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Der niederländische Dr. Mengele

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Beitrag  Gast Mo Nov 04, 2013 11:35 am

4. November 2013 19:13
Prozess gegen niederländischen Skandalarzt Doktor Schock

Alzheimer mit 20, Parkinson im Endstadium, nötige Operationen am Hirn: Für ihn war nur eine schreckliche Diagnose auch eine gute Diagnose. Seit heute muss sich der Neurologe Ernst J. S. in den Niederlanden vor Gericht verantworten. Hunderte Fehlurteile soll er gegeben haben, auch in Deutschland.


Der Arzt, der keiner mehr ist, wählte den Hintereingang. Mit brauner Ledertasche und Aktenordnern unter dem Arm eilte Ernst J. S. ins Gerichtsgebäude im ostniederländischen Almelo, wo am Montagmorgen gegen ihn der wohl größte medizinische Strafprozess in der Geschichte der Niederlande begonnen hat. Nicht allein der Staat klagt den Mediziner an. Auch mehr als 200 seiner ehemaligen Patienten fordern Gerechtigkeit, weil J. S. ihnen körperlich und seelisch zugesetzt haben soll, indem er falsche Schreckensdiagnosen stellte.

Manche dieser Patienten, unter ihnen eine 20-Jährige, mussten offenbar grundlos den Schock ertragen, schon früh an Alzheimer erkrankt zu sein; andere nahmen Medikamente gegen Parkinson, die ihrer Gesundheit nur schadeten, weil die angsteinflößende Schüttellähmung gar nicht in ihrem Körper lauerte; 13 Patienten sollen an Gehirn oder Rückenmark operiert worden sein, ohne dass dies nötig war; und eine Patientin hat sich nach einem der niederschmetternden Gespräche mit J. S. das Leben genommen. Ob dies auch mit den Medikamenten in Zusammenhang stand, die der Arzt ihr verschrieben hatte, war Gegenstand des ersten von 15 angesetzten Verhandlungstagen.

Auf neun aus ihrer Sicht besonders eindeutige Patientenschicksale beschränkt sich die Anklage. Alle Fälle datieren aus der Zeit, als J. S. an einem Krankenhaus in Enschede arbeitete. Das seien keineswegs bedauerliche Kunstfehler gewesen, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Der Arzt habe die Horrorbotschaften absichtlich verbreitet. "Untersuchungsergebnisse, die seiner Diagnose widersprachen, ignorierte er", sagte Staatsanwältin Marjolein van Eykelen. Mitunter habe er Testbögen, mit denen Alzheimer festgestellt wird, sogar selbst ausgefüllt.

"Ich würde wieder so handeln"

Viele der ehemaligen Patienten des Doktors sind am Montag nach Almelo gekommen, um dem Prozess beizuwohnen. Sie wollen hören, was der Arzt, der sie krank machte, zu seiner Verteidigung zu sagen hat. Noch einmal persönlich mit ihm zu sprechen, lehnen sie dagegen ab. "Meine Mandanten fühlen sich emotional nicht dazu in der Lage und halten es zu diesem Zeitpunkt auch nicht für sinnvoll", sagte der Anwalt Yme Drost, der mehr als 200 Patienten vertritt. Der Doktor, der derzeit nach eigenen Angaben nicht mehr praktiziert, hatte seinen früheren Patienten Mitte Oktober Gespräche angeboten. Es tue ihm leid, was geschehen sei, teilte der 68-Jährige in einem Brief mit. Er fühle sich "moralisch schuldig". Zugleich betonte er vor Gericht, dass er seine Diagnosen immer sorgfältig gestellt und sich nichts vorzuwerfen habe: "Ich würde wieder so handeln."

