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Der rechte Fleck

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Der rechte Fleck

Beitrag  Andy am Di Apr 10, 2012 9:06 pm

In Anklam, Vorpommern, gehören die Neonazis längst dazu. Das kann an der sozialen Misere der Stadt liegen. Oder wie der Bürgermeister sagt: an fehlender Eigenverantwortung.



Eine junge Frau klingelt an der Bürotür von Rechtsanwalt Michael Andrejewski. Sie ist Anfang 30, trägt kurze blonde Haare, die Beine stecken in engen Jeans. Es ist Montag, Hartz-IV-Sprechstunde bei Andrejewski. Die Frau hat ein Problem: Sie soll ihre Wohnung verlassen, die nach einer Mieterhöhung für sie als Hartz-IV-Empfängerin zu teuer ist, aber das will sie nicht. Deshalb sucht sie hier Hilfe. Aber Andrejewski ist nicht nur Anwalt, er ist auch NPD-Politiker.

Seine Dienste bietet er in einem grauen Plattenbau an, gerade mal 500 Meter vom Rathaus von Anklam, Landkreis Vorpommern, entfernt. Das Gebäude gehört seinem Wahlkreishelfer, der führendes Mitglied einer rechtsextremen Kameradschaft ist. Draußen legen zwei Bauarbeiter gerade einen neuen Gehweg. Drinnen haben sie schon alles renoviert. Hier soll bald eine "nationale Bibliothek" entstehen.

Nach einer halben Stunde kommt die junge Frau heraus, geht an den Bauarbeitern vorbei in Richtung Zentrum.

Sie lässt sich auf ein Gespräch ein, ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Wieso hat sie bei dem NPD-Mann und nicht woanders Hilfe gesucht?

"Wohin hätte ich denn gehen sollen?", fragt sie.

In Anklam bieten auch die Linkspartei und ein Sozialverein Hartz-IV-Beratung an. Davon weiß sie nichts. Andrejewski habe schon ein paar Freunden von ihr mit Hartz-IV-Problemen geholfen, sagt sie. "Dann habe ich seine Anzeige im Boten gesehen und mich daran erinnert." Sie meint den Anklamer Boten.

Andrejewski gibt das Blatt heraus, es erscheint auch auf Usedom, in Stralsund, im Kreis Uecker-Randow, in Lassan und Greifswald und hat insgesamt eine Auflage von mehr als 100 000. "Unabhängiges Mitteilungsblatt" steht in der Unterzeile, die Partei wird nicht erwähnt. Dafür wird für Andrejewskis Hartz-IV-Beratung geworben: Er "war selbst Hartz-IV-Empfänger. Theoretisches Gelaber ohne Ahnung vom wirklichen Leben ist also nicht zu befürchten." Alle drei Monate stecken Andrejewski und seine Helfer das Blatt in jeden Anklamer Briefkasten.

Hat sie keine Bedenken, sich von der NPD beraten zu lassen? "Wieso sollte ich?", fragt sie und zieht die Augenbrauen nach oben. "Für mich ist es eine ganz normale Partei." Dann läuft sie weiter zum Anklamer Arbeitsamt, um die von Michael Andrejewski formulierte Beschwerde einzureichen.

Ein paar Stunden später sitzt der – schlaksig, groß, graue Haare – in einem Café im meistbesuchten Einkaufszentrum der Stadt, ganz aufrecht, die Beine aneinandergepresst. Ins Büro dürfen keine Journalisten. Das will sein Wahlkreishelfer nicht, der Hauseigentümer. Andrejewski erklärt, Anklam sei für ihn und seine Leute ein Paradies – eine Anti-NPD-Bewegung mache hier keinen Sinn. "Wir gehören für die Leute dazu." Er sagt das so emotionslos wie ein Nachrichtensprecher. Zwischen jedem Satz macht er kurze Pausen, seine schmalen Lippen bilden dann einen geraden Strich.

