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Der Leichenräuber

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Der Leichenräuber

Beitrag  Andy am So Apr 16, 2017 6:42 am

Der Leichenräuber (engl. The Body Snatcher) ist eine Horrorgeschichte des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson, die 1884[1] im Weihnachts-Extrablatt der Pall Mall Gazette erschien.[2]

In novellistischer Form thematisiert Stevenson zwei Fälle abscheulicher Kriminalität zu Zeiten des Anatomen Robert Knox: den Leichendiebstahl und die Beschaffung von Leichen durch Morde[3].

Inhalt

Der versoffene Schotte Fettes, ein offenbar medizinisch gebildeter alter Mann, begegnet in Debenham[4] dem reichen Londoner Arzt Dr. Wolfe Macfarlane. Der anonyme Ich-Erzähler[A 1] lockt aus Fettes die Geschichte seiner Jugend heraus. Fettes hatte in Edinburgh bei Mr. K.[5] Medizin studiert und war für die Beschaffung anatomischen Rohmaterials zuständig gewesen. Das heißt Fettes hatte die Lieferanten aus Mr. K.s Kasse zu bezahlen und musste schweigen. Manchmal hatte sich der Student Fettes über die merkwürdige Frische der Leichen gewundert. Als die Kerle ihm Jane Galbraith bringen, ein Mädchen, mit dem er gestern noch gescherzt hatte, erkennt Fettes schaudernd, er bezahlt Mörder für „seine“ Leichen. Der Student untersucht die Tote und entdeckt Strangulierung­szeichen. Dr. Wolfe Macfarlane, einer der jungen Assisten Dr. K.s, äußert Fettes gegenüber seine feste Überzeugung. Alle Leichen seien durch Mord beschafft – mit einer Ausnahme. Wenn die „Lieferung“ stockt, fahren Fettes und Macfarlane mit Spaten bewaffnet in einem Einspänner[6] hinaus aufs Land und schänden in ruchloser Arbeit Dorffriedhöfe.

Zeit vergeht. Manchmal trinkt Fettes mit seinem Spießgesellen. Bei der Gelegenheit beobachtet er, wie ein gewisser vor Gesundheit strotzender Mr. Gray den doch selbstsicheren Macfarlane am Gängelband führt. Am Tage darauf liefert Macfarlane die Leiche des armen Gray bei Fettes ab. Der Ordnung halber fordert der Mörder die übliche Summe Geldes. Fettes zahlt widerstrebend aus Mr. K.s Kasse und verstrickt sich hoffnungslos in das schaurige Geschäft. Grays Gliedmaßen werden an die Anatomen zur weiteren Sektion verteilt. Als Mr. K. wieder einmal den Mangel an Leichen beklagt, machen sich die jungen Doktoren Fettes und Macfarlane über Penicuik und Peebles[7] nach Glencorfe auf. Die beiden Auferstehungsmänner[8] reißen des Nachts den mit Sackleinwand umhüllten Leichnam einer kürzlich beerdigten Bauersfrau aus dem Grab und brausen – den Leichensack in ihrer Mitte – über Fishers Tryst gen Edinburgh. Unterwegs in der Nähe von Auchenclinny[A 2] fürchtet sich Fettes vor der unheiligen Last. Stevenson schreibt: ...ein Grauen... nahm sein Hirn gefangen...[9] Fettes besteht auf dem Öffnen des Sackes. Seltsam und gruselig – darin steckt die unzerstückelte Leiche des Mr. Gray.
Form

Stevenson hat seine Story über zwei junge Mediziner mit einem Gaststättenbesuch der beiden gealterten Protagonisten in Debenham gerahmt. Der titelgebende Leichenräuber ist Fettes. Dieser bekommt immer einmal Gewissensbisse und im Gegensatz zu Macfarlane ist er ein niederträchtiger Räuber, doch kein Mörder.

Der erzählerische Bezug zu den Mördern, die Fettes im Auftrag von Mr. K. zu bezahlen hat, ist nicht herausgearbeitet.

