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NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte

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NS-Zwangsarbeitslager im Westharzgebiet - ein verdrängtes Stück Industrie- und Heimatgeschichte

Beitrag  Andy am Di Jan 17, 2017 9:12 pm

Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Deutschland und im Harz

Im Harz gab es während des Dritten Reiches eine Vielzahl von Rüstungsbetrieben und kriegswichtigen Zulieferbetrieben. Prädestiniert durch seine strategisch-geografisch günstige Lage in der Mitte des Deutschen Reiches ("Mittelraum"), das vor Kriegsbeginn brachliegende industrieerfahrene Arbeitskräftepotential dieser Region und nicht zuletzt die guten Tarnungsmöglichkeiten für die neuen Rüstungsbetriebe entwickelte sich im Harzgebiet und Harzvorland ein Schwerpunkt der nationalsozialistischen Rüstungsproduktion.

Allein im Bereich der heutigen Landkreise Göttingen, Holzminden, Osterode, Goslar und Northeim arbeiteten während des 2. Weltkrieges über 140 Betriebe an knapp 40 Standorten für die Rüstungsindustrie. Etwa ein Viertel dieser Firmen stellten chemische Vorprodukte oder Sprengstoffe her. Im Harz befanden sich aber nicht nur kriegswichtige Betriebe der Chemie- und der Metallverarbeitungsbranche. Hinzu kamen strategisch wichtige Anlagen wie die Harzer Erzbergwerke oder der Fliegerhorst Goslar. Herausragend kriegswichtige Betriebe waren z.B.:

Schickert-Werke in Bad Lauterberg (streng geheim gehaltene Produktionsstätte von Wasserstoffsuperoxid als V2-Treibstoff)
Werk Tanne ("Verwertchemie") in Clausthal-Zellerfeld (Sprengstoffproduktion; eines der größten Werke dieser Art im Reich; BRAEDT, HÖRSELJAU, JACOBS & KNOLLE 1993)
Wifo Langelsheim (Salpetersäureproduktion für das Werk Tanne)
Hoesch-Munitionswerke der Silberhütte in Sankt Andreasberg (KNOLLE & RUTSCH 2000)
Chemische Werke Harz-Weser GmbH in Langelsheim (Aktivkohleproduktion, u.a. Gasmaskenfilter)
Firmen Gebr. Borchers AG und H.C. Starck in Goslar (Arsen, Seltenmetalle, ABC-Forschung, Spezialchemie)
Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar und Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH in Oker-Harlingerode (Metall- und Schwefelsäureproduktion; SCHYGA, JACOBS & KNOLLE 1999).

Hinzu kamen zahlreiche kleinere, weniger bekannte Produktionsstätten.

Den meisten dieser Werke wurden im Krieg Arbeitslager für Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene zugeordnet. Denn in der Kriegswirtschaft des sog. 3. Reiches, insbesondere im Metall- und Bergbausektor, herrschte kriegsbedingt ein eklatanter Arbeitskräftemangel. Die vielen Millionen Fremdarbeiter, die ab Herbst 1941 nicht mehr nur in der Landwirtschaft, sondern mit der Umstellung auf einen langen Abnutzungskrieg auch in der Industrie zum "Arbeitseinsatz" kamen, lebten in einem System von Lagern und Barackenbehausungen, die zum Bild aller Städte und fast jedes Dorfes in Deutschland gehörten. Nach Schätzungen existierten auf dem Reichsgebiet insgesamt etwa 20.000 Lager dieser Art; nur ein Bruchteil von ihnen ist bis heute namhaft gemacht (WEINMANN 1990).

Der Lagerkosmos des NS-Systems wurde seit 1933 systematisch entwickelt; dabei nutzte man sogar langjährige Erfahrungen hinsichtlich der Lagerorganisation in der mit NS-Deutschland zeitweise verbündeten Sowjetunion. Die SU hatte ihr Lagersystem schon seit den 20er Jahren aufgebaut und zunehmend perfektioniert; dieses Wissen wollte die Naziführung offenbar nutzen. STETTNER (1996) zitiert ROSSI und eine französische Darstellung, nach der im August 1939 hochrangige NS-Funktionäre eine Inspektionsreise durch das GULag-System unternommen hätten. ROSSI berichtet (zit. nach STETTNER) weiterhin, dass sich im Sommer 1941 - kurz vor dem deutschen Angriff auf die SU - eine Kommission des NKWD in Deutschland aufgehalten und das NS-Strafvollzugssystem studiert habe. So sensibel Vergleiche (nicht Gleichsetzungen!) der beiden Terrorregime auch sind: STETTNER stellt fest, dass sich beide Lagersysteme nur in einem wesentlichen Punkt unterschieden - der direkten Vernichtung. Die Massenerschießungen und Gaskammern der NS-Lager gab es in der Sowjetunion nicht. Ansonsten weisen beide Lagersysteme aber verblüffende Parallelen auf - vom organisatorischen Aufbau und der Millionenzahl der Toten durch indirekte Vernichtung über den systematischen Einsatz des Faktors Hunger bis hin zur Stellung des Lagersystems im Wirtschaftsregime des jeweiligen Landes. - Auch beim Aufbau des NS-Polizeiapparates gab es Parallelen; so ist bekannt, dass sich Heydrich frühzeitig über Stalins Unterdrückungs- und Spionageorgan GPU und dessen Methoden informieren ließ, um die entsprechenden Erfahrungen für seine Arbeit auszuwerten.

Hervorragende Originalquellen für die Lokalisierung der NS-Lager sind immer noch die von WEINMANN (1990) kommentiert neu herausgegebenen beiden Lagerkataloge des International Tracing Service (Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German-Occupied Territories; CCP); hier sind etwa 7000 Lager und Gefängnisse lokalisiert. Größe und Art der Zwangsarbeitslager für Ausländer, oft in verharmlosender Pauschalierung "Arbeitslager" oder "Zivilarbeiterlager" genannt, wichen nach WEINMANN stark voneinander ab. Viele Lager hatten den Charakter streng bewachter Haftstätten; in anderen Fällen waren es umzäunte oder nicht umzäunte Unterkünfte, die auf diese Weise leichter von der Polizei zu kontrollieren waren. Bei Detailforschungen stellte sich jedoch immer wieder heraus, dass der Anteil bewachter, rigide kontrollierter Lager sehr hoch liegt.

Anders als die KZ lagen die Zwangsarbeitslager im Wahrnehmungsfeld der Bevölkerung - auch im Harz. Trotzdem wollen sich nur wenige Zeitzeugen freimütig an diese Lager erinnern, obwohl es auch immer wieder Fälle gab, in denen Deutsche den teilweise unterernährten Ausländern in den Lagern aus Mitleid Nahrungsmittel zukommen ließen. Zur Normalität des Lageralltags konnte gehören, dass die "Fremdvölkischen" am Arbeitsplatz - immerhin zumeist mitten in deutschen Betrieben! - zusammenbrachen, weil ihre Nahrungsmittelrationen unter das Existenzminimum gesenkt worden waren. Zu den normalen Selbstverständlichkeiten gehörte es auch, dass bei Luftangriffen "den Ausländischen" der Zugang zu den Luftschutzkellern verwehrt war - sie waren für die Deutschen reserviert (weitgehend nach WEINMANN 1990).

Übersicht der Zwangsarbeitslager (ZL), KZ-Arbeitskommandos und Gefängnisse im Westharz

Wir haben uns bei der Zusammenstellung der nachfolgenden Liste auf den niedersächsischen Teil des Harzes mit den heutigen Landkreisen Goslar und Osterode beschränkt; die Hinzunahme des im übrigen wegen der bekannten KZ-Anlagen Mittelbau-Dora bei Nordhausen (Thüringen) und Langenstein bei Halberstadt (Sachsen-Anhalt) in der Literatur bereits sehr viel besser untersuchten Ostharzgebietes hätte den Rahmen dieser kurzen Übersichtsdarstellung gesprengt. Die Daten stützen sich im wesentlichen auf die beiden zitierten Bände des Catalogue of Camps and Prisons, wurden aber aus anderen Quellen ergänzt. Nicht berücksichtigt wurden die Harzer Arbeitskommandos der Kriegsgefangenen-Stammlager der Wehrmacht, in denen ebenfalls Zwangsarbeit geleistet wurde.

Herausragende Belegungszahlen von über 2000 Arbeitern hat der Lagerkomplex des Werkes Tanne in Clausthal-Zellerfeld, was aufgrund der Kriegsrelevanz des dortigen Sprengstoffwerkes der Verwertchemie, eines der größten des Reiches, nicht verwundert. An zweiter Stelle folgen die Lager der Metallwerke in Sankt Andreasberg-Silberhütte.


Verantwortung der heutigen Firmen und Nachfolgefirmen

Auf die allermeisten dieser Lager im Harz, in denen sich teilweise grausame Schicksale abgespielt haben, verweisen keine Tafeln oder Gedenksteine; ihre Geschichte ist bisher nur ansatzweise erforscht und dargestellt und muss zumeist erst noch geschrieben werden.

Eine besondere Verantwortung kommt hierbei den Firmen bzw. Nachfolgefirmen zu, die heute für die Produktions- bzw. Lagerstandorte von damals verantwortlich sind. Beispielhaft seien genannt:

- Borchers AG/H.C.Starck GmbH & Co. KG (Zwangsarbeit in den gleichnamigen Firmen in Goslar)
- Deutsche EXIDE GmbH (Zwangsarbeit im Metallwerk Odertal)
- Fels GmbH (Nachfolger der SS-Firma Steine und Erden; Zwangsarbeit im Winterbergsteinbruch bei Bad Grund)
- Harzer Grauhof-Brunnen (Zwangsarbeit in der Mineralwasserabfüllung in Goslar-Grauhof)
- Harzwasserwerke GmbH (Zwangsarbeit an einigen Harztalsperren)
- Hoesch (Zwangsarbeit in den Metallwerken Silberhütte)
- Krupp (Kruppsche Bergverwaltung Bad Harzburg)
- Mitteldeutsche Sprengstoffwerke GmbH MSW (Zwangsarbeit in der gleichnamigen Firma in Langelsheim)
- Piller GmbH (Zwangsarbeit in der gleichnamigen Firma in Osterode)
- Preussag AG (Zwangsarbeit in den Harzer Erzbergwerken und Hütten)
- Schmalbach-Lubeca und Züchner (Zwangsarbeit in den gleichnamigen Firmen in Seesen)

Die Preussag arbeitet die Geschichte ihrer Zwangsarbeit nach langem Zögern nunmehr aktiv auf; von den anderen genannten Firmen sind bisher erst Ansätze, z.T. jedoch gar keine Aktivitäten bekannt geworden.


Altenau
ZL Baugebiet Eckertalsperre: 90 Arbeiter
ZL Baugebiet Okertalsperre: 100 Arbeiter
ZL Forstamt Altenau

Bad Grund
ZL Erzbergwerk: 150 Arbeiter
ZL Fa. Steine und Erden: 180 Männer und 170 Frauen

Bad Harzburg
ZL Kruppsche Bergverwaltung Bad Harzburg: 120 Arbeiter
ZL Eckertal-Baracken: 50 Arbeiter
Gerichtsgefängnis: 26 Insassen bekannt

"Bad Lautenthal" (wahrscheinlich Lautenthal)1
"Beobachtungslager Bad Lautenthal" der Kinderheilanstalt Braunschweig
(der Tod von 8 Kindern ist beurkundet): ? Kinder

Bad Lauterberg
ZL Schickert & Co.: 400 Arbeiter
ZL Metallwerk Odertal: 500 Arbeiter ("Lager Hauxkopf")

Braunlage
6 ZL bei verschiedenen Betrieben: 260 Arbeiter

Bündheim
ZL Sieg-Lahn-Bergbau GmbH, Ledigenheim: 50 Arbeiter

Clausthal-Zellerfeld
mehrere ZL der Fabrik zur Verwertung chemischer Erzeugnisse Clausthal-Zellerfeld GmbH: 1200 Arbeiter
ZL Dynamit AG, Bauleitung: 300 Arbeiter
ZL Bauhof: 400 Arbeiter
ZL Bürgergarten: 100 Arbeiter
ZL Gemeindehaus: 50 Frauen
Bereitschaftslager: 650 Arbeiter
Gerichtsgefängnis: 260 Insassen bekannt

Dörnten
ZL J.F. Eisfeld Pulverfabrik Kunigunde: 100 Arbeiter

Goslar
KZ-Außenkommando des KZ Buchenwald (25.11.1940 - 7.12.1942): durchschnittlich 60 - 80 KZ-Häftlinge
KZ-Außenkommando des KZ Neuengamme (Oktober 1944 - Ende März 1945): 15 KZ-Häftlinge
ZL Fliegerhorst: 80 Arbeiter
ZL im Schleeke der Chemischen Fabrik Gebr. Borchers AG: 550 Arbeiter
ZL Erzbergwerk Rammelsberg: 350 Arbeiter
ZL Goslarer Kleinbetriebe am Petersberg: 200 Arbeiter
ZL Reichsbahnlager Astfelder Straße: 100 Arbeiter
ZL Grauhof (2 Lager): 100 Arbeiter
ZL Weinbrunnen, Clausthaler Straße: 50 Arbeiter

Groß-Döhren
ZL Bergverwaltung Mitteldeutschland: 130 Arbeiter

Harlingerode
ZL Zinkhütte: 200 Arbeiter

Hattorf
ZL Flachsspinnerei C. Weber & Co.: 140 Frauen

Herzog-Juliushütte
ZL Forstamt Langelsheim: 50 Arbeiter
ZL Hüttenwerk Herzog-Juliushütte: 85 Arbeiter

Herzberg
ZL Dynamit AG, Lager Wiese: 300 Arbeiter

Klein Rhüden
ZL Eike: 90 Arbeiter

Langelsheim
ZL Rumels: 200 Arbeiter
ZL An der Innerste: 120 Arbeiter
ZL Kalkrösecke: 50 Arbeiter
ZL Mitteldeutsche Sprengstoffwerke: 220 Arbeiter
ZL Arkona: 100 Arbeiter

Lautenthal
ZL Silberhütte: 80 Arbeiter
Lager Rote Klippe (Funktion unklar)

Liebenburg
ZL (Liebenburg): 300 Arbeiter

Münchehof
ZL Münchehof: 300 Arbeiter

Nüxei
KZ Baubrigade III (Bahnbau): 300 KZ-Häftlinge2

Oker
ZL Chemische Werke Dr. Lüddemann: ? Arbeiter
ZL Bleikupferhütte: 240 Arbeiter
ZL Zinkoxydhütte: 230 Arbeiter

Osterhagen
KZ Baubrigade III: 300 KZ-Häftlinge2

Osterode
KZ Maschinenfabrik Curt Heber: 300 KZ-Häftlinge3
KZ Dachs IV, Petershütte: 300 KZ-Häftlinge4
ZL Maschinenfabrik Curt Heber: 650 Arbeiter
ZL Anton Piller: 450 Arbeiter
ZL Nordwerke: 50 Arbeiter
ZL R. Kellermann: 430 Arbeiter
ZL Greve Uhl: 180 Arbeiter
ZL Städtisches Polenlager: 220 Arbeiter
ZL Waldlager Bremketal, OT-Lager: 290 Arbeiter5
ZL Fa. Lorenz, Turnhalle: 310 Arbeiter
ZL Optische Werke (Oigee): 200 Arbeiter
ZL (Freiheit); Arbeitseinsatz für Oigee und Heber: ? Arbeiter
Gerichtsgefängnis: 1000 Insassen bekannt

Sankt Andreasberg
ZL E. Leybolds Nachf.: 100 Arbeiter
ZL Metallwerk Schmiedag AG Silberhütte: 900 Arbeiter
ZL Metallwerke Silberhütte: 380 Männer und 140 Frauen ("Lager Knieholz")

