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Die Beginen und Begarden

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Die Beginen und Begarden

Beitrag  checker am Mi Apr 26, 2017 10:48 pm

Als Beginen (auch Begutten) und Begarden wurden ab dem 12. Jahrhundert in den Niederlanden und dem 13. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich, Oberitalien und der Schweiz die Angehörigen einer christlichen Gemeinschaft genannt, die keine Ordensgelübde ablegten und nicht in Klausur lebten. Beginen (weibliche Mitglieder) und Begarden (männliche Mitglieder, auch Lollarden oder Lollharden genannt) führten ein religiöses, eheloses Leben in Gemeinschaft, in sogenannten Beginenhöfen oder -häusern.


Beginenhof in Brügge

Bezeichnung
Varianten und andere Bezeichnungen

Andere Schreibweisen für Beginen sind Beguinen, Beghinen, Bagynen, oder (mit lateinischer Endung) Beguinae. Andere Schreibweise für Begarden sind Begharden, Beckarden, Picarden oder (mit lateinischer Endung) Beghardi oder Beguini. Weitere Bezeichnungen für Beginen und Begarden: Polternonnen, Seelfrauen[1], Seelschwestern, Matemans („Genossen“), Klausnerinnen, Zellenbrüder oder Celliten.

Die Herkunft der Beginen oder Begarden ist nicht eindeutig geklärt. Die Bezeichnung Beginen taucht bereits 1209/11 in Köln auf.[2] Zu dieser Zeit stellten die Begriffe Beginen und Begarden jedoch noch Fremdbezeichnungen dar, die von den Brüdern und Schwestern (so die Eigenbezeichnung) zurückgewiesen wurden. Erst im 15. Jahrhundert übernahmen auch die Mitglieder dieser Gemeinschaften diese Bezeichnungen.

Erzählungen in Verbindung mit dem Namen der hl. Begga, die in einer späteren Epoche zur Schutzpatronin der Beginenhäuser erklärt wurde, scheinen auf legendarischen Überlieferungen zu beruhen. Eine Deutungsvariante sieht die Namensherkunft in der Ableitung vom Namen eines Lütticher Priesters: Lambert le Bégue,(„Lambert, der Stammler“) stiftete 1180 in Lüttich in einem ihm gehörenden großen Garten in der Nähe der Stadt eine Anzahl einzelner Häuschen, die er nicht verheirateten Frauen und Witwen ohne Unterschied von Stand oder Vermögen unter der Bedingung zu Wohnungen gab, dass sie ehelos und anständig, arbeitsam und verträglich zusammen lebten.

Eine andere Deutung sieht im Begriff Beginen eine Verballhornung von Albigenses. Die Bezeichnung „Albigenser“ wurde später in ungenauer Weise für verschiedene, als ketzerisch angesehene Laienbewegungen verwendet, fand jedoch später ihre häufigste Verwendung als Synonym für die Glaubensgemeinschaft der Katharer.[2]
Tätigkeitsbereiche und Organisation

Ziel der Bewegung der Beginen und Begarden war die Verwirklichung eines Lebens in der Nachfolge Christi. Männer und Frauen schlossen sich seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts ungeachtet ihres Vermögens oder Standes zu geistlichen Gemeinschaften zusammen. Als Beginen und Begarden verzichteten sie weitgehend auf persönlichen Besitz, lebten in Hausgemeinschaften und stellten ihren Unterhalt weitgehend durch Handarbeit sicher.[3]

Beginen und Begarden legten ein Gelübde auf Zeit ab, das in der Regel jährlich erneuert wurde. Beginen und Begarden war es gestattet, wieder aus der Gemeinschaft auszuscheiden, zu heiraten und sich ein bürgerliches Leben aufzubauen. Ihr Vermögen mussten sie in diesem Fall zurücklassen. Aus diesem Grunde lebten in der Blütezeit der Bewegung vorwiegend ältere Frauen in den Beginenhäusern. Manche Ordnungen schrieben vor, dass eine unverheiratete Frau nicht vor dem 40. Lebensjahr Begine werden könne.[4]


Rekonstruktion des Beginenhofes zu Neuss (ca. 1360). Im Vordergrund die Klarissengasse und Michaelstraße[5]

Beginen lebten in Beginenhöfen. Jede Gemeinschaft war selbständig und hatte eine Meisterin, die aus ihrer Mitte, meist für ein Jahr, gewählt wurde. Die Beginenhöfe hatten bisweilen unterschiedliche Aufgabengebiete. Beginen widmeten sich neben dem Gebet auch Werken der tätigen Nächstenliebe, etwa der Krankenpflege, der Betreuung Verlassener, der Seelsorge und der Erziehung. Weiterhin betätigten sie sich als Leichenwäscherinnen oder übten das Textilhandwerk aus. Auch wenn einige Beginen ursprünglich wohlhabend waren, trugen sie durch diese Tätigkeiten zum Lebensunterhalt der Gemeinschaft bei. Einige bekannte Mystikerinnen waren Beginen, beispielsweise Mechthild von Magdeburg, andere wie Margareta Porete wurden wiederum der Häresie verdächtigt. Manche Beginen oder Begarden lehnten das Leisten von Eiden ab oder leugneten die Lehre vom Fegefeuer.