Zum im Artikelkopf angesprochenen novellistischen Charakter: Stevenson hat die Erzählung auf ein „seltsames, unerhörtes Ereignis“ (Goethes Novellen-Definition) hin geschrieben. Der Inhalt des Leichensackes bringt den Leser gleich nach der Lektüre zum Grübeln. Wie und warum kamen die zerstückelten Überreste von Mr. Gray – gleichsam wieder ordentlich zusammengefügt – in das Grab der Bauersfrau? Die Antwort gibt der Phantastiker Stevenson im Text, indem er seine Pointe vorbereitet: „… stärker festigte sich in Fettes' Geist der Gedanke, daß sich etwas Übernatürliches begeben hätte, daß eine unbekannte Änderung mit dem toten Körper vorgegangen wäre, …“[10]
Verfilmungen

1945 Der Leichendieb[11] von Robert Wise mit Boris Karloff, Bela Lugosi und Henry Daniell.
5. Februar 1966: The Body Snatcher[12] von Toby Robertson[13] mit Trevor Baxter[14], David Buck[15] und James Cossins.
1. Dezember 1975: El ladrón de cadáveres[16] von José Antonio Páramo mit Jack Taylor, Raúl Sénder[17] und Andrés Mejuto[18].

Deutschsprachige Literatur
Ausgaben

Robert Louis Stevenson: Die Leichenräuber. (Übersetzer: Richard Mummendey) in Robert Louis Stevenson: Erzählungen (Ein Nachtquartier. Die Tür des Sire de Maletroit. Will aus der Mühle. Der Selbstmörderklub. Der Diamant des Radschas. Die Vorsehung un die Gitarre. Die Geschichte einer Lüge. Der Pavillon in den Dünen. Die krumme Janet. Die tollen Männer. Der Schatz von Franchard. Die Leichenräuber. Olalla. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Markheim. Die unglücklichen Abenteuer John Nicholsons. Der Strand von Falesa. Der Flaschenteufel. Die Insel der Stimmen. Die Landfremde. Als der Teufel wieder wohlauf war. Robert Louis Stevenson – ein Lebensbild von Lloyd Osbourne). Deutscher Bücherbund, Stuttgart um 1969. 1099 Seiten
Robert Louis Stevenson: Der Leichenräuber. S. 103–131. (Übersetzer: Curt Thesing) in Robert Louis Stevenson: Der weite Horizont. Erzählungen (Die Landfremde. Die tollen Männer. Der Leichenräuber. Villon. Die Vorsehung und die Gitarre. Die Geschichte einer Lüge. Der Schatz von Franchard. Der Strand von Falesa. Die Insel der Stimmen. Der Flaschenteufel). Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1987 (6. Aufl.), ISBN 3-7350-0026-6[A 3]
Robert Louis Stevenson: Der Leichenräuber und andere Geschichten. Aus dem Englischen von Marguerite und Curt Thesing. Diogenes, Zürich 1979 (1. Aufl.), 248 Seiten
Robert Louis Stevenson: Der Leichenräuber. Hörbuch (Audio-CD). Regie: Viktor Pavel. Sprecher: Michael Rotschopf. Nach der Übersetzung von Curt Thesing. Verlag Argon, Berlin 2004, ISBN 978-3-87024-779-9
Robert Louis Stevenson: Der Leichenräuber. Der Junker von Ballantrae. Aus dem Englischen von Curt Thesing und Richard Mummendey. Hörbuch (7 Audio CDs). Sprecher: Hans Helmut Dickow und Gert Westphal. Produziert vom NDR 1984 und 1986. Verlag Grosser & Stein, Pforzheim 2007. ISBN 978-3-86735-252-9

Sekundärliteratur

Michael Reinbold: Robert Louis Stevenson. Rowohlt, Reinbek 1995, ISBN 3-499-50488-X.


Quelle
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Andy
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