Seesen
ZL F. Züchner: 500 Arbeiter
ZL Sieburg & Pförtner: 300 Arbeiter
ZL Gerhards: 150 Arbeiter
ZL Konservenfabrik Illemann & Bosse: 100 Arbeiter
ZL Schmalbach AG: 150 Arbeiter
ZL Bahnmeisterei: 70 Arbeiter
ZL Wilhelms: 50 Arbeiter
Gerichtsgefängnis: 5 Insassen bekannt

Tettenborn
KZ Baubrigade III: 100 KZ-Häftlinge2
ZL Gastwirtschaft Otto Mohrich: 60 Arbeiter
ZL Gastwirtschaft Nussbaum: 70 Arbeiter

Vienenburg
ZL Baufirma Sievers & Co.: 60 Arbeiter

Walkenried
KZ Baubrigade III: 300 KZ-Häftlinge2
ZL Juliushütte: 200 Arbeiter
Gerichtsgefängnis: 2 Insassen bekannt

Wieda
KZ Baubrigade III: 250 KZ-Häftlinge2

Wiedelah
ZL Güterbahnhof: 50 Arbeiter

Wolfshagen
ZL (Wolfshagen): 50 Arbeiter

Zorge
ZL (Zorge): 140 Arbeiter

Erläuterungen zur Liste

ZL: Zwangsarbeitslager

KZ: Konzentrationslager; hier: KZ-Arbeitskommandos (Außen- bzw. Unterkommandos)

1 Weitgehend unerforscht; siehe oben. Das Beobachtungslager lag vermutlich im Lautenthaler Waldschlößchen.

2 KZ-Arbeitskommandos der KZ Buchenwald, Mittelbau-Dora und Sachsenhausen (wechselnde Zuständigkeiten); Gesamtzahl der KZ-Häftlinge der Baubrigade III (Schreibweise auch "Baubrigade 3"): 1000 (diese Summe bleibt allerdings angesichts der o.a. Detailzahlen widersprüchlich, zumal die Brigade weitere Standorte in Thüringen besaß)

3 KZ-Kommando des KZ Buchenwald, später KZ Mittelbau-Dora

4 KZ-Kommando des KZ Mittelbau-Dora, Nordhausen

5 Lager der Organisation Todt

(...): Die in Klammern gesetzten Lager tragen im CCP keinen eigenen Namen

Bereitschaftslager: nicht eingezäuntes Lager für deutsche Zwangsverpflichtete

Kleine orthographische Fehler im englischen Original wurden stillschweigend korrigiert; für weiterführende Studien, z.B. zu den schwankenden Belegungszahlen der Lager, sollte das englische Original herbeigezogen werden.

In der Summe ergibt sich, daß zu Ende des 2. Weltkrieges allein im Westharzgebiet ca. 18.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge für die deutsche Kriegswirtschaft arbeiteten.

Exkurs: Zwangsarbeiterinnen und ihre Kinder

Ein von der Forschung bis heute stark vernachlässigtes Kapitel sind die Kinder von Zwangsarbeiterinnen und die "Ausländerkinderpflegestätten". Vielen Zwangsarbeiterinnen wurden ihre Kinder im Sinne einer dauerhaft hohen Arbeitsproduktivität weggenommen und teilweise regelrecht "entsorgt" (www.krieggegenkinder.de).

Zur Lage der Zwangsarbeiterinnen und ihrer Kinder schreibt TOLLMIEN: "Fast immer waren die Zwangsarbeiterinnen noch einmal schlechter gestellt als die männlichen Zwangsarbeiter. Obwohl sie die gleiche Arbeit wie die Männer verrichteten, erhielten sie eine noch schlechtere Bezahlung und waren zudem weitgehend schutzlos Übergriffen durch deutsche Arbeiter und Lagerführer ausgesetzt. So kam es immer wieder zu Vergewaltigungen durch das überwiegend männliche Wachpersonal in den Zwangsarbeiterlagern. Wenn die Frauen schwanger wurden, mußten sie entweder abtreiben oder man zwang sie umgekehrt dazu, das Kind auszutragen. Denn im Juni 1943 hatte das nationalsozialistische Rassedenken einen weiteren perversen Höhepunkt mit der Unterscheidung von "gutrassigen" und "schlechtrassigen" Zwangsarbeiterkindern erreicht: "Gutrassige" Zwangsarbeiterkinder sollten als Deutsche (entweder in Heimen oder bei Familien) erzogen werden, während "schlechtrassige" in extra eingerichtete sog. Ausländerkinderpflegestätten gebracht wurden, wo sie zumeist an Unterernährung oder Krankheiten infolge gezielter Vernachlässigung innerhalb weniger Wochen oder Monate starben. Lediglich den Zwangsarbeiterinnen, die in deutschen Familien als Haus- und Kindermädchen arbeiteten, ging es zumeist besser als ihren Leidensgenossinnen, die in den Rüstungsfabriken schufteten. Vor allem die Ernährung war in den Familien in der Regel besser. Aber auch hier waren sie vor persönlicher Mißhandlung oder sexuellen Übergriffen nicht sicher."

