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Blaustrumpf

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Blaustrumpf

Beitrag  checker am Sa Dez 17, 2016 12:19 pm

Blaustrumpf war gegen Ende des 18. und im 19. Jahrhundert ein Schimpf- und Spottname für Frauen, die nach Emanzipation strebten, damit dem zeitgenössischen Frauenbild widersprachen und als „unweiblich“ galten. Intellektuell gebildete Frauen wurden als Blaustrümpfe karikiert. Der Begriff geht auf die britische Blaustrumpfgesellschaft zurück, galt zunächst für beide Geschlechter und hatte keine abwertende Bedeutung.

Bedeutungswandel des Begriffs
Bluestocking Society ab Mitte des 18. Jahrhunderts

Die Bluestocking Society (englisch für „Blaustrumpfgesellschaft“) war eine Gruppe gelehrter Frauen, die sich zu literarischen und politischen Diskussionen im Salon von Elizabeth Montagu und ihrer Freundin Elizabeth Vesey trafen, den sie Mitte des 18. Jahrhunderts in London eröffnet hatten und zu dem auch Männer, Intellektuelle und Aristokraten, eingeladen waren. Der Begriff Bluestocking soll auf folgenden Vorfall zurückgehen: Einer der dort verkehrenden Herren war der Botaniker Benjamin Stillingfleet, der statt der zur feinen Herren-Abendgarderobe gehörenden schwarzen Seidenstrümpfe mangels entsprechender Mittel billige blaue Garnstrümpfe trug. Dieses skandalöse modische Vergehen sprach sich herum, und die Teilnehmer der „intellektuellen Feste“, Männer wie Frauen, wurden als „bluestockings“ bekannt. Die Gruppe war jedoch niemals eine society, eine Gesellschaft, im formalen Sinne.[1][2] Schriften von Mitgliedern des Bluestocking-Zirkels zwischen 1738 und 1785, v.a. von Elizabeth Montagu, Catherine Talbot, Hester Chapone, werden auch als Bluestocking Feminism („Blaustrumpf-Feminismus“) bezeichnet.[3]

Anna Laetitia Barbauld
James Beattie
Frances Boscawen[4]
Edmund Burke
Frances Burney
Elizabeth Carter
Margaret Cavendish-Harley
Hester Chapone
Mary Delany
Sarah Fielding
David Garrick
Samuel Johnson[5]
Charlotte Lennox
Ada Lovelace
Catharine Macaulay[6]
Elizabeth Montagu
Hannah More
William Pulteney, 1. Earl of Bath
Clara Reeve[6]
Sir Joshua Reynolds
Sarah Scott[6]
Anna Seward
Catherine Talbot[7]
Hester Thrale
Elizabeth Vesey
Horace Walpole
Anna Williams
Lady Mary Wortley Montagu[8]

Ende des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts


Honoré Daumier: Les Bas-Bleus, Karikatur in der satirischen Zeitschrift Le Charivari, 1844


Honoré Daumier: Les Bas-Bleus, 1844

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich eine „polarisierte Geschlechterphilosophie“ herausgebildet, die die Trennung von männlicher und weiblicher bürgerlicher Sphäre begründete und der Frau die Selbstbestimmung absprach.[9] In seiner Abhandlung über die Mädchenerziehung Emile (1762) hatte Rousseau formuliert: „Die Erziehung der Frau sollte sich immer auf den Mann beziehen. Uns zu gefallen, für uns nützlich zu sein, unser Leben leicht und angenehm zu machen: das sind die Pflichten der Frau zu allen Zeiten“.[10] Das gelehrte Frauenzimmer war verpönt wie später der Blaustrumpf. Frauen sollten nicht gelehrt, sondern in weiblichen Tugenden und Pflichten gebildet sein. Dem sollte auch das Lesen „guter Bücher“ dienen, die „den Verstand aufheitern und das Herz edler bilden“.[11]

Als Mary Wollstonecraft 1792 mit ihrer Schrift A vindication of the rights of woman den britischen Blaustrumpf-Zirkel und deren Forderung nach höherer Bildung und Studium für das weibliche Geschlecht bekannt machte, wurde der Spitzname Blaustrumpf zunächst in Großbritannien, dann in Deutschland und Frankreich aufgegriffen und zu einem Schimpf- und Spottnamen für Frauen, die sich mit den ihnen zugedachten weiblichen Aufgaben nicht zufrieden gaben und ihre angeblich geistige Unterlegenheit gegenüber dem Mann in Frage stellten.[12]

