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Zwei Jahre danach - DER SPIEGEL vom 10.05.1947

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Zwei Jahre danach - DER SPIEGEL vom 10.05.1947

Beitrag  Andy am Fr Mai 12, 2017 10:19 am




Am 8. Mai 1945 kapitulierte die westdeutsche Armee. Am 8. Mai 1947 erließ der Befehlshaber der US-Streitkräfte in Deutschland, General Clay, eine Botschaft: "Der Friede muß erst noch gewonnen werden." Einen Tag vorher erklärte Clay, der Gedanke, Frankfurt zur Regierungszentrale der beiden Westzonen zu machen, werde erwogen, und ein Anschluß der französischen Zone sei durchaus möglich.
Bisher gibt es noch keine Körperschaft, die für beide Zonen eine verbindliche, Anordnung treffen könnte. Das Ernährungsamt in Stuttgart braucht solche Befugnisse am dringendsten. General Clay äußerte, seiner Meinung nach habe es hinreichende Befugnisse. Der deutsche Leiter Dr. Hermann Robert Dietrich ist nicht dieser Ansicht.
Ihm war von den Kommunisten der Vorwurf gemacht worden, von 169 Fachreferenten seien 160 alte Nazis. Er erkundigte sich und erhielt den Rat, zu schweigen. Die Quote war übertrieben, aber sie betrug immerhin 50 Prozent.
Die Ernährung, zumindest der britischen Zone, bewegt sich wieder und noch immer in einem "Engpaß". Das heißt, es gibt nichts zu essen. In Hamburg nicht, an der Ruhr nicht, in Braunschweig nicht, in - -
Die Vorwürfe gegen die deutschen Behörden sind seltener geworden, seit Schlange-Schöningen in Anwesenheit General Bishops vor dem Zonenbeirat festgestellt hat, daß Kartoffeln und Getreide von den Bauern "überraschend gut" abgeliefert worden seien. Und daß die Importe der Militär-Regierung zwischen 30 und 50 Prozent hinter den Ankündigungen zurückgeblieben sind.
In Hamburg wies Adolf Kummernus darauf hin, daß die Gewerkschaften von der Militär-Regierung schon seit langem vergeblich Beteiligung an der Nahrungsmittelerfassung und -verteilung gefordert haben.
In Braunschweig traten sämtliche Ratsherren aus Protest gegen die Ernährung in den Streik. Ihr Zorn galt in erster Linie den "Schlemmern vom Lande". Ein Sprecher verlangte Freigabe von Holz, damit man rechtzeitig genug Särge herstellen könne.
Der britische Kontrollbeamte für den Holzeinschlag in der britischen Zone dagegen war auf einer gleichzeitigen Zusammenkunft der britischen Holzhändler in London seht erfreut, feststellen zu können, daß Deutschland weit mehr Holz exportieren könne als bisher. Man sprach von deutschen Krokodilstränen und beschloß, sie zu mißachten.
Die vor zwei Jahren befreit wurden, die Zwangsverschleppten, dazu geflüchtete Juden aus dem Osten, protestierten am Befreiungstag dagegen, daß sie noch immer in Lagern leben müssen. "Wo bleibt das Weltgewissen?" fragte eine Inschrift auf einer Kundgebung in Mittenwald.
In Bremen traten Arbeiter in den Streik, nicht aus Protest gegen den Hunger, sondern weil zwei Judenmörder des Jahres 1938 mit sechs bzw. acht Jahren Zuchthaus davonkamen. Sie hatten "auf Befehl" gehandelt. "Ich wollte ein guter SA-Mann sein", sagte der eine der beiden Brüder, ein Bäckermeister.
Unter der Vielzahl der Nürnberger Schatten aus dem Dutzendreich fiel ein Angeklagter im Aerzteprozeß auf: Prof. Dr. Weltz. Mit der Ueberlegenheit des weltmännischen Gelehrten - er benötigt keinen Kopfhörer - beherrschte er den Gerichtssaal.
Wie zufällig brachte er seine eigenen Kälteexperimente mit dem Todestransport zusammen, den die Polen im letzten Winter veranstaltet hatten. Aber er tat dies nicht etwa, um Parallelen zu ziehen, sondern lediglich um zu beweisen, daß "Unterkühlungen" leicht behoben werden könnten: Beispielsweise "durch einen Eimer Wasser aus dem Lokomotivkessel."
Einmal aber nahm Dr. Weltz die Brille ab: Anklänger Hardy, der "Boxer", legte ihm ein Dokument vor, das Dr. Weltz der Höhenversuche an lebenden Menschen überführte. "So sieht die Sache allerdings ganz anders aus", sagte der Professor, und lehnte sich langsam zurück. Menschenversuche mit tödlichem Ausgang hatte er immer beharrlich geleugnet.


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