In Anklam wählen besonders viele Menschen rechts

Michael Andrejewski, Anfang 50, kommt aus dem Schwarzwald, ging später nach Hamburg, wo er auch in einer rechtsextremen Liste aktiv war. "Aber im Westen wird man als rechter Politiker ständig angepöbelt", erklärt er jetzt in dem Café. "Und man kann nichts erreichen." Er hat Großes vor. Sein Ziel: ein Staat im Staat, in dem "anti-internationale Politik" gemacht wird. "Keine EU, kein Multi-Kulti, keine Zuwanderung", zählt Andrejewski auf.

Deshalb ist er hier. In Anklam will er diesen Staat aufbauen. Im Jahr 2003 sah er sich die Wahlergebnisse in ganz Deutschland an und erkannte, dass in Anklam und Umgebung besonders viele Menschen rechts gewählt hatten. Ein paar Wochen später mietete er sich eine Wohnung in der Stadt. Er sagt: "Wieso sollte ich versuchen, die Mauer einzureißen, wo sie am stärksten ist, wenn ich es auch dort tun kann, wo sie schon bröckelt?" Seit 2004 sitzt Andrejewski im Anklamer Stadtrat. Er bekam auf Anhieb acht Prozent der Stimmen. Im selben Jahr zog er in den Kreistag, seit 2006 ist er im Schweriner Landtag.

Mittlerweile gilt Anklam als die Stadt Deutschlands, in der Rechtsextreme die meisten Immobilien besitzen. Das schreibt Sozialwissenschaftler Dierck Borstel in seinem Buch "Bunt gehört zu braun dazu", eine sozialwissenschaftliche Studie zum Rechtsextremismus am Beispiel von Ostvorpommern. Mitgliedern der rechten Szene gehört neben dem Plattenbau, in dem das NPD-Büro ist, auch das Gelände einer früheren Möbelfabrik und ein CD- und Modeladen. Nur 2007, als die Neonazis die Möbelfabrik kauften, gab es ein wenig Protest gegen die Immobilienkäufe der Rechten. Die übrigen Parteien entwarfen ein Plakat, auf dem stand: "Die NPD ist keine NORMALE Partei". Doch ein CDU-Politiker weigerte sich, es in seinem Laden aufzuhängen. Der Lokalzeitung erklärte er, er habe Angst vor Racheakten der Rechten. Daraufhin hängte kein anderer Ladenbesitzer das Plakat auf.

In der früheren Großbäckerei finden jetzt regelmäßig Konzerte statt. In dem grauen Plattenbau des Kameradschaftlers ist nicht nur das NPD-Parteibüro untergebracht, sondern auch ein rechtsextremer Verlag. Und bald soll dort die "Volksbibliothek" eröffnen, mit "Büchern über Geschichte und Kultur, die unserer Ideologie entsprechen", wie Andrejewski erklärt. Außerdem sollen Lesungen und Vorträge stattfinden, wenn das Gebäude fertig ist, wahrscheinlich im Sommer.

Im Stadtrat arbeitet er mit den Politikern zusammen. Vor zwei Jahren wurde sein Antrag, dass Anklam Kreisstadt bleiben soll, einstimmig verabschiedet. In den Sitzungspausen sitzt er inzwischen manchmal im Restaurant bei der CDU am Tisch. Im Café des Einkaufszentrums sagt er über die anderen Politiker, diese "Demokratietypen sind doch nicht ernst zu nehmen".

Im Sommer, kurz vor Schulanfang, verteilt er NPD-Tüten mit Heften, Stiften und einem Malkasten, im vergangenen Jahr sollen es rund 70 Stück gewesen sein. Auf einem Video von der Verteilaktion, das auf Youtube zu sehen ist, sagt eine junge Frau, "endlich tut mal jemand was für unsere Kinder".

Die Neonazis gehören in Anklam dazu, so scheint es. Wie konnte das passieren?

Eine Erklärung: Die Perspektivlosigkeit der Gegend. Mehr als 20 000 Menschen lebten zur Wiedervereinigung in Anklam. Sie waren voller Erwartungen, dachten, ihre Stadt würde wachsen. Aber dann verschwand ein Betrieb nach dem anderen, die Möbelfabrik, die Zuckerfabrik, die landwirtschaftlichen Betriebe. Knapp 14 000 Menschen leben heute in der Stadt. Anklam ist mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent seit Jahren deutscher Spitzenreiter. In der Südstadt, dem Problemviertel, erhält jeder vierte Bewohner Hartz IV.

Doch ist das der Grund dafür, dass die Menschen die NPD wählen?

Bürgermeister Michael Galander hat eine andere Erklärung. "Es mangelt den Menschen an Eigenverantwortung", sagt er. Von seinem Schreibtisch aus blickt er auf ein Plakat mit der Aufschrift "Kein Ort für Neonazis". Den Kampf gegen Rechtsextremismus hat er zur Chefsache erklärt. Das meint er wörtlich: Alle Anträge und Vorhaben der NPD oder von Rechtsextremen müssen die Verwaltungsangestellten ihm vorlegen. "Die haben die Rechten einfach wie jeden anderen Bürger behandelt", sagt Galander. "Ich versuche jetzt alles, was von denen kommt, zu verhindern."

Auch Galander ist aus dem Westen. Kurz nach der Wende kam er aus dem Emsland nach Anklam. Mit 24 wurde er in der Stadt Bauunternehmer, mit 32 Bürgermeister. Galander ist Mitglied der Wählergruppe "Initiativen für Anklam" (IfA). Bei der Kommunalwahl 2004 wurde sie sofort zweitstärkste Fraktion. Es ist ein Zusammenschluss von Bauunternehmern, Ingenieuren, Gärtnern und Gastronomen. Die Idee zur Gründung der IfA entstand bei einem Frühstück des Unternehmerverbands der Stadt, vor elf Jahren. Kurz davor war wieder mal ein Investor abgesprungen, weil die Stadtvertreter nicht schnell genug entschieden, erzählt Galander. "Wir beschlossen: Das muss einer von uns anpacken." Er erklärte sich bereit.

Die IfA hat mittlerweile 61 Mitglieder. Zum Vergleich: Die SPD hat 15 Mitglieder, die Linke 35, die FDP 3, die Grünen gibt es gar nicht. Nur die CDU, die vor der IfA den Bürgermeister stellte, hat auch über 50 Mitglieder.

Der 42-Jährige mit dem kugelrunden Bauch ist Andrejewskis größter Gegenspieler in Anklam. Bei einem Neonazi-Aufmarsch im Herbst 2010 – der stattfand, weil Galander ein NPD-Kinderfest verboten hatte – stellte er sich als Einziger den 300 Rechten gegenüber. Kein Landtagsabgeordneter war da, kein Stadtvertreter und kein Bürger.

Für Neonazis ist Anklam ein Paradies

Und dennoch: Galander ist ein Teil des Problems von Anklam. Denn Demokratie findet er nicht so richtig gut, sagt er und: "Ich tendiere zur Demokratur." Kurz nach seiner Wahl warfen ihm ein paar Rathausangestellte in einem öffentlichen Schreiben vor, er sei korrupt und betrügerisch, verbreite Angst und Misstrauen im Haus. Tatsächlich klagte die Staatsanwaltschaft ihn zwei Jahre später wegen Subventionsbetrugs und Korruption an. Er soll öffentliche Bauaufträge an Bekannte vergeben haben. Doch im Januar 2010 urteilte das Landgericht, der Bürgermeister habe vielleicht selbstherrlich gehandelt, aber nicht strafbar. Galander kehrte ins Rathaus zurück.

Ein paar Monate später mietete die IfA für den Wahlkampf ein Segelflugzeug und ließ es mit einem IfA-Banner über der Stadt fliegen, verloste Einkaufsgutscheine, lud die Vereine zu Schiffsfahrten ein. Allein in der längsten Straße der Stadt hingen mehr als 30 seiner Wahlplakate. Zwei von drei Anklamern wählten ihn schließlich zum zweiten Mal zum Bürgermeister. Die Vorwürfe waren vergessen.