Auch aus dem Harz sind entsprechende Schicksale bekannt, wenn auch noch kaum näher erforscht. Auf dem Feld A4 des evangelischen Friedhofs in Clausthal-Zellerfeld, dem "Sammelgrab" des Werkes Tanne, liegen u.a. zwei polnische Kinder, die noch nach der Befreiung im Alter von acht Jahren bzw. fünf Monaten gestorben sind. Auf dem "Russenfriedhof" an den Pfauenteichen nahe dem Werk Tanne liegen u.a. sechs sowjetische Kinder, die innerhalb eines Jahres, zwischen Februar 1944 und März 1945, an "Herzschwäche", "Gelbsucht" und "allgemeiner Körperschwäche" starben. Drei der Kinder sind in Clausthal-Zellerfeld geboren, drei kamen mit ihren zur Zwangsarbeit verschleppten Müttern nach Deutschland. Das älteste Kind starb im Alter von drei Jahren, das jüngste im Alter von sechs Tagen (STUDIENKREIS ZUR ERFORSCHUNG UND VERMITTLUNG DER GESCHICHTE DES WIDERSTANDES 1933-1945, 1985).

PIETSCH (1998) erwähnt u.a. folgende Fälle aus dem Werk Tanne: Die in Lautenthal geborene Maria-Herta Pecaritsch, Tochter einer tschechischen Zwangsarbeiterin, starb am 7.8.1944 in Clausthal; Todesursache: toxische Kehlkopfdiphterie mit Luftröhrenschnitt, Herzmuskelschwäche; das Kind war keine zwei Jahre alt. Am 14.1.1944 wurde Hans Zajak in Clausthal-Zellefeld geboren; das Kind erhielt die ukrainische Staatsangehörigkeit wie seine Mutter Anna, die in der Baracke 10 des Bereitschaftslagers Tanne gemeldet war. Die in Clausthal-Zellerfeld geborene Tamara Sitschowa, Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin, starb kurz vor ihrem ersten Geburtstag am 9.2.1944 an einer Herzkrankheit. Am 26.8.1944 wurde Heinz-Peter van Dam als Kind einer belgischen Arbeiterin in Clausthal-Zellerfeld geboren. Am 24.10.1944 wurde Jerzy Brijnska in Clausthal-Zellerfeld geboren; die Mutter Halina, eine gebürtige Warschauerin, war bei der Geburt des Sohnes 22 Jahre alt. Der zweijährige Wolja Drigol aus Sapole, Sohn einer russischen Zwangsarbeiterin, starb am 28.12.1944 in Clausthal-Zellerfeld an Herzmuskelschwäche. Die dreijährige Nadja Nowitschonok aus Sapolja, Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin, starb am 29.12.1944 in Clausthal-Zellerfeld an Herzschwäche. Der einjährige Franz Michailitschenko aus Saagen, Sohn einer polnischen Zwangsarbeiterin, starb am 27.3.1945 in Clausthal-Zellerfeld an Grippe, Spasmophilie und Herzschwäche.

