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Ludwig Wittgenstein

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Ludwig Wittgenstein

Beitrag  Andy am So Aug 30, 2015 12:18 am

Ludwig Josef Johann Wittgenstein (* 26. April 1889 in Wien; † 29. April 1951 in Cambridge) war ein österreichisch-britischer Philosoph.



Er lieferte bedeutende Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Seine beiden Hauptwerke Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus logico-philosophicus 1921) und Philosophische Untersuchungen (1953, postum) wurden zu wichtigen Bezugspunkten zweier philosophischer Schulen, des Logischen Positivismus und der Analytischen Sprachphilosophie.

Leben und Werk

Wittgenstein entstammt der österreichischen, früh assimilierten jüdischen Industriellenfamilie Wittgenstein, deren Wurzeln in der deutschen Kleinstadt Laasphe im Wittgensteiner Land liegen. Er war das jüngste von acht Kindern des Großindustriellen Karl Wittgenstein und seiner Ehefrau Leopoldine, die aus einer Prager jüdischen Familie stammte (geb. Kalmus). Karl Wittgenstein gehörte zu den erfolgreichsten Stahl-Industriellen der späten Donaumonarchie, und das Ehepaar Wittgenstein wurde zu einer der reichsten Familien der Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende. Der Vater war ein Förderer zeitgenössischer Künstler, die Mutter eine begabte Pianistin. Im Palais Wittgenstein verkehrten musikalische Größen wie Clara Schