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Artensterben: Agrarlobby treibt bedrohte Tiger in die Enge

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Artensterben: Agrarlobby treibt bedrohte Tiger in die Enge

Beitrag  Luziefer-bs1 am So Sep 25, 2011 8:46 pm

Weil der Dschungel zerstört wird, dringen Tiger und Elefanten in Indonesien vermehrt in Dörfer und Städte ein. Dabei sterben immer wieder Menschen - meist aber ziehen die Tiere den Kürzeren. Nur ein radikaler Kampf gegen eine untätige, korrupte Bürokratie wird die bedrohten Arten retten können.



Der Tag dämmert noch, als sich Bewohner des Dorfes Sarah Baru im Süden der Provinz Aceh zum nahegelegenen Fluss Kluet aufmachen. Sie gehen regelmäßig dorthin, um zu baden oder ihre Wäsche zu waschen. Doch am Morgen des 13. September kommt ihnen ein ausgewachsener männlicher Elefant entgegen und greift die Menschen an. Die meisten können fliehen, eine junge Frau ist jedoch nicht schnell genug. Das Tier reißt sie zu Boden und trampelt sie zu Tode.

Nur knapp einen Monat zuvor wurde ein Kautschukfarmer auf seiner Plantage in Seunambek in West-Aceh Opfer eines Elefantenangriffs. Als der 52-Jährige mit seiner Frau morgens an den Bäumen arbeitet, taucht plötzlich ein Elefant auf und attackiert das Ehepaar. Die Frau kann fliehen, muss aber etliche Kilometer laufen, um Hilfe zu holen. Als sie später mit einigen Dorfbewohnern zu der Plantage zurückkehrt, findet sie ihren Mann tot auf. Der Elefant hat ihn mit den Stoßzähnen aufgeschlitzt und ausgeweidet.

Einem Vertreter des angrenzenden Distrikts Aceh Barat zufolge war der Farmer das dritte Opfer in nur drei Monaten. Wilde Elefanten in den Siedlungen seien ein zunehmendes Problem in der Region, sagt Mursalin Abdullah. Doch deutlich öfter als die Menschen sind die Tiere die Opfer: Von März bis Juni wurden der "Jakarta Post" zufolge vier tote Elefanten auf einer Plantage in Bengkulu gefunden, im Juli sei aus Riau ein toter Tiger gemeldet worden.

Vom Wald in die Dörfer

Auf Sumatra nehmen Konflikte zwischen Menschen und Tieren zu. Der Grund: Ihre Lebensräume überschneiden sich zunehmend. "Früher lebten die Elefanten und Tiger zurückgezogen in den Wäldern, vor allem im Osten und Süden von Aceh. Weil ihre eigenen Lebensräume aber zerstört und immer mehr Straßen in den Wald gebaut werden, ziehen die Tiere auf Plantagen und in Dörfer", sagt Chik Rini, Biologin beim World Wide Fund for Nature (WWF) in Banda Aceh.

Dies betrifft vor allem vier Tierarten, die schon jetzt vom Aussterben bedroht sind: Elefanten, Tiger, Nashörner und Orang-Utans. Nach Schätzungen des WWF leben nur noch rund 6500 Orang-Utans, 3350 Elefanten und maximal 400 Tiger auf der westlichsten Insel Indonesiens. Immer noch werden diese Tiere illegal gejagt, getötet und verkauft. Der Preis für ein Kilogramm Elfenbein liegt laut WWF bei umgerechnet 2400 Euro (30 Millionen Rupien). Ein Tigerfell bringt demnach knapp über 2000 Euro.

Neben der Wilderei bedroht die Tiere die Zerstörung der Natur. "Zwar sind die Tiere geschützt, nicht aber ihr Lebensraum", sagt Linda Yuniyanti, Ökologin beim Centre for International Forestry Research (Cifor). "Wald wird im großen Stil für riesige Palmölplantagen, Minen und andere Projekte gerodet."

Die Fläche, die in Indonesien für Palmölplantagen genutzt wird, ist der nationalen Statistikbehörde zufolge von 992.400 Hektar in 1995 auf 45,2 Millionen Hektar im Jahr 2009 gewachsen. Im selben Zeitraum stieg die Produktion von rund 2,48 Millionen auf fast 13 Millionen Tonnen Rohpalmöl. Im Mai 2009 gab der indonesische Industrieminister vor, für 2020 eine Produktion von mehr als 50 Millionen Tonnen Palmöl anzustreben.

Besonders in der Provinz Aceh im Norden Sumatras hat sich die Situation in den vergangenen sechs Jahren verschärft: Während des Unanhängigkeitskampfes lagen viele Forststellen und Felder brach, die Natur konnte sich erholen. Doch nach dem Tsunami 2004 und dem mit dem Wiederaufbau einhergehenden Friedensschluss kehrten die Menschen an die Arbeit zurück - und bauten ihre Aktivitäten immer weiter aus.

