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Der Bertelsmann Transformation Index (BTI)

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Der Bertelsmann Transformation Index (BTI)

Beitrag  Andy am Do Sep 17, 2015 8:34 pm

Der Bertelsmann Transformation Index (BTI) ist eine international vergleichende Studie zum Entwicklungsstand und zur Governance von politischen und wirtschaftlichen Veränderungsprozessen in 129 Entwicklungs- und Transformationsländern. Der BTI wird seit 2006 alle 2 Jahre von der Bertelsmann Stiftung vorgelegt. Der Index misst und vergleicht die Qualität von Regierungshandeln international mit selbst erhobenen Daten und analysiert Erfolge und Rückschritte auf dem Weg zu rechtsstaatlicher Demokratie und sozialpolitisch flankierter Marktwirtschaft.

Status- und Management-Index

Kernstück und Namensgeber der Studie sind Ranglisten zur Transformation mit unterschiedlichem Detailgrad. Auf höchster Aggregationsebene weist die Studie zwei Indizes aus: den Status-Index, der den allgemeinen Entwicklungsstand hinsichtlich demokratischer und marktwirtschaftlicher Merkmale untersucht, und den Management-Index, der das politische Management der Entscheidungsträger in den Blick nimmt.[1]

Der Status-Index setzt sich aus den Untersuchungsdimensionen Politische und Wirtschaftliche Transformation zusammen. Politische Transformation beinhaltet wesentliche Merkmale einer demokratischen staatlichen Ordnung. Dies schließt Partizipationsrechte, Rechtsstaatlichkeit, die Stabilität demokratischer Institutionen und die politische und gesellschaftliche Integration von Institutionen ein, aber auch die Staatlichkeit als Grundbedingung für das Funktionieren einer Demokratie. Wirtschaftliche Transformation berücksichtigt neben den klassischen marktwirtschaftlichen Merkmalen wie volkswirtschaftliche Leistungsstärke, Markt- und Wettbewerbsordnung, Währungs- und Preisstabilität sowie dem Schutz des Privateigentums auch soziale Komponenten wie das sozioökonomische Entwicklungsniveau, die Sozialordnung und die ökologische und bildungsbezogene Nachhaltigkeit.[2][3]

Der Management-Index bewertet, inwieweit politische Entscheidungsträger den Transformationsprozess steuern und fördern können. Er setzt sich aus den Kriterien Steuerungsfähigkeit, Ressourceneffizienz, Konsensbildung und Internationale Zusammenarbeit zusammen. Bei der Berechnung des Management-Index wird der Schwierigkeitsgrad berücksichtigt, etwa strukturelle Hindernisse, zivilgesellschaftliche Traditionen und die Konfliktintensität.[4]
Methode

Status- und Management-Index setzen sich modular aus Untersuchungsdimensionen (2. Ebene), Kriterien (3. Ebene) und Indikatoren (4. Ebene) zusammen. Alle Werte für Indikatoren werden auf einer Ordinalskala natürlicher Zahlen von 1 (geringste Ausprägung) bis 10 (vollständige Ausprägung) vergeben. Die Indikatoren, Kriterien und Untersuchungsdimensionen werden durch Mittelwertbildung zur nächsthöheren Ebene aggregiert. Status- und Management-Index werden nicht zu einem übergeordneten Gesamtwert aggregiert.[1]

In der wissenschaftlichen Beurteilung des BTI werden seine demokratietheoretische Relevanz, die Breite und Qualifikation der Länderexperten, die Dokumentation der Quellen, umfangreiche Reliabilitätstests, die Veröffentlichung aller disaggregierten Daten und die Anwendbarkeit der Aggregationsregel positiv hervorgehoben.[5][6] Kritisch beurteilt werden Redundanz und mangelnde Trennschärfe der Indikatoren, eine normativ aufgeladene Konzeptlogik und die fehlende theoretische Begründung der Messniveaus.[5]
Status-Index Management-Index
Politische Transformation Wirtschaftliche Transformation Transformationmanagement
Staatlichkeit Sozioökonomisches Entwicklungsniveau Schwierigkeitsgrad
1.1 Staatliches Gewaltmonopol 6.1 Sozioökonomische Hindernisse 13.1 Strukturelle Hindernisse
1.2 Staatliche Identität Markt- und Wettbewerbsordnung 13.2 Zivilgesellschaftliche Traditionen
1.3 Kein Einfluss religiöser Dogmen 7.1 Grundlagen marktwirtschaftlichen Wettbewerbs 13.3 Konfliktintensität
1.4 Grundlegende Verwaltungsstrukturen 7.2 Antimonopolpolitik 13.4 BNP p. c. PPP
Politische Partizipation 7.3 Liberalisierung des Außenhandels 13.5 UN Education Index
2.1 Freie und faire Wahlen 7.4 Bankensystem 13.6 BTI Staatlichkeit & Rechtsstaatlichkeit
2.2 Effektive Regierungsgewalt Währungs- und Preisstabilität Gestaltungsfähigkeit
2.3 Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit 8.1 Antiinflations- und Wechselkurspolitik 14.1 Priorisierung
2.4 Presse- und Meinungsfreiheit 8.2 Makroökonomische Stabilität 14.2 Implementierung
Rechtsstaatlichkeit Privateigentum 14.3 Lernfähigkeit
3.1 Gewaltenteilung 9.1 Eigentumsrechte Ressourceneffizienz
3.2 Unabhängigkeit der Justiz 9.2 Privatwirtschaft 15.1 Effiziente Ressourcennutzung
3.3 Ahndung von Amtsmissbrauch Sozialordnung 15.2 Politikkoordinierung
3.4 Bürgerrechte 10.1 Soziale Sicherungssysteme 15.3 Antikorruptionspolitik
Stabilität demokratischer Institutionen 10.2 Chancengleichheit Konsensbildung
4.1 Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen Leistungsstärke der Volkswirtschaft 16.1 Zielkonsens
4.2 Akzeptanz demokratischer Institutionen 11.1 Leistungsstärke 16.2 Antidemokratische Akteure
Politische und gesellschaftliche Integration Nachhaltigkeit 16.3 Konfliktmanagement
5.1 Parteiensystem 12.1 Umweltpolitik 16.4 Zivilgesellschaftliche Beteiligung
5.2 Interessengruppen 12.2 Bildungspolitik / Forschung und Entwicklung 16.5 Versöhnung
5.3 Zustimmung zur Demokratie Internationale Zusammenarbeit
5.4 Sozialkapital 17.1 Nutzung internationaler Unterstützung
17.2 Glaubwürdigkeit
17.3 Regionale Kooperation
Länderauswahl

Untersucht werden alle Entwicklungs- und Transformationsländer mit mehr als zwei Millionen Einwohnern. Als Entwicklungs- und Transformationsländer werden jene Länder betrachtet, die nicht als demokratisch und marktwirtschaftlich konsolidiert gelten. In Abwesenheit einer konkret anwendbaren Definition der Konsolidierungsgrenze wird die OECD-Mitgliedschaft vor 1989 als Konsolidierungskriterium herangezogen.

In Ausnahmefällen werden auch Länder mit weniger als zwei Millionen Einwohnern (Bahrain, Bhutan, Estland, Kosovo, Mauritius und Montenegro) untersucht. Seit der Aufnahme des Südsudan im BTI 2014 umfasst die Studie 129 Staaten.[2][7]
Erhebungsverfahren

Die Berichte und Bewertungen jeder Studie, an der etwa 250 Länderexperten beteiligt sind,[8] beruhen auf einem mehrstufigen Erhebungs- und Prüfverfahren. Ziel des Verfahrens sei es, zu möglichst objektiven und vergleichbaren Ergebnissen zu gelangen. Zwei Gutachter pro Land - in der Regel ein internationaler und ein lokaler Experte - erstellen und überprüfen qualitative Länderanalysen anhand von 49 standardisierten Fragen (Codebuch[9]) und übersetzen die Antworten unabhängig voneinander in quantitative Bewertungen. Auf dieser Grundlage vereinheitlichen sieben Regionalkoordinatoren die Ergebnisse intra- und interregional. Ein wissenschaftlicher Beirat von Transformationsexperten kontrolliert und diskutiert die Ergebnisse und verabschiedet die endgültigen Werte.[2]


BTI-Erhebungsverfahren[2]

Der Prototyp des BTI wurde 2003 veröffentlicht und anschließend methodisch überarbeitet. Seitdem haben keine grundlegenden methodologischen Änderungen mehr stattgefunden, so dass vergleichbare Zeitreihen seit 2006 gebildet werden können.
Ergebnisse

Die Studie verweist regelmäßig auf einen engen empirischen und funktionalen Zusammenhang zwischen rechtsstaatlicher Demokratie und sozialpolitisch flankierter Marktwirtschaft, der mit einer hohen Korrelation der entsprechenden BTI-Werte begründet wird.[10] Demnach sei die Gruppe der Demokratien den Autokratien im Hinblick auf wirtschaftlichen Entwicklungsstand, Ressourceneffizienz, Konsensbildung und internationaler Kooperation überlegen. Aus diesem Zusammenhang ließe sich jedoch kein Entwicklungsautomatismus oder eine universell gültige optimale Abfolge von Reformen ableiten.[11]

Seit Mitte der 2000er Jahre stellt der BTI einen schleichenden Rückgang der Qualität von politischen Partizipationsrechten und rechtsstaatlichen Merkmalen in Demokratien fest. Insbesondere in relativ fortgeschrittenen Ländern Ostmittel- und Südosteuropas sowie Lateinamerikas seien die Wahlqualität, Meinungs- und Pressefreiheit, Gewaltenteilung und Bürgerrechte stärker eingeschränkt worden.[12][13] Die Autoren der Studie kommen auch zu dem Schluss, dass global betrachtet der Wohlstand tendenziell zugenommen hat und absolute Armut zurückgegangen ist, während Ungleichheit und soziale Ausgrenzung gewachsen sind.[14] Dies führe zu einer Zunahme von Protesten weltweit.[15]
Politische Transformation 2014 Rang Land Wert
1 Uruguay 9,95
2 Estland 9,70
3 Taiwan 9,65
4 Tschechien 9,60
5 Polen 9,35
6 Costa Rica 9,30
6 Slowenien 9,30
8 Litauen 9,25
9 Chile 9,10
10 Slowakei 9,05
Wirtschaftliche Transformation 2014 Rang Land Wert
1 Taiwan 9,50
2 Tschechien 9,43
3 Estland 9,14
4 Polen 8,96
5 Slowenien 8,93
6 Singapur 8,89
7 Uruguay 8,71
7 Litauen 8,71
7 Südkorea 8,71
10 Chile 8,54
Management-Index 2014 Rang Land Wert
1 Taiwan 7,68
2 Uruguay 7,46
3 Brasilien 7,30
4 Estland 7,26
5 Chile 7,22
6 Polen 7,21
6 Slowakei 7,09
8 Litauen 7,08
9 Botswana 6,92
9 Südkorea 6,92
Veröffentlichungen

Die Studienergebnisse werden in Form von Länder-[16] und Regionalberichten[17] sowie einer Buchreihe[18] auf Englisch und teilweise auf Deutsch veröffentlicht. Initiiert und finanziert von ausländischen Think Tanks sind BTI-Studieninhalte auch in anderen Sprachen erschienen: 2009 auf Arabisch vom Gulf Research Center,[19] 2010 auf Russisch durch das Moskauer Center for Post-Industrial Studies und 2014 auf Spanisch vom argentinischen Centro para la Apertura y el Desarrollo de América Latina.[20] Der BTI Atlas, eine Grafikanwendung, bietet individuelle visuelle Zugänge zu den Ergebnissen und Berichten aller Ausgaben seit 2006.[21]
Verwendung

Der Bertelsmann Transformation Index wird sowohl von Regierungen weltweit zur Beurteilung von Partnerländern herangezogen[22][23] als auch von internationalen Organisationen zur Erstellung ihrer eigenen Analysen genutzt. Die Worldwide Governance Indicators, der Korruptionswahrnehmungsindex und der Ibrahim Index of African Governance beruhen in Teilen auf BTI-Ergebnissen.[24][25][26]

Das Schwesterprojekt Sustainable Governance Indicators, das dem BTI methodisch nachempfunden ist, untersucht die Reformfähigkeit und Nachhaltigkeit fortgeschrittener Demokratien und Marktwirtschaften. Die Untersuchung umfasst alle OECD- und EU-Mitgliedsstaaten, einschließlich die nicht in den BTI einbezogenen OECD-Kernländer.
Kritik

Aus politikwissenschaftlicher Perspektive ist an dem Bertelsmann Transformation Index auszusetzen, dass er die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung miteinander verrechnet und damit impliziert, dass diese zwangsläufig aneinander gebunden sind. Allerdings ist empirisch auch eine wirtschaftliche Entwicklung ohne demokratische Transformation möglich, beispielsweise in China. Des Weiteren geht der BTI bei der Bewertung des Transformations"managements" davon aus, dass nur die jeweilige Regierung eines Landes den Transformationsprozess beeinflussen kann. Dabei wird außer Acht gelassen, dass auch gesellschaftliche Akteure, beispielsweise Gewerkschaften, Transformationsprozesse anstoßen und in hohem Maße beeinflussen und in diesem Sinne auch "managen" können. Beispiel dafür ist die Systemtransformation in Polen unter Einfluss der katholischen Kirche und der Gewerkschaft Solidarność Ende der Achtziger Jahre.

Siehe auch

Demokratiemessung
Entwicklungspolitik
Governance
Transformation (Politikwissenschaft)
Transformationsland

Quelle - Literatur & Einzelnachweise
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