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Ob die Weiber Menschen seyn, oder nicht?

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Ob die Weiber Menschen seyn, oder nicht?

Beitrag  Andy am Fr März 24, 2017 9:45 am

Ob die Weiber Menschen seyn, oder nicht? ist die deutsche Fassung einer in Deutschland anonym auf Lateinisch erschienenen Schrift, die Valens Acidalius zugeschrieben wird, obwohl er das laut Zedler-Lexicon abstritt. Sie ist eine fingierte, Kontroversen provozierende Auseinandersetzung zweier Ordensmänner im Zuge der im späten Mittelalter begonnenen Querelle des femmes, die bis ins 18. Jahrhundert zunehmend unter Beteiligung von Frauen diskutiert wurde. Die Titelfrage wurde in der Erstveröffentlichung verneinend beantwortet: mulieres homines non esse.[1]

Historisches und Rezeption

Die lateinische Schrift erschien 1595 ohne Verfasser-, Drucker- und Ortsangabe[2] unter dem Titel Disputatia nova contra Mulieres, Qua probatur eas Homines non esse (Neue Disputation gegen die Frauen, in der bewiesen wird, dass sie keine Menschen sind).[3] Sie wurde bis ins 18. Jahrhundert europaweit übersetzt und gedruckt.[4]

Die Disputatio nova von 1595 und die deutsche Fassung von 1617 (gedruckt 1618)

Jörg Jungmayr erzählt die Geschichte des erstmaligen Erscheinens des „Pamphlets“ im Jahr 1595, wie es zum Beispiel in der Lutherstadt Wittenberg Aufsehen erregte. Reaktion und Gegenreaktionen in Form von Streit- und Gegenschriften der Öffentlichkeit, insbesondere der lutherischen und katholischen Theologen, Übersetzungen international bis nach Den Haag, Paris und Krakau hielten sich in den folgenden 300 Jahren.[5]

1618 erschien, ebenfalls anonym, tituliert als ein lustig Gespräch, eine gedruckte, bearbeitete deutsche Fassung: „Gründ/ und probierliche Beschreibung/ Argument und Schluß-Articul, sampt beygefügten außführlichen Beantwortungen: Belangend die Frag/ Ob die Weiber Menschen seyn/ oder nicht? Meisten theils auß heilger Schrift/ das obrige auß andern Scribenten und der Experientz selbsten zusammen getragen/ Zuvor Teutsch un Truck nie gesehen: Anietzo aber zu merklicher guter Nachrichtung/ Bevorab dem weiblichen Geschlecht/ zu gebürlicher Verantwortung/ Gesprächsweiß lustig verfasset und publicirt, Durch einen besonderen Liebhaber der Lieb und Bescheidenheit Anno 1617“.

Es handelt sich um ein zu Papier gebrachtes Gespräch zwischen Bruder Endres genandt Weiberfeind Benedictiner Ordens und Pater Eugenius mit dem Zunamen Weiberfreund Emeritus Jesuita, also zweier Ordensmänner, einem Benediktiner und einem Jesuiten, die sich bei ihrem Disput meistenteils auf die Bibel berufen.[6] 1647 erschien die italienische Übersetzung, die sofort auf den römischen Index gesetzt wurde.[7]

1988 veröffentlichte die katholische Religionswissenschaftlerin Elisabeth Gössmann (Hrsg.) diese Schrift erstmals als deutsche Neuauflage der Disputatio nova in der Reihe Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung (ein weiteres Mal 1996) zusammen mit anderen Schriften der Querelle des femmes, z. B. von Moderata Fonte.[8]
Die Verächtlichmachung der Frau

In der Literaturgeschichte wird die Thematik teilweise als literarisch-logisch-rhetorisches Übungsfeld betrachtet. „Doch Satire und Ironie schließen bekanntlich tiefere Bedeutung nicht aus“, so Gisela Bock.[9] Innerhalb der spitzfindigen Logik und Redetechnik des Für und Wider in der Disputatio nova zielen die rhetorischen Mittel des Wider zur Herabsetzung der Frau oft unter die Ebene von Satire und Ironie ins Vulgäre; Tiervergleiche werden bemüht (Hund, Schwein, Schlange, Bestie), die Körperlichkeit der Frau wird auf primitive Art verächtlich gemacht. Sogar das Gebären der Frau wird (zusammen mit den Tieren) verunglimpft:

„dafür, daß sich die Weiber [durch Gebären] zu Menschen machen wollen, sei ihnen die Antwort schon fertig, nemlich, daß die Thier auch mit Schmerzen gebären, sie sind aber darum keine Menschen […]. Summa Summarum: Es ist kein Thier so gifftig, das Weib ist noch gifftiger, ja teufflischer und boßhafftiger als der Teuffel selbst.[9]“

Die Wurzeln der Querelle des sexes[10] reichen zurück bis in die Lehre der Kirche von Evas Sündenfall nach der Schöpfung.[11] Noch 1910 veröffentlichte Max Funke eine Schrift mit ähnlicher Fragestellung wie die Disputia nova, in der er unter Beziehung auf den biblischen Schöpfungsbericht und Philosophen wie Schopenhauer bereits im Titel verneinte, Frauen seien keine Menschen. „[…] als Gott Adam und Eva aus dem Paradiese stieß, richtete er an Adam die Frage, ‚Warum hast du von dem verbotenen Baume gegessen?‘ – Hätte Gott aber Eva als einen Menschen anerkannt, so würde er gewiß auch an sie diese Frage gerichtet haben.“ Bei Funke sei alles zweifellos ernst gemeint, weil nach ihm dies „wissenschaftlich bewiesen“ sei, so Gössmann.[12]
Der Mensch

