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Das Jahr ohne Sommer oder „Eighteen hundred and frozen to death“

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Das Jahr ohne Sommer oder „Eighteen hundred and frozen to death“

Beitrag  Andy am Sa Apr 29, 2017 10:07 pm

Als das Jahr ohne Sommer wird das vor allem im Nordosten Amerikas und im Westen und Süden Europas ungewöhnlich kalte Jahr 1816 bezeichnet. In den Vereinigten Staaten bekam es den Spitznamen „Eighteen hundred and frozen to death“ und auch in Deutschland wurde es als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Als Hauptursache wird heute der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 angesehen, der von Vulkanologen als deutlich stärker eingestuft wird als der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. und jener von Krakatau 1883.[1]


Vergleich der Temperaturen 1816 zum langjährigen Mittel 1971–2000

Ursachen


Hungertafel in Neulautern, die Lebensmittelpreise von 1772 und 1784 mit 1817 vergleicht: „Veränderliche Jahrs zeiten – 1772 Hat 8 ℔ (= Pfund) Brod 8 x (= Kreuzer) kost, 1784 die Maß Wein 4 x. 1817 Hat der Scheffel Denkel 40 gulten kost, 8 ℔ K.(orn) Brod 2 gulten, die Maß Wein 2 f (= Florin = Gulden), das Simre Erdbirn 3 f.“

Etwa hundert Jahre später (1920) fand der amerikanische Klimaforscher William Jackson Humphreys eine erste Erklärung für das „Jahr ohne Sommer“. Er führte die Klimaveränderung auf den vulkanischen Winter infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien zurück. Dieser war im April 1815 mit einer Stärke von 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex ausgebrochen und hatte neben ungefähr 150 km³ Staub und Asche auch Schwefelverbindungen, die auf ein Schwefeldioxidäquivalent von 130 Megatonnen geschätzt werden,[2] hoch in die Atmosphäre geschleudert, wo sie sich verteilten und wie ein Schleier um den gesamten Erdball legten. Die Abkühlung des Weltklimas durch den Ausbruch hielt noch bis 1819 an.[3]

Aerosolablagerungen in grönländischen und antarktischen Bohrkernen deuten allerdings darauf hin, dass der Ausbruch des Tambora nicht alleinige Ursache dafür war, dass das Jahrzehnt von 1810 bis 1820 zum weltweit kältesten der letzten 500 Jahre wurde. Vielmehr wird eine vergleichbar große Vorläufereruption vermutet. Aufgrund von Berichten aus Kolumbien könnte ein solcher Vulkanausbruch Ende des Jahres 1808/Anfang des Jahres 1809 stattgefunden haben.[4] Außerdem nimmt man an, dass die erheblich reduzierte Aktivität der Sonne während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, das sogenannte Daltonminimum, zur Abkühlung beigetragen hat.
Details
Ernteeinbußen

Anfang Juli und Ende August 1816 gab es im Nordosten der Vereinigten Staaten Nachtfrostperioden. Im Osten Kanadas und in Neuengland fiel Schnee, der in Québec eine Höhe von 30 Zentimetern erreichte. Dies führte zu schweren Ernteeinbußen und in der Folge zu stark gestiegenen Getreidepreisen, eine ausgesprochene Hungersnot gab es in diesem Jahr jedoch noch nicht.
Preissteigerungen

Der Getreidepreis erreichte erst im Folgejahr (1817) das Anderthalbfache des Niveaus von 1815.[5] Am stärksten betroffen war das Gebiet unmittelbar nördlich der Alpen: Elsass, Deutschschweiz, Baden, Württemberg, Bayern und das österreichische Vorarlberg. Hier erreichte der Getreidepreis im Juni 1817 das Zweieinhalb- bis Dreifache des Niveaus von 1815.[5] An einzelnen abgelegenen Orten wurde auch das Vierfache erreicht.

