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Theistische Evolution

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Theistische Evolution

Beitrag  Andy am Do Okt 01, 2015 8:20 pm

Der Begriff theistische Evolution bezeichnet eine Bandbreite von Sichtweisen über das Verhältnis theistischen religiösen Glaubens und wissenschaftlichen Theorien zum Ursprung und der Evolution des Lebens. Viele gläubige Theisten sind der Überzeugung, dass ein Gott in irgendeiner Form die Entwicklung des Lebens plant oder steuert. Manche Theisten gehen dabei nur vom Einfluss eines Gottes auf psychische Phänomene aus, aber einige gehen so weit, von einem direkten schöpferischen Eingreifen eines Gottes in Naturvorgänge zu sprechen. Im Unterschied zu Vertretern eines christlichen evolutionistischen Kreationismus gehen Anhänger der theistischen Evolution im Allgemeinen aber nicht von der Annahme einer völligen Irrtumslosigkeit der Bibel aus. Zahlreiche bekannte Naturwissenschaftler und Theologen vertreten die Auffassung, dass die Evolutionstheorie und der Glaube an einen Schöpfergott vollkommen widerspruchsfrei miteinander vereinbar sind. Sehr viele Gläubige der großen Konfessionen halten Wissenschaft und Glaube auch für vollständig unabhängig voneinander. Ob und wie weit solche Positionen noch unter den Oberbegriff theistische Evolution fällt, ist umstritten.

Katholische Kirche
Creatio continua

In der christlichen Schöpfungslehre ist Augustinus von Hippo der Erfinder des Begriffs der sogenannten creatio continua. Augustinus benutzt diesen Begriff, um zu verdeutlichen, dass die Schöpfung noch nicht abgeschlossen ist, sondern in ihren Gesetzen ständig für das Eingreifen eines Gottes offen ist. Noch Newton vertritt diese Auffassung. Leibniz wirft demgegenüber Newton vor, Gott als einen schlechten Uhrmacher zu betrachten. Leibniz ist der erste, der nach dem Mittelalter wieder behauptet, die Welt liefe streng kausal nach den (von einem Gott am Anfang der Welt geschaffenen) Naturgesetzen ab und sei gegenwärtig abgeschlossen gegen das Eingreifen eines Gottes, wie es sich etwa in Wundern ausdrücken würde.

Unter einer eher metaphysischen Perspektive thematisiert der Begriff der creatio continua das Verhältnis der Zeitlosigkeit (Ewigkeit) eines Schöpfers bzw. creators - für den creator ist alles „gleichzeitig“ - zur linearen Zeitlichkeit der kontingenten, zufälligen Schöpfung. Die creatio continua (lat.: „fortgesetzte Schöpfung“) ist entweder die Bewahrung und Erhaltung der Schöpfung durch ständiges Weiterschaffen (Thomas von Aquin, Summa contra gentiles III, 6) - Gegenansicht: Deismus - oder/und das Zusammenfallen von Schaffen und Erhalten.[1]
Gegenteilige Auffassung

Theistische Anhänger einer geschlossenen Naturkausalität, wie sie etwa Leibniz vertreten hat, wollen eine Aussage des Augustinus dahingehend interpretieren, dass dem Eingreifen eines Gottes enge Grenzen gesetzt seien: „Die Welt ist nicht in der Zeit geschaffen, sondern mit der Welt schuf Gott auch die Zeit.“ Nach ihrer Interpretation dieser Aussage setzt ein Gott die Welt und die Zeit ins Dasein, mit diesem einen Schöpfungsakt ist die Schöpfung abgeschlossen und die Welt entwickelt sich fortan gemäß den ebenfalls abschließend erschaffenen Naturgesetzen in der Zeit weiter. Damit behaupten sie aber gerade, dass die Schöpfung am Anfang der Zeit war und nicht jenseits der Zeit. In diesem Kontext wird oft auch von theologischen Schöpfungsaspekten des Universums gesprochen, des Lebens und der Seele, die außerhalb der zeitlichen und räumlichen Welt liegen. Andere Interpretationen sehen die Entstehung dieser drei Aspekte als aktiven Eingriff. Anhänger dieser Auslegungen distanzieren sich im Allgemeinen von der Bezeichnung der theistischen Evolution, da sie ihre These als völlig unabhängig von der Wissenschaft betrachten und gar keine Aussagen über die Evolution selbst machen. Einige Richtungen gehen aber so weit, die biologische Evolution als ein Steuerungssystem eines Gottes zu betrachten, mit dem dieser ständig in die Entwicklung des Lebens aktiv eingreift.

Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) war ein angesehener Geologe und Paläontologe sowie Jesuitenpriester und schrieb ausführlich über das Thema der Einbeziehung der Evolution in ein neues Verständnis der Christenheit. Während ihm anfänglich von der römisch-katholischen Kirche keine Anerkennung entgegengebracht wurde, hatten seine Werke später erheblichen Einfluss. Seine Sicht wird in katholischen und protestantischen Seminaren diskutiert, gibt aber nicht die Lehrmeinung dieser Kirchen wieder.

In Deutschland vertreten rund die Hälfte der Mitglieder der römisch-katholischen Kirche und auch vieler anderer großer Kirchen und Konfessionen mehr oder weniger eine dieser Richtungen [2], da sie traditionell die Bibel im Großen und Ganzen nie als wörtlich auszulegende und einzig autoritative Quelle transzendenter Wahrheiten betrachtet haben. Konkret zu modernen wissenschaftlichen Theorien zur Entwicklung des Lebens äußerte sich erstmals Papst Pius XII. 1950 in der Enzyklika Humani Generis.[3] Diese Enzyklika wurde 1996 von Johannes Paul II. aufgegriffen. Er sprach davon, dass sie die Evolutionstheorie als „ernstzunehmende Hypothese“ interpretiere und betonte, dass diese in der Zwischenzeit „mehr als nur eine Hypothese“ geworden sei.[4]

Im Jahr 2005 kam es in Kreisen der katholischen Kirche zu einigen Aussagen, die teilweise als Annäherung an einige kreationistische Positionen des fundamentalistischen Christentums gewertet wurden. So veröffentlichte Kardinal Christoph Schönborn im Juli 2005 in der New York Times den Artikel Finding design in nature.[5] Darin stellte er zwar die Evolutionstheorie selbst nicht in Frage, richtete sich aber gegen die Interpretation, es handle sich dabei um einen Prozess ohne Ziel und Zweck. Obwohl er dabei Intelligent Design zunächst nicht ansprach, befürwortete er später in Interviews, dass es auch im US-Schulunterricht erlaubt sein müsse, über diesen Plan zu sprechen, wofür er den Begriff Intelligent Design verwendete.[6][7] Von dem Vorwurf, damit kreationistische Positionen zu vertreten, distanzierte er sich jedoch[8] und bezog sich auf die Sicht des Schweizer Zoologen und Anthropologen Adolf Portmann, der Darwins Defizite benennt[9]. Im November 2005 antwortete Paul Poupard, Präsident des Päpstlichen Rates für Kultur, auf die Frage nach der Intelligent-Design-Bewegung, dass die Schöpfungsgeschichte der Genesis und Darwins Evolutionstheorie vollständig verträglich seien, wenn die Bibel korrekt interpretiert werde. Dies wird im allgemein als Absage an die Intelligent-Design-Bewegung gewertet, die u.a. die Evolutionstheorie ablehnt. Papst Benedikt XVI. bekräftigte kurz danach nochmals die Position von Christoph Schönborn und sprach von einem „intelligenten Plan“ des Kosmos.[10] Oft wird davon ausgegangen, dass es sich bei den Aussagen um eine Bekräftigung des Standpunkts der von einem Gott geplanten Entwicklung des Lebens handelt, obwohl in der Presse einige Aussagen wegen der ähnlichen Wortwahl als direkte Unterstützung von Intelligent Design gewertet wurden.
Bewertung durch Naturwissenschaftler

Die Auffassung, dass Evolutionstheorie und christlicher Glaube widerspruchsfrei miteinander zu vereinbaren seien, ist seit Teilhard de Chardin auch von prominenten Naturwissenschaftlern postuliert worden, wie etwa dem Evolutionsbiologen Kenneth Miller, dem Paläontologen Robert Bakker und Francis Collins, dem Leiter des Humangenomprojekts. Besonders Miller und Collins sind dabei gleichzeitig als entschiedene Gegner von Kreationismus und Intelligent Design hervorgetreten. Beide sind Mitglieder, der zu diesem Zweck von Collins ins Leben gerufenen Biologos Foundation, der weitere renommierte Wissenschaftler angehören und die für die Vereinbarkeit von Wissenschaft und christlichem Glauben steht. Auch mehrere anglikanische Theologen haben teils sehr umfangreiche Arbeiten zu diesem Thema vorgelegt. Neben John Polkinghorne ist dabei insbesondere Arthur Peacocke zu nennen, der zuvor über zwei Jahrzehnte als Universitätsdozent für Biochemie gearbeitet hatte, sowie der Theologe und Naturwissenschaftler Alister McGrath.
Evangelikalismus

Gegen eine theistische Evolution spricht aus evangelikaler Sicht folgendes: Nach biblischer Lehre kam erst durch die Sünde von Menschen das Leiden und der Tod in die Welt. Damit kann das evolutionäre "Endprodukt" Mensch nicht nach dem leidvollen Tod vieler Generationen von Tieren entstanden sein.

Quelle - Literatur & Einzelnachweise
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Andy
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