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Friedrich Schrader

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Friedrich Schrader

Beitrag  Andy am Mo Feb 06, 2017 10:33 pm

Friedrich Schrader (* 19. November 1865 in Wolmirstedt; † 28. August 1922 in Berlin) war ein deutscher Philologe der orientalischen Sprachen. Als Schriftsteller, Kunsthistoriker, Sozialdemokrat, Übersetzer und Journalist lebte er von 1891 bis 1918 in Istanbul. Er schrieb auch unter dem Pseudonym Ischtiraki (اشتراكى = arabisch/osmanisch „der Sozialist“). Er war 1908 Mitbegründer und bis 1917 stellvertretender Chefredakteur der deutsch- und französischsprachigen Istanbuler Tageszeitung Osmanischer Lloyd (Lloyd Ottoman). Sein bekanntestes Buch ist Konstantinopel in Vergangenheit und Gegenwart (1917).[1] Die literarische Essaysammlung über die Geschichte der multikulturellen Bosporusmetropole wurde 2015 in türkischer Sprache neu aufgelegt (1. Auflage Juni 2015, 2. Auflage August 2015 ).[2]

Leben



Familiärer Hintergrund, Ausbildung in Magdeburg und Halle (1865–1891)[3]

Schraders Vorfahren waren über mehrere Generationen als Schönfärber in Wolmirstedt tätig. Ein Großonkel, Johann Wilhelm Christian Schrader, machte in der preußischen Armee als Offizier Karriere, heiratete einen weiblichen Nachkommen des legendären Artilleriegenerals Bernhard von Beauvryé (und von dessen Schwiegervater Christian von Linger, dem Begründer der preußischen Artillerie) und wurde 1837 von seinem Schwiegervater adoptiert und anschließend in den preußischen Adelsstand erhoben („Schrader von Beauvryé“).

Friedrich Schrader legte sein Abitur am Domgymnasium Magdeburg ab. Nach seinem Studium (Philologie, Orientalistik, Kunstgeschichte) promovierte er 1889 in Indologie bei Richard Pischel (Geschäftsführer der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft) an der Universität Halle. Pischel war seinerzeit einer der bedeutendsten Prakrit-Forscher weltweit. Im Rahmen seiner Dissertation übersetzte Schrader den ersten Teil der sogenannten „Karmapradipa“, einer vedischen Sutra, ins Deutsche.[4] Andere später bekannt gewordene, etwa gleichaltrige Mit-Doktoranden der damaligen Zeit bei Pischel (um 1890 herum) waren Richard Schmidt (1866–1939), später Indologieprofessor in Münster und Übersetzer des Kamasutra und des Hexenhammers, und der Österreicher Karl Eugen Neumann (1865–1915), der bereits vor der Promotion 1884 zum Buddhismus konvertiert war und Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinen vielgelesenen Übersetzungen buddhistischer und indischer Texte ein Mitauslöser der damaligen Indien- und Buddhismusbegeisterung deutschsprachiger Literaten und Intellektueller gewesen ist.

Von 1889 bis 1891 war Schrader als Bibliothekar der DMG in Halle tätig.
Lehrtätigkeit in Istanbul (1891–1907)[5]

Von 1891 bis 1895 arbeitete Schrader als Dozent für deutsche Sprache und Literatur[6] am Robert College in Bebek bei Istanbul. In dieser Zeit lernte Schrader den wohl bedeutendsten zeitgenössischen türkischen Dichter der damaligen Zeit, Tevfik Fikret, kennen. Schrader rezensierte Fikret in einem Artikel im Literarischen Echo im Jahre 1900[7] und beschrieb später eingehend Fikrets Rolle am Robert College.[8] Um 1900 war er Professor an einem armenisch-französischen Lycée in Pera.[9] Schrader begann bereits während der Amtszeit von Sultan Abdülhamid II., türkische Schriftsteller zu übersetzen und in deutschsprachigen Zeitschriften zu rezensieren. Während seiner Tätigkeit am Robert College lernte Schrader den deutschen Musikpädagogen Paul Lange kennen, der am mit dem Robert College eng verbundenen American College for Girls tätig war, und blieb ihm über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden. Langes Sohn Hans emigrierte später in die USA, wo er ein bekannter Dirigent wurde.
Erste journalistische Aktivitäten, Kritik am Export ethnisch-nationalistischer Ideologien in den Nahen Osten

Ab ca. 1900 war Schrader Korrespondent für verschiedene deutsche Tageszeitungen und Zeitschriften, und unterrichtete außerdem an verschiedenen höheren Schulen Istanbuls.

Zusammen mit Paul Weitz und dem wesentlich jüngeren Max Rudolf Kaufmann berichtete er für die liberale Frankfurter Zeitung über die politische und kulturelle Szene der Bosporusmetropole mit kritischer Sympathie für die „Neue Türkei“. Innerhalb der konkurrierenden Netzwerke in der Deutschen Botschaft, die verschiedene Autoren beschreiben, gehörten Schrader und Kaufmann zur sogenannten „Weitz-Gruppe“, die Kritik an der deutschen Haltung zur jungtürkischen Minderheitenpolitik übte und im Gegensatz zur Gruppe um Hans Humann und Ernst Jäckh stand.[10]

Im Vorwärts und in Die Neue Zeit (Hrsg. SPD) veröffentlichte er regimekritische Artikel unter dem Pseudonym „Ischtiraki“, in denen er die Politik Deutschlands im Osmanischen Reich kritisierte, speziell die Fokussierung auf wirtschaftliche und militärische Interessen unter Vernachlässigung des kulturellen Austausches zwischen den beiden Nationen. In einem begleitenden Brief an Karl Kautsky[9] (heute im Kautsky-Archiv im IISG Amsterdam) wies Schrader auf die Repression und Bespitzelung durch die türkischen Behörden in dieser Zeit hin. Im Brief erwähnt Schrader eine Tätigkeit für ein französischsprachiges armenisches Lyzeum in der Hauptstadt.

Im 1900 unter Pseudonym in Die Neue Zeit erschienenen Artikel Das geistige Leben in der Türkei und das jetzige Regime würdigt Schrader insbesondere die Rolle, die die türkischen Autoren Sinasi („Schinasi Effendi“) und Namik Kemal („Kemal Bey“) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Wegbereiter der jungosmanischen und späteren jungtürkischen Reformbestrebungen gespielt haben. *[11] Schrader fordert, das demokratische Potential der pluralistischen Gesellschaft des Osmanischen Reiches zu entfalten (siehe auch den Artikel „Robert College“ von 1919, in dem er entsprechende US-amerikanische Aktivitäten der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg würdigt) und kritisiert scharf Wissenschaftler wie Vámbéry (ungarischer Orientalist und Zionist und wissenschaftlicher Berater von Theodor Herzl) und Friedrich Max Müller (Indologe wie Schrader und Erfinder des Begriffs „Arier“) die durch den Export ethnisch-nationalistischer Ideologien in den Nahen Osten (Zionismus, Panturanismus) ohne jegliches Verständnis für die komplexen gesellschaftlichen Strukturen der realen osmanischen Gesellschaft bei gleichzeitiger Kollaboration mit dem repressiv-diktatorischen Abdul-Hamid-Regime Unheil anzurichten drohen.
Lehrtätigkeit in Baku (1907–1908)

Von 1907 bis 1908 war Schrader Dozent an der Russischen Handelsschule in Baku (Aserbaidschan)[12] und betrieb Feldforschungen in der Kaukasusregion. Schrader studierte die Geschichte des Kaukasus und beschäftigte sich mit der tatarischen Sprache. Über die in der Nähe von Baku an natürlichen Erdgasquellen gelegenen Kultstätten der Parsen („Feueranbeter“) schrieb er einen Artikel.[13] Nach dem Ausbruch von Unruhen in Baku im Mai 1908 schaffte Schrader erst seine Familie (Ehefrau und drei Söhne (14, 12, und 3 Jahre alt)) in die Türkei zurück, wo sie im heutigen Giresun[14] eine Bleibe fanden, wo seine englisch erzogene bulgarischstämmige zweite Ehefrau vor der Eheschließung 1903 als Hauslehrerin bei englischsprachigen pontusgriechischen Familien tätig gewesen war, und folgte kurze Zeit später selber.
Stellvertretender Chefredakteur beim Osmanischen Lloyd (1908–1917)
→ Hauptartikel: Osmanischer Lloyd

Schrader kehrte 1908 aus Giresun nach Konstantinopel zurück, um dort die jung-osmanische Revolution zu unterstützen, dessen intellektuelle Führungsriege er durch seine akademischen, journalistischen und literarischen Aktivitäten kannte.