In Osteuropa (geprägt vom Kontinentalklima) und Skandinavien waren dagegen kaum Auswirkungen feststellbar. So stieg in Polen der Getreidepreis von 1815 bis 1817 wegen der verstärkten Exportnachfrage um lediglich ein Viertel.[5]

Überschwemmungen

In Mitteleuropa kam es zu schweren Unwettern. Zahlreiche Flüsse (unter anderem der Rhein) traten über die Ufer.[7] In der Schweiz[8][9][10] schneite es jeden Monat mindestens einmal bis auf 800 m Meereshöhe und am 2. und 30. Juli bis in tiefe Lagen.[11] Durch die geringere Schneeschmelze im Vorjahr und die angesammelten zusätzlichen Schneefälle zum Beispiel in den Alpen führte die Schneeschmelze örtlich zu katastrophalen Überschwemmungen.
Hungersnot

Die Folge der niedrigen Temperaturen und anhaltenden Regenfälle in Teilen Europas waren katastrophale Missernten. Hungersnöte brachen aus. In der Zentralschweiz war die Hungersnot besonders groß, nach Beschreibungen des Frühmessers Augustin Schibig verzehrten die Leute „die unnatürlichsten, oft ekelhaftesten Sachen, um ihren Heißhunger zu stillen“. In Ybrig, in Rothenthurm, in der Altmatt und in den Berggegenden „haben die Kinder oft im Gras geweidet wie die Schafe, auch Wiesenblumen waren begehrt“.[11] Kreis-Medizinalrat Johann Nepomuk Sauter aus Konstanz empfahl als Not-Nahrungsmittel Graswurzeln und isländisches Moos. Vom Konstanzer Braumeister Birkenmayer wurde empfohlen, Brot mit Biermalz zu strecken. Der Konstanzer Archivar Joseph Kastell sah in den ostschweizer Kantonen Hungrige, die unreifes Obst, kleine Schnecken sowie Blätter und gebrühtes Gras aßen.[12]

Insbesondere das Elend in der Ostschweiz veranlasste Zar Alexander I. zu einer Spende von 100.000 Rubeln und Getreidelieferungen aus Russland.[13]
Gedenken

Zur Erinnerung an diese Zeit wurden in Deutschland mancherorts sogenannte Hungertaler geprägt; auch andere Formen von Erinnerungsstücken sind bekannt.[14]


Hungerlinde[15] in Langenbeutingen

Weiteres dazu der Gedenkstein an der Katharinen Kirche in Braunschweig

Die Hungersnot von 1817 war Anlass für verschiedene Maßnahmen zur Förderung der Landwirtschaft, darüber hinaus auch für Organisationsreformen im staatlichen Bereich, die auch im Zusammenhang von Restauration und Verfassungsdiskussion zu sehen sind, sowie für die Stiftung karitativer Organisationen. Im stark betroffenen Württemberg beispielsweise initiierte König Wilhelm I. 1817 die Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins, dessen Centralstelle ab 1818 jährlich ein landwirtschaftliches Fest mit Wettbewerben veranstaltete, das heutige Cannstatter Volksfest. Seine Gattin Katharina plante und leitete den Wohltätigkeitsverein, der ab 1817 als halbstaatliche Organisation Funktionen vergleichbar einer innerstaatlichen Entwicklungshilfe, außerdem der Hunger- und Katastrophenhilfe übernahm und durch den wiederum 1818 die Württembergische Sparkasse gegründet wurde.[16] Ebenfalls 1818 gründete Wilhelm eine landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt, heute die Universität Hohenheim.

In Bayern hatte die Krise wesentlichen Anteil an der Entlassung von Minister Maximilian von Montgelas im Jahr 1817, und die bislang unterdrückte Volksfrömmigkeit blühte auf. In Scharen pilgerte man nach Altötting, und Bittgottesdienste für eine gute Ernte wurden nun sogar von der Obrigkeit angeordnet. In acht Monaten wurden über 60.000 Laib Brot und 45.000 Portionen der Rumfordsuppe kostenlos bzw. verbilligt ausgegeben. Auch König Max Joseph versuchte im April 1817 die Rumfordsuppe in einer Münchner Suppenküche und ließ verkünden, er habe sie regelrecht genossen.[17]

Der Chemiker Justus von Liebig wurde durch die Erinnerung an die Hungersnöte zu seinen Untersuchungen über die Bedingungen des Pflanzenwachstums angeregt. Dazu führte er die Mineraldüngung ein, die zu einer Steigerung der Erträge der Landwirtschaft führte.