„Absolute Armut und antiklerikale Opposition waren die Grundlagen, die sich bei allen häretischen Begardengemeinschaften finden, über die wir Quellen besitzen.“[6]
Geschichte


Beginenhaus in Stuttgart-Bad Cannstatt

Die Bewegung der Beginen und Begarden lässt sich erstmals zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Belgien und Flandern nachweisen.[7]

Auf dem vierten Laterankonzil 1215 wurde festgelegt, dass neue geistliche Gemeinschaften grundsätzlich nur nach bereits bestehenden Ordensregeln leben durften. 1216 erhielten die Beginen und Begarden auf Ersuchen Jakob von Vitrys eine mündliche Bewilligung ihrer Lebensweise. Darauf folgte die Zeit der größten Ausbreitung des Beginen- und Begardenwesens. Beginenhäuser entstanden in fast ganz Westeuropa, besonders in Oberitalien, Südfrankreich, Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Böhmen und der Schweiz. Ihre Blütezeit erlebten die Beginen von der Mitte des 13. bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts. Für die Zeit um 1350 werden für Köln knapp 1250 Beginen in mehr als 25 Beginenhäusern angenommen.[8]

Neben den sesshaften Beginen- und Begardengemeinschaften entstanden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auch wandernde Gemeinschaften, die ihren Lebensunterhalt durch Bettelei sicherten. Sie vertraten häufig Ansichten des deutschen Mystikers Meister Eckhart und wurden nicht nur vom Klerus, sondern auch von den Städtern ungern gesehen. Besonders diese Gruppierungen gerieten in den Ruf, Häretikern nahezustehen und selbst häretisches Gedankengut zu verbreiten. Insbesondere die deutschen Bischöfe bekämpften die Bewegung und setzten 1311 auf dem Konzil von Vienne eine Verurteilung durch, von der der Papst nur das Gebiet von Flandern ausnahm. Die deutschen Beginenhöfe wurden in der Folge aufgelöst.

Während die Inquisition in Toulouse vom Jahr 1307 an zahlreiche Beginen und Begarden als Ketzer zur Einmauerung und Verbrennung auf dem Scheiterhaufen verurteilte, erließ Papst Johannes XXII. am 7. März 1319 eine Bulle, in der allen Beginen und Begarden, welche die Regel des dritten Ordens des hl. Franziskus von Assisi annehmen wollten, Gnade zugesichert wurde. Viele Gemeinschaften stellten sich daraufhin unter den Schutz der Bettelorden. Mitte des 14. Jahrhunderts kam es im Heiligen Römischen Reich unter dem Inquisitor Walter Kerlinger zu intensiven Verfolgungen von Beginen und Begarden: Kaiser Karl IV. lobte 1369 die Verdienste Kerlingers um die angebliche Ausrottung der Beginen und Begarden in Magdeburg, Bremen, Thüringen, Sachsen und Hessen.[9] Die Bulle des Papstes Nikolaus V. vom 12. Februar 1453 bestimmte alle noch bestehenden Gemeinschaften zu Mitgliedern der dritten Orden. Beispiele für eine solche Gemeinschaft, die aus einer Beginengründung hervorgingen, sind die Dillinger Franziskanerinnen und die Franziskanerinnen von Maria Stern in Augsburg. Innerhalb des Reichsgebiets verschwanden die Beginen und Begarden mit dem 16. Jahrhundert. In Norddeutschland verschwanden sie meist mit der Ausbreitung der Reformation.

Im Jahr 2004 gab es noch fünf aktive Beginen in Flandern (darunter in Kortrijk und Gent).[10] 2008 starb in Gent die vorletzte Begine im Alter von 99 Jahren.[11] Die letzte Begine, Marcella Pattyn, lebte in Kortrijk in einem Altersheim, wo sie am 14. April 2013 im Alter von 92 Jahren starb.[12]

Die UNESCO nahm 13 der 26 existierenden flandrischen Beginenhöfe, darunter den in Brügge, in die Liste des Weltkulturerbes auf. Im Rahmen der Frauenbewegung kam es zu einigen Gründungen moderner „Beginenhöfe“.[13] Diese knüpfen zwar an das soziale Modell der Beginen an, nicht aber an das Glaubensleben der Beginen. Betont wurde insbesondere der Aspekt des selbstbestimmten Zusammenlebens in Frauengemeinschaften.
Bekannte Spuren der Beginen

Beginenberg

Beginenhaus (Hannover), bestand vom 13. Jahrhundert bis zur Reformation
Beginenhaus (Kempten), ein Gebäudeensemble mit einzigartigen Funden mittelalterlichen Lebens
Beginenhaus bei St. Wolfgang (Heilbronn)

Beginenturm (Hannover)
Beginengemeinschaften in Geldern
Kirchberg (Volkach)

Siehe auch

Frauenstift

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