Zwar sind von den insgesamt 5,5 Millionen Hektar der Provinz Aceh rund 3,3 Millionen als geschützte Waldgebiete ausgezeichnet, zu denen der Gunung-Leuser-Nationalpark und das Ulu-Masen-Ökosystem gehören. Doch rund 85 Prozent der bedrohten Tiere leben laut WWF außerhalb der geschützten Wälder, da diese zum größten Teil im Hochland liegen. "Die Tiere bevorzugen als Lebensraum jedoch Tieflandwälder - und die müssen zunehmend Plantagen weichen", sagt die Biologin Rini.

Der Wald als Lebensgrundlage

Auf dem Papier sei die Regierung mit der sogenannten Green Mission im Naturschutz engagiert, aber in der Realität vergebe sie Lizenzen für Gold- und Eisenminen sowie für Palmölplantagen, beklagt Rini: "Wenn die Regierung erlaubt, den Wald zu zerstören, bringt sie damit die Probleme in die Dörfer."

Die in der Schweiz ansässige Stiftung Paneco und ihr indonesischer Partner YEL kämpfen zurzeit um den Torfsumpfregenwald Tripa im Westen Acehs, der akut von der Abholzung für Palmölplantagen bedroht ist. "Im Sumpf von Tripa leben rund 250 Sumatra-Orang-Utans und unzählige andere Tierarten. Der Wald ist einer der wertvollsten Lebensräume weltweit", sagt Ian Singleton von Paneco. Doch obwohl Tripa und zwei weitere bedrohte Torfsumpfwälder laut Gesetz geschützt werden müssten, drohen sie Palmölplantagen zum Opfer zu fallen: "Mehr als 7000 Hektar Sumpfregenwald sind allein in Tripa 2009 niedergebrannt worden." Laut WWF gehen in Aceh jedes Jahr insgesamt mehr als 24.000 Hektar Wald verloren.

In Tripa haben laut Paneco fünf große Firmen die Konzessionen auf dem Gebiet des Sumpfwaldes übernommen und stehen nun im Konflikt mit der lokalen Regierung und Bevölkerung. "Der Wald ist eine wichtige Lebensgrundlage für die lokale Bevölkerung, und man muss wahrlich nicht auf Palmöl setzen, um an Geld zu kommen", sagt Singleton. Ganz im Gegenteil: Ein funktionierendes Ökosystem in Tripa könnte die Gemeinden vor Ort, die jahrzehntelang von der Fischerei und der Landwirtschaft gelebt haben, besser ernähren als die oft geringen Tagelöhne auf den Plantagen, so der Naturschützer.

Wissenslücken, Tricks, Korruption

Bisherige Mittel zum Schutz der Wälder funktionieren nur bedingt. Der Gouverneur von Aceh hat ein Moratorium erlassen, wonach vergebene Holz- und Ölpalm-Konzessionen zurzeit nicht genutzt werden dürfen. Doch in der Realität geschehe dies dennoch, so WWF-Aktivistin Rini: "Die Gesetze werden einfach nicht eingehalten. Und wenn Umweltschützer vor Gericht ziehen, verlieren sie regelmäßig."

Die Befolgung der Gesetze werde auch nicht ausreichend überwacht, sagt Cifor-Mitarbeiterin Yuniyanti: "Oft fehlt es nicht nur der Bevölkerung am Wissen um die bedrohten Tiere, sondern selbst den zuständigen Kräften." So komme es immer wieder vor, dass zuständige Beamte Tiere nicht unterscheiden könnten. Hinzu komme der Ökologin zufolge eine Politik, die nicht auf Naturschutz ausgerichtet sei: "Naturschutz war nie eine Priorität der Regierung und verliert im Wettstreit mit ökonomischen Kriterien immer."

Auch der auf Drängen internationaler Nichtregierungsorganisationen eingerichtete Runde Tisch für Nachhaltigkeit bei der Produktion von Palmöl erwies sich als wirkungslos. "Es wird getrickst, um die Anforderungen zu umgehen", beklagt Yuniyanti. Korruption spiele dabei eine große Rolle.

Druck von außen

Die Naturschützer sind sich einig: Optimal wäre ein Abholzungsstopp. Sie gehen aber nicht davon aus, dass das auch durchgesetzt werden kann. "Ein kompletter Stopp von Palmölplantagen ist nahezu unmöglich", sagt Yuniyanti. Für viele Gemeinden seien die Plantagen eine Einnahmequelle, die sie nicht aufgeben wollen. Außerdem habe die Palmölindustrie und andere Investoren eine starke Lobby - und die finanziellen Mittel, um gegebenenfalls Schmiergelder zu zahlen.

Nach Yuniyantis Einschätzung muss Druck von außen kommen: "Der internationale Markt sollte Palmöl nur aus den Ländern kaufen, die nachweislich verantwortlich handeln und ein geringes Korruptionsniveau haben." Außerdem sollten internationale Hilfsorganisationen und Spender Anreize für die Regierung und Bevölkerung schaffen, damit diese sich dem Umweltschutz verschreiben. "Zum Beispiel in Form von Ausbildung, medizinischer Versorgung oder Arbeitsmöglichkeiten im Naturschutz statt auf Plantagen."

Mit Material von AFP

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