Die Querelle des sexes erhielt in der Renaissance bei der Auseinandersetzung um eine neue Definition des „Menschen“ Nahrung im Zusammenhang mit der Frage, was er, der Mensch, sei, und auf welche Weise die beiden Geschlechter „den“ Menschen verkörperten.[7] 1486 (?) hielt der Humanist Giovanni Pico della Mirandola seine epochale, später gedruckte Rede Oratio de hominis dignitate (über die Würde des Menschen). Aber

„Nur Adam war der Adressat von Gottes Wort, demzufolge der Mensch nach seinem freien Willen seine eigene Natur bestimmen solle und die Form, in der er zu leben wünsche.[11]“

Es zeigt sich in della Mirandolas Rede eine Verlagerung ihres Schwerpunktes: Schwerpunkt blieb nicht der Mensch an sich, und wie er ist, sondern die Frage, ob die Frau grundsätzlich dazu gehöre – zur Krone der Schöpfung, als die der Mensch angesehen wird. Der Mann dagegen stellte diese Position unangefochten dar, und das bis in heutige Zeiten. Simone de Beauvoir schildert die Definition der Frau aus der Existenz des Mannes in ihrem Buch Le Deuxième Sexe (Das andere Geschlecht, Paris 1949). Jahrhundertelang wurden beispielsweise Verdienste von klugen und gelehrten Frauen oder hervorragenden Künstlerinnen – wenn sie auffällig in Erscheinung traten – mit denen eines Mannes verglichen, nicht als autonome Taten von Frauen.

[…] daß die Frauen keine denkenden Wesen sind

Noch 1736 zeigte die Querelle des femmes Auswirkungen im Briefwechsel zwischen Wilhelmine von Bayreuth und ihrem Bruder, Kronprinz Friedrich, später genannt Friedrich der Große:

Wilhelmine Mitte April:

„Kürzlich hörte ich von einem Buche, das mich sehr geärgert hat. Der Verfasser will beweisen, daß die Frauen keine denkenden Wesen sind, und daß nur die Männer Vernunft besitzen. Damit sind wir also zu Schafen erniedrigt. Bitte sage mir Deine Ansicht darüber.[…]“

Friedrich, Ende April:

„Was die neue Philosophie betrifft, so glaube ich, daß der Mann betreffs der Frauen sehr recht hat. Verzeih meine Offenheit! Du, Wilhelmine gehörst nicht zu diesem Geschlecht; […] Europa zählt Dich zu den größten Männern, das ist meine Philosophie.[13]“

Dass noch 1774 die Frage der Formulierung und Bedeutung des Wortes l’homme Brisanz hatte, bewies Madame Louise d’Épinay, eine Salonière auf gleicher intellektueller Ebene wie die preußische Prinzessin, mit Les conversations d’Èmilie.[14]
Quellen und Literatur chronologisch

Valens Acidalius (ursprünglich anonym): Disputatio nova contra Mulieres, Qua probatur eas Homines non esse. (Wittenberg?, Leipzig?) 1595, ohne Angabe des Druckers. Nachdrucke in verschiedenen Fassungen, international übersetzt bis Ende des 18. Jahrhunderts.
Johann Heinrich Zedler Johann Heinrich Zedlers Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschaften und Künste, 1. Bd., Halle u. Leipzig 1732, Artikel Valens Acidalius (Valens), Sp. 346/347.
Max Funke: Sind Weiber Menschen? Mulieres homines non sunt. Studien und Darlegungen auf Grund wissenschaftlicher Quellen. Marhold, Halle (Saale) 1910 (2. Auflage. Spies, Baden-Baden 1911).
Elisabeth Gössmann (Hrsg.): Ob die Weiber Menschen seyn, oder nicht? (= Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung. Bd. 4). 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Iudicium, München 1996, ISBN 3-89129-004-7, S. 101–124, Kommentar von Jörg Jungmayr S. 52–62.
Jörg Jungmayr: Einführung zu Henricus Cornelius Agrippa von Nettesheim, zu Valens Acidalius und der Gegenschrift von Gediccus sowie zu … Ob die Menschen Weiber seyn, oder nicht? In: Elisabeth Gössmann (Hrsg.): Ob die Weiber Menschen seyn, oder nicht? Kapitel I, S. 46–62.
Giovanni Pico della Mirandola: De hominis dignitate. = Über die Würde des Menschen (= Philosophische Bibliothek. Bd. 427). Herausgegeben und eingeleitet von August Buck. Meiner, Hamburg 1990, ISBN 3-7873-0959-4 (lateinischer Text mit einer deutschen Übersetzung von Norbert Baumgarten).
Gisela Bock: Frauen in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart (= Europa bauen.). Beck, München 2000, ISBN 3-406-46167-0, S. 14–16.
Alice Schwarzer: Simone de Beauvoir. Ein Lesebuch mit Bildern. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007, ISBN 978-3-498-06400-6, S. 161 ff.: Auszug aus: Das andere Geschlecht.

Siehe auch

Sexismus
Misogynie
Querelle des femmes
Androzentrismus

Quelle
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