Eine andere Erklärung dafür, wieso die Rechten Anklam ein Paradies nennen, hat auch Günther Hoffmann: "Die Leute sind keine Nazis. Aber Duckmäuser." Die Anklamer seien immer noch von der DDR-Diktatur geprägt, würden sich nicht für die Gesellschaft verantwortlich fühlen und das Gefühl haben, nichts erreichen zu können. "Und das Problem ist auch: So gut wie in jeder Familie ist mittlerweile ein Rechtsextremer. Da traut sich keiner, was zu sagen."

Hoffmann ist einer der wenigen Bürger, die sich aktiv gegen Rechts engagieren. Seit Jahren recherchiert er akribisch, was NPD und Kameradschaften planen, und informiert Politiker und Lehrer. Gerade hat er herausgefunden, dass eine neue rechtsextreme Gruppe aufgetaucht ist und Flugblätter im Ort verteilt. Auch er ist in Westdeutschland, in Bayern, groß geworden. Er nennt sich selbst einen "68er". Immer noch trägt er die graubraunen Haare halb lang und dreht sich die Zigaretten selbst, sein Schnurrbart ist vom Tabak gelb verfärbt.

Als er seine Tochter vor 15 Jahren einschulte, trugen die meisten Kinder und Jugendliche auf dem Schulhof Bomberjacken, Springerstiefel und abrasierte Haare. Wenig später lud ihn der Nachbar zu einem kameradschaftlichen Sonnwendfeuer ein, und er und seine Frau fanden sich zwischen grölenden und betrunkenen Glatzköpfigen wieder.

Darüber nachgedacht, die Gegend wieder zu verlassen, hat er nie. Er meldete seine Tochter in einer Waldorfschule an und begann, sich zu engagieren. Er sagt, "die Existenz der rechten Gruppen empfinde ich als Angriff auf mich, gegen den ich mich wehren muss". Er sagt: "Ich sehe das als Herausforderung."

Günther Hoffmann sitzt im Büro des Vereins Demokratisches Vorpommern im Zentrum von Anklam, dessen Mitglied er ist. Seit ein paar Jahren lädt der Verein zu Informationsveranstaltungen über Demokratie, verteilt Material der Bundesanstalt für politische Bildung und organisiert jeden Sommer die Jungbürgerversammlung, bei der Jugendliche Fragen an den Bürgermeister stellen können. Im vergangenen Jahr kamen 15.

Die Anklamer selbst reden nicht gern mit Fremden, eher beäugen sie die misstrauisch. Als eine junge Frau mit Piercing und Rucksack an einer Gruppe von Jungs vorbeigeht, zischt einer, "Zeckenwanderung, oder was?" Zecken werden in der rechten Szene alternative Jugendliche genannt.

Eine Frau hält im Einkaufszentrum dann doch an. Sie sagt: "Demokratie? Keine Ahnung, was das ist."

Nicht weit vom Rathaus entfernt kommen am frühen Nachmittag zwei vielleicht 15-jährige Mädchen ins New Dawn, den Musik- und Klamottenladen der rechten Szene. Sie nicken der Frau hinterm Tresen zu und gehen zu einer Kleiderstange mit T-Shirts und Pullovern. "Was hältst du davon?", fragt eine und hält sich ein schwarzes Shirt mit der Aufschrift "White Power" vor den Oberkörper. Es ist ein Schlüsselbegriff der Neonaziszene. Die andere antwortet: "Nee, ist zu weit geschnitten."

Quelle

Wem wundert das, wenn genau wie hier in Braunschweig gerade von der Linken, schlimmeres zu erwarten ist.
Hilfe bekommt man da nicht,höchsten die eigene Prügeltruppe wie wir ja bei Luzi gesehen haben.
Das sich dann Betroffene an die NPD wenden, ist doch wohl sonnenklar.
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