Die Entwicklung der Draisine, des Ur-Fahrrades, geht auf das Pferdesterben infolge der Futtermittelknappheit 1816/17 nach der Tambora-Eruption zurück.[18]

In den Vereinigten Staaten bewogen Missernten viele Farmersfamilien aus Neuengland und anderen Küstenstaaten, in den Nordwesten an die Frontier zu ziehen, so dass innerhalb weniger Jahre die Staaten Ohio, Indiana und Illinois besiedelt wurden.

Tausende der zusätzlich noch unter den Folgen der Napoleonischen Kriege leidenden Europäer wanderten schließlich in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Im südwestdeutschen Raum kam es zu Auswanderungen, insbesondere aus Württemberg, wo 1816 das Auswanderungsverbot aufgehoben worden war. Nachdem Werber der russischen Krone Auswanderungswillige eingeladen hatten, hatte die Auswanderung nach Südrussland, zum Beispiel nach Bessarabien, ihren Höhepunkt um 1817/18.
Spätfolgen

Jahrzehntelang nach dem Vulkanausbruch kam es zu merklichen Veränderungen im Tageslicht. Besonders ausgeprägt war dies abends und morgens, da die Sonnenstrahlen dann auf ihrem langen Weg durch die Atmosphäre auf erheblich mehr Schmutzpartikel stießen, gestreut wurden und vornehmlich die langwelligen Anteile des Lichtspektrums noch beim Betrachter ankamen. Die biedermeierlichen Sonnenuntergänge in Europa waren von nie dagewesener Pracht – in allen Schattierungen von Rot, Orange und Violett, gelegentlich auch in Blau- und Grüntönen. Die grandiosen Abendstimmungen und die intensiven Erdfarben, Ocker und Gelbtöne von William Turner, die außerhalb von Landschaften mit entsprechender natürlicher Farbgebung (etwa der Toskana und der Camargue) fast unwirklich erscheinen, wurden davon sichtlich beeinflusst.[19]
Literarische Widerspiegelung

Die britische Schriftstellerin Mary Shelley verbrachte den Sommer 1816 mit Freunden in der Nähe des Genfersees. Sie besuchten öfters Lord Byron in der nahegelegenen Villa Diodati. Aufgrund des extrem schlechten Wetters konnten die Anwesenden oft das Haus nicht verlassen. So beschlossen sie, Schauergeschichten zu schreiben und den anderen vorzutragen. Shelley schrieb die Geschichte Frankenstein. Byrons Leibarzt John Polidori (1795–1821) verfasste Der Vampyr – eine Vampirgeschichte lange vor dem Entstehen von Bram Stokers Dracula. Lord Byron vollendete seine Geschichte nicht; er verarbeitete Eindrücke dieses Sommers in dem Gedicht Die Finsternis.[20][21]
Vergleichbare Ereignisse

Vergleichbare Ereignisse gab es in Mitteleuropa etwa 535/536, 1258,[22] 1529, 1588, 1601, 1618, 1628, 1675 und 1813.[23]

Benjamin Franklin berichtete von einem bemerkenswert kalten Winter 1783/84. Er vermutete, dass die Kälte in Philadelphia das Resultat eines Staubnebels in der Atmosphäre über Europa und Nordamerika sein könnte. Er gilt als der erste Forscher, der einen derartigen Zusammenhang erkannte.[24]
Siehe auch

Liste von Wetterereignissen in Europa
Kleine Eiszeit
Zeitreihe der Lufttemperatur in Deutschland
Klimageschichte
Klimaveränderung

Quelle

Indirekte Folgen
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