Von 1908 bis 1917 arbeitete Schrader als Mitbegründer und stellvertretender Chefredakteur der deutsch- und französischsprachigen Konstantinopeler Tageszeitung Osmanischer Lloyd. Eine Sammlung seiner Essays aus dieser Zeit für das Feuilleton der Zeitung findet sich im Buch „Konstantinopel in Vergangenheit und Gegenwart“, s. u. Seine kenntnisreichen literarischen und kulturhistorischen Essays erhielten in Fachkreisen Lob und wurden beispielsweise in der „Frankfurter Zeitung“ oder der „Kölnischen Zeitung“ nachgedruckt.

Schrader wohnte ab 1908 mit seiner Familie im Doğan Apartmanı, einem heute noch existierenden Wohnkomplex, der überwiegend von europäischen Ausländern bewohnt ist und sich im Stadtteil Beyoğlu befindet.

Im April 1909 wurde Schrader Zeitzeuge des islamistischen Putsches gegen die jungtürkische Regierung der „zweiten Verfassungsperiode“ (dem sogenannten „Vorfall vom 31. März“). Den Putsch sultanstreuer Offiziere, die die Abschaffung der Verfassung und die „Wiedereinführung“ der Scharia verlangten, und dessen anschließende Niederschlagung durch mazedonische Offiziere unter der Führung des 1913 ermordeten gemäßigten Mahmud Şevket Pascha beschrieb Schrader in einem Artikel für die linksliberale Zeitschrift „März“.[15]
Engagement für den deutsch-türkischen Kulturaustausch

Ab 1907 übersetzte Schrader osmanische Literatur ins Deutsche, u. a. Romane von Ahmed Hikmet und Halide Edip, und berichtete über die aktuelle türkische Literatur in Zeitschriften wie „Das literarische Echo“ und dem Feuilleton bekannter Tageszeitungen wie der Frankfurter Zeitung.

Schrader engagierte sich neben der Popularisierung neuer türkischer Kultur in Deutschland auch für die Verbreitung deutscher Kultur im Osmanischen Reich. Im November 1909 organisierte er mit einem türkisch-armenischen Theaterensemble, der Zarifian-Sevunian-Truppe, eine Gedenkfeier zum 150. Geburtstag von Friedrich Schiller im damaligen Tepebaşı-Theater, mit einem von ihm in Osmanisch gehaltenen Referat und szenischen Darstellungen aus Dramen Schillers.[16] Ebenfalls 1909 erhielt Schrader Besuch von Martin Hartmann, einem Berliner Orientalisten, der in seinem 1910 veröffentlichten Bericht über seinen Türkeiaufenthalt („Unpolitische Briefe aus der Türkei“) Schraders hervorragenden Ruf in der literarisch-intellektuellen Szene und beim internationalen Pressekorps der osmanischen Hauptstadt sowie seine guten Beziehungen zu nichtmuslimischen Intellektuellen wie dem armenischen Hochschullehrer und Journalisten Diran Kelekian würdigte.

Im Frühjahr 1914 war der junge Schriftsteller Otto Flake in Konstantinopel. Flake beschrieb die gemeinsamen Wanderungen mit Schrader rund um das Goldene Horn in einem Essay in der Neuen Rundschau, der später in seiner Essaysammlung „Das Logbuch“ nachgedruckt wurde.

Fünf Jahrzehnte vor Gründung des ersten Goethe-Instituts in Istanbul war Schrader der euro-mediterrane tolerante Geist der Weimarer Klassik von Goethe und Schiller wichtig. Besonders Goethe berief sich ja nicht nur auf die griechisch-römische Antike, sondern auch auf die islamische Tradition (West-östlicher Divan). Schrader versuchte mit der Förderung dieses Erbes die Grundlage eines kulturellen Dialogs zwischen Deutschland und dem Orient zu legen, im Gegensatz zu dem von ihm erlebten und in früheren Artikeln in der „Neuen Zeit“ und im „Vorwärts“ eindringlich beschriebenen, die damaligen offiziellen deutsch-türkischen Beziehungen beherrschenden preußischen Militarismus und wirtschaftlichem Imperialismus, sowie dem arrogant bis rassistischen Auftreten deutscher „Experten“ aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Militär im Orient. Vergeblich versuchte Schrader, die von ihm von Anfang an unterstützte jungtürkische Bewegung[17] in diesem Sinne zu beeinflussen.