In den 25 000 Seiten, die das Anklagedossier umfasst, geht es um 21 mutmaßliche Straftaten. Nicht nur für Fehldiagnosen muss sich J. S. verantworten, sondern auch wegen Diebstahls von Rezepten, Urkundenfälschung und Veruntreuung. So soll er Patientenakten gefälscht haben und Obduktionen unerlaubt durchgeführt haben. Außerdem soll er 80 000 Euro veruntreut haben, die ihm eine Stiftung für seine Forschung überließ. Sollte er im Februar 2014 in allen Punkten schuldig gesprochen werden, drohen ihm zwölf Jahre Haft.

Schon zu Beginn des Prozesses besteht kein Zweifel daran, dass J. S. jede Menge falscher Diagnosen gestellt hat. Das sagte am Montag auch sein Anwalt Frank van Gaal. In der Angelegenheit, die "voll von finsterem Kummer und unermesslichem Leid" sei, gehe es um die Frage, ob J. S. deshalb ein Vorwurf zu machen sei. Denn dass er die Diagnosen wider besseres Wissen gestellt hat, das hat der Arzt stets abgestritten. Von der Öffentlichkeit fühlt er sich 68-Jährige deshalb schlecht behandelt. Es sei "so abscheulich", klagte er im NRC Handelsblad, dass ihn die Boulevardmedien "Horrorarzt" getauft hätten.

Kultur des Schweigens

"Der Mann hat aus dieser Affäre nichts gelernt", sagt Freddy de Haan resigniert über seinen ehemaligen Arzt. Auch bei ihm hatte Doktor J. S. Alzheimer diagnostiziert. Entsetzt kündigte der damals 53-Jährige daraufhin seinen Job und verkaufte sein Haus mit erheblichem finanziellen Verlust. Als er 2002 durch Zufall dahinterkam, dass er gar nicht an Alzheimer litt, habe er ihn "ein Jahr lang gehasst", sagte Freddy de Haan der Presseagentur ANP.

Was J. S. zu den Falschangaben verleitet haben könnte, ist völlig offen. Viele Patienten beschrieben ihn als "lieben, netten Arzt". In einem Disziplinarverfahren zur Aberkennung seiner Approbation, das am Freitag begonnen hat, sprach J. S. von einer persönlichen Krise Ende der Neunzigerjahre. "Ich war süchtig nach Medikamenten, aber ich funktionierte redlich."

Der Fall offenbart die Kultur des Schweigens im Medizinbetrieb. Denn der Prozess beginnt erst zehn Jahre nachdem J. S. erstmals negativ aufgefallen war. Schon 2003 musste er die Klinik in Enschede verlassen, weil er Rezepte gestohlen hatte. Kurz danach war bereits von Fehldiagnosen die Rede, Hunderte Patienten meldeten sich. Doch erst 2009 wurde der öffentliche Druck so groß, dass Klinik und Staatsanwaltschaft Untersuchungen begannen.

Einfach in Deutschland weiterbehandelt

Die Gesundheitsbehörde zwang J. S., sich aus dem Ärzteregister streichen zu lassen. In Deutschland aber setzte der Neurologe sein Tun einfach fort. Eine von seinen deutschen Patientinnen wurde offenbar infolge einer grundlosen Rückenmarkspunktion gelähmt; sie starb kurze Zeit später. Im Januar 2013 machten ihn schließlich zwei niederländische Journalisten in Heilbronn ausfindig und setzten so seiner speziellen Form ärztlichen Handelns ein Ende.

Ähnliche Grenzüberschreitungen sollen künftig nicht mehr möglich sein. Für eine europaweite "schwarze Liste" mit Ärzten, gegen die Untersuchungen laufen, setzt sich die niederländische Gesundheitsministerin Edith Schippers sein. J. S. hingegen rechtfertigt seinen Umzug nach Deutschland: Er sei doch nicht verurteilt gewesen, betonte er jetzt. Und: "Ich sah meine Qualitäten."

http://www.sueddeutsche.de/panorama/prozess-gegen-niederlaendischen-skandalarzt-doktor-schock-1.1810493

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