Exkurs: Das "Beobachtungslager Bad Lautenthal" - eine offene Frage

Es ist noch unklar, welche Funktion das bis 1945 wahrscheinlich im Langelsheimer Stadtteil Lautenthal befindliche "Beobachtungslager" der Kinderheilanstalt Braunschweig, für welches der Tod von acht Kindern beim ITS Arolsen beurkundet ist (WEINMANN 1990), hatte. Das "Beobachtungslager" - wenn es denn in Lautenthal lag - befand sich zentral zu den Zwangsarbeitsschwerpunkten der Nord- und Oberharzer Rüstungsindustrie. Es liegen Zeitzeugenhinweise darauf vor, dass hier möglicherweise Abtreibungen an Zwangsarbeiterinnen des (süd-)niedersächsischen Raums vorgenommen wurden. Noch nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann auch eine Lage des Lagers in Bad Lauterberg.

Völlig unklar ist auch, ob das Beobachtungslager möglicherweise (teil-)identisch mit dem von REITER (1993:209f.) erwähnten NSV-Entbindungsheim war, das 1944 im Lautenthaler Hotel "Waldschlößchen" eingerichtet wurde. Die Zustände dort müssen auch für deutsche Frauen haarsträubend gewesen sein, denn im Frühjahr 1944 bekam ein Medizinalrat in Hannover eine Beschwerde aus Lautenthal mit Unterschriftenliste. Das Personal beschwerte sich darin im Zusammenhang mit dem Tod eines deutschen Kindes über eine Hebamme und elf Frauen beklagten die allgemein "unwürdigen Zustände" im Heim, zu denen sie auf Aufforderung nähere Auskunft erteilen könnten. 1944 sollen nach Auskunft des Standesamtes Lautenthal 200 Geburten im Heim Lautenthal stattgefunden haben. Es lassen sich dabei auch Totgeburten deutscher Kinder nachweisen.

Die Termini "Beobachtungslager" bzw. "Beobachtungsanstalt" tauchen in der Literatur nur selten auf. WEINMANN (1990) schreibt unter dem Stichwort "Aktion T 4" (= Euthanasie) auf S. XIII ff.: "Als ... beunruhigte Angehörige Nachforschungen anzustellen begannen, wurden ab Herbst 1940 die Kranken nicht mehr direkt in die Tötungsanstalten gebracht, sondern zunächst in sogenannte Zwischenanstalten ("Beobachtungsanstalten"). Die Angehörigen erreichte nun von dort zunächst die Benachrichtigung, die Pflegeperson sei wohlbehalten angekommen, und kurze Zeit später die Nachricht über die Weiterverlegung in eine andere Anstalt. Der Name der Vernichtungsanstalt wurde dann nicht mehr genannt." Der Harz als Erholungslandschaft wäre natürlich für eine solche Beobachtungsanstalt eine geeignete und unverdächtige Adresse gewesen. Es gibt allerdings bisher absolut keine Hinweise darauf, dass es im Harz eine solche Anstalt gegeben hätte; auffällig ist nur die Terminologie.

Weitergehende Interpretationsversuche sind zunächst Spekulation; hier hat die aktuelle Forschung anzusetzen.

Zumindestens erwähenswert ist in diesem Zusammenhang, das im Lautenthaler Waldschlößchen der im Auschwitz-Prozess des zehnfachen Mordes und der Beihilfe zum Mord in über eintausend Fällen für schuldig befundene Massenmörder Oswald Kaduk, Adjutant des 1947 in Polen hingerichteten Auschwitzer Lagerkommandanten Rudolf Höß, nach Absitzen der Strafe seinen Lebensabend verbrachte. Kaduk und sein Verhalten im Prozess war ein Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte; keiner der Angeklagten hatte Schuld eingestanden, keiner ein Wort der Reue oder Einsicht gefunden. Immer schon wollten sie jene harmlosen Klein- und Mitbürger gewesen sein, als die sie bei ihrer Verhaftung vorgefunden wurden – Familienväter, Angestellte, Lehrer, Ärzte, Apotheker. „Papa Kaduk!“ hatten die Patienten der Klinik, wo er als Pfleger arbeitete, den „Schrecken von Auschwitz“ gerufen.

Dank

Herrn Dipl.-Geogr. Frank Jacobs, Goslar, danke ich für die Unterstützung bei der Recherche und Zurverfügungstellung von Quellenmaterial; Baron Dietrich von Staden (+) gab wichtige Anregungen.

Quelle
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