Die selbstbewusste Frau, die sich intellektuell bilden oder schriftstellerisch tätig sein wollte, war Mitte des 19. Jahrhunderts Zielscheibe männlicher Aversionen und Ängste, die in den damals in Frankreich populären Karikaturen von Honoré Daumier zum Ausdruck kamen. 1844 veröffentlichte die satirische Zeitschrift Le Charivari 40 Karikaturen von Daumier mit dem Titel Les bas-bleus (franz. für Blaustrümpfe). Die schreibende, lesende oder nachdenkende Frau, die ihre mütterlichen und hausfraulichen Pflichten vernachlässigte, wird darin zu einem abschreckenden Beispiel stilisiert, indem er sie geschlechtslos und körperlich abstoßend zeichnete. Der Anspruch von Frauen 'männliches' Talent zu besitzen wurde damit „als lächerlicher Selbstbetrug“ dargestellt.[12]

Ebenso sprach Barbey d'Aurevilly in seinem Werk Les Œuvre et les Hommes (Band V, 1878) den Frauen wahres kreatives Talent ab. Wenn sie sich dieses anmaßten, verlören sie ihre Weiblichkeit.

„[...] les femmes qui écrivent ne sont plus des femmes.[...] Ce sont des Bas-bleus. Bas-bleu est masculin.“

– Barbey d'Aurevilly[13]

Der Inbegriff eines Blaustrumpfs war für d'Aurevilly George Sand, die sich „Virilität und Genialität“ anmaßte, während Madame de Staël sich mit einem weiblichen Talent begnügt habe, was sich an ihren weiblichen Rundungen zeige. In seiner sarkastischen Polemik, mit der er das Aufkommen der ersten Frauenwahlrechtsbewegung kommentierte, behauptet er, Frankreich habe mit dem "bas-bleuisme" den Tiefpunkt seiner Geschichte erreicht, und die Franzosen würden eines grotesken Todes sterben.[12]

In diesem Zeitgeist reimte auch Oscar Blumenthal 1887 satirisch:

Blaustrümpfe
Alle Eure poet’schen Siebensachen –
Ich schätze sie nicht ein Pfifferlein.
Nicht sollen Frauen Gedichte machen:
Sie sollen versuchen, Gedichte zu sein.

Marie von Ebner-Eschenbach hingegen spottete in ihrem Gedicht Sankt Peter und der Blaustrumpf (1893) über die Dämonisierung von Frauen, die für die Emanzipation kämpften.

Ein Weiblein klopft an’s Himmelsthor,
Sankt Peter öffnet, guckt hervor:
– »Wer bist denn du?« – »Ein Strumpf, o Herr …«
Sie stockt, und milde mahnet er:
»Mein Kind, erkläre dich genauer,
Was für ein Strumpf?« »Vergib – ein blauer.«
Er aber grollt: »Man trifft die Sorte
Nicht häufig hier an unsrer Pforte.
Seid samt und sonders freie Geister,
Der Teufel ist gar oft nicht dreister,
Geh hin! er dürfte von dir wissen,
Der liebe Herrgott kann dich missen.«
[…][14]

Mit Erstarken der Bewegungen für das Frauenwahlrecht ging die Blaustrumpf-Karikatur auf die sowohl als lächerlich als auch gefährlich dargestellte Suffragette in groben blauen Wollstrümpfen über und kehrte in den 1970er Jahren in der Bezeichnung Emanze wieder, die bis heute mit pejorativer Bedeutung für als unweiblich geltende Feministinnen verwandt wird.
Seitōsha: feministische Blaustrumpfgesellschaft in Japan

In Japan wurde Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Gründung der Seitōsha (japanisch für Blaustrumpfgesellschaft) die Idee des literarischen Salons der britischen Bluestocking Society aufgenommen. Es war eine Bewegung von Frauen des Mittelstands, die als Beginn des Feminismus in Japan gilt. Der Titel der literarischen und feministischen Zeitschrift Seitō (japanisch für Blaustrumpf) geht auf den Übersetzer und Kritiker Ikuta Chōkō zurück. Sie wurde 1911 von Hiratsuka Haruko und vier weiteren Frauen gegründet[15] und bis 1916 von Noe Ito betrieben.[16]
Abweichende Bedeutung
Im 17. und 18. Jahrhundert war „Blaustrumpf“ ein Spottname für die Gerichtsdiener, die oft blaue Strümpfe trugen. Nach dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm hatte die Bezeichnung „Blaustrumpf“ die Bedeutung „Angeber“ oder „Verleumder“.[17] In diesem Sinne wird es in Johann Sebastian Bachs Quodlibet von 1707 (BWV 524) verwendet, in dem es heißt „…und mancher Hofbediente trägt blaue Strümpfe an.“

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