Schraders Kritik an der türkischen Minderheitenpolitik, Hilfe für armenische Flüchtlinge, Konflikte im Osmanischen Lloyd, Schraders Entlassung

Die besonders ab 1915 stattfindenden Verfolgungen nicht-muslimischer Minderheiten, vor allem der Armenier und Griechen, durch die überwiegend aus von preußischen Offizieren gedrillten Militärs rekrutierten jungtürkischen Machthaber dokumentieren das Scheitern von Schraders Bemühungen, der jungtürkischen Revolution im Sinne der geistigen Traditionen Europas und des Orients einen humanistischen Impuls zu verleihen. Schrader war deswegen insbesondere in seinen unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs erschienenen Publikationen[18] trotz seiner grundsätzlichen Sympathien für die jungtürkische Sache und seinen zahlreichen persönlichen Verbindungen zur jungtürkischen Führungselite im Gegensatz zu anderen deutschen Autoren wie Ernst Jäckh und Friedrich Naumann ein scharfer Kritiker der jungtürkischen Minderheitenpolitik.

Im Zusammenhang mit dieser kritischen Haltung Schraders und einiger Kollegen kam es zu internen Auseinandersetzungen in der Redaktion des Osmanischen Lloyd. Im Jahr 1916 wurde Max Rudolf Kaufmann, ein enger Mitarbeiter von Schrader, wegen seiner kritischen Haltung zum türkischen Militarismus und zur Minderheitenpolitik zunächst nach Ankara deportiert und dann nach Deutschland abgeschoben, wo sich aber Eugen Mittwoch seiner annahm und den jungen Schweizer in der Berliner Nachrichtenstelle für den Orient beschäftigte.[19][20] Im Laufe des Jahres 1917 wurde dann Schrader selber in Folge von gerichtlichen Auseinandersetzungen mit dem damaligen Chefredakteur Max Übelhör (Schrader hatte eine Beleidigungsklage einer Istanbuler Armenierin (Madame Nishanian) vor dem Konsulargericht gegen Übelhör unterstützt) sein Vertrag mit den Osmanischen Lloyd vorzeitig gekündigt, allerdings auch Übelhör abberufen und nach Berlin zurückgeschickt. Aufgrund seiner enormen Kenntnisse und hervorragenden Vernetzung in der Istanbuler Gesellschaft wurde Schrader aber als freier Mitarbeiter weiter bis Kriegsende beschäftigt.[21]

Auch armenische Mitarbeiter des Osmanischen Lloyd waren im Sommer 1915 im Rahmen der beginnenden Armenierverfolgungen von der Deportation bedroht; in einzelnen Fällen bemühte sich Schrader als ihr Vorgesetzter, ihre Ausreise zu erwirken.[22]

In den Jahren 1917 bis 1918 erschienen Beiträge von Schrader in der in Istanbul herausgegeben Zeitung Am Bosporus. Deutsche Soldatenzeitung, die neben zahlreichen Beiträgen von Militärangehörigen der im Orient aktiven deutschen Streitkräfte auch Beiträge anderer prominenter Journalisten und Literaten wie Kurt Tucholsky (unter dem Pseudonym „Theobald Tiger“), Otto Flake und Egmont Zechlin (damals uniformierter Kriegsberichterstatter) abdruckte.
Sachverständiger für den Istanbuler Denkmalschutz (1917–1918)

1917/18 zog sich Schrader, nicht zuletzt aufgrund der o.g. internen Auseinandersetzungen in der Redaktion des Osmanischen Lloyd, resigniert aus der journalistischen Arbeit zurück und widmete sich ganz seinen denkmalpflegerischen Interessen. Er wurde Mitglied der Städtischen Kommission Konstantinopels zur Erfassung und Katalogisierung islamischer und byzantinischer Baudenkmale (Zusammenarbeit u. a. mit dem armenisch-türkischen Fotografen Hagop Iskender).

Die Kommission wurde 1917 auf Initiative des damaligen Generaldirektors des Archäologischen Museums, Halil Bey, gegründet. Schrader leitete ab Frühjahr 1918 diese Kommission, deren Aufgabe es war, ein klassifiziertes Verzeichnis aller Denkmäler der damaligen Türkischen Hauptstadt zu erstellen. Mit einem Team von türkischen Experten erfasste Schrader systematisch durch Kriegseinwirkungen beschädigte und bedrohte Bauwerke der Stadt. Anhand von archäologischen Untersuchungen, Recherchen und Befragungen der Anwohner wurden Informationen über die Denkmäler systematisch erfasst und durch Iskender fotografiert. Wertvolle Bauteile wurden geborgen und im Archäologischen Museum der Stadt gesichert. Da Schrader im November 1918 infolge der alliierten Besatzung die Stadt verlassen musste, konnten die Arbeiten nicht abgeschlossen werden (siehe auch die Anmerkung über Çelik Gülersoy weiter unten).[23] Ein Teil der Unterlagen gelangte offenbar in den 1920er Jahren in das Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul. Der Byzantinist Otto Feld verweist in einem Aufsatz auf zwei Fotos der in den 1920er Jahren abgetragenen byzantinischen Kirche von Silivri, die er in den 1960er Jahren unter der damaligen Inventarnummer 4428/4429 aufgefunden hat, und die er in dem Artikel veröffentlicht. In einem alten Inventarverzeichnis von Mai 1930 fand er den Eintrag zu den Fotos "Fotos aus dem Nachlass Schrader". Offenbar befindet sich ein Teil der Sammlung Schrader einschließlich der von Hagop Iskender angefertigten Fotos im Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul, lässt sich aber dort nicht mehr reproduzieren.[24]
Flucht durch die Ukraine nach Berlin (1918/19), Tätigkeit für Die Neue Zeit und liberale Zeitungen in Berlin (1919–1920)

1918/19 kam Schrader nach einer spektakulären Flucht vor der drohenden Internierung durch die Entente, über Odessa, Nikolajew, und durch die nach der Oktoberrevolution in den russischen Bürgerkrieg verwickelte Ukraine, nach Berlin. Odessa war bereits französisch besetzt, so dass die Flüchtlinge in Nikolajew an Land gehen mussten. Ihnen war von der mit Deutschland verbündeten offiziellen ukrainischen Regierung Petljura freies Geleit zugesichert worden; sie gerieten aber in verschiedene Hinterhalte der Machno-Truppen und der von Trotzki geführten Bolschewiki, aus denen sie nur mit Tricks und der Courage einer mit ihnen reisenden schwedischen Rotkreuzschwester lebend entkamen.[25]

In Berlin bemühte er sich zunächst vergeblich um eine Position im wissenschaftlichen Bereich oder der Diplomatie.[26] Von 1919 bis 1920 war Schrader Mitarbeiter bei der vom Parteivorstand der SPD und dem preußischen SPD-Landtagsabgeordneten und Völkerkundeprofessor Heinrich Cunow (ab 1917 Nachfolger von Karl Kautsky) herausgegebenen Zeitschrift „Die Neue Zeit“. Daneben schrieb er Leitartikel für die Zeitungen, für die er vor 1918 als Korrespondent tätig gewesen war, z. B. die „Magdeburgische Zeitung“. In mehreren Artikeln für die Theoriezeitschrift der SPD setzte er sich kritisch mit der deutschen Türkeipolitik im Ersten Weltkrieg auseinander. In einem 1920 veröffentlichten Artikel „Die Ägyptische Frage“ warnte Schrader prophetisch vor verhängnisvollen Entwicklungen in den europäisch-arabischen Beziehungen durch die britisch-französische Kolonialpolitik in Ägypten, Palästina und Syrien nach dem Ersten Weltkrieg. Schrader war ab 1919 beim Auswärtigen Amt für eine Verwendung im Ausland "vorgemerkt", versuchte aber mehrfach vergeblich, eine Stelle im Auswärtigen Dienst zu bekommen, zuletzt in einem im Politischen Archiv erhaltenen Brief an den Außenminister Köster von Mai 1920, kurz bevor die SPD-geführte Weimarer Koalition bei den ersten Reichstagswahlen im Juni 1920 endgültig ihre Mehrheit einbüßte.

Weiteres zu seiner Geschichte im Link:

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schrader

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