der andere Zivilist. „Ja“, sagte der erste
Prüfer, „bis 24 mm sind es Bleche, darüber sind es schon Platten“. Noch zwei, drei Fragen, die Festgestellt 1946 vom Landespolizeiposten Vechelde, in WF Nr. 445.
12
Anderer Meinung ist der ehemalige Häftling des Lagers Schillstraße, Unterkommando Vechelde, Adolf Dia-
mant (deutscher Jude aus Chemnitz, deportiert ins Ghetto Lodz und dann nach Auschwitz). In der „Frank-
furter Rundschau“ vom 21.9.1999 erschien sein Brief, in dem Diamant schreibt, dass die bei Büssing arbei-
tenden Juden erstklassige Facharbeiter wären, die schon im Ghetto meistens im Ressort der Metallbearbei-
tung gearbeitet hätten

Hier brechen wir ab,wer weiterlesen möchte,hier der Link:
http://www.appelhans-verlag.de/leseprobe/Zwangsarbeit/files/assets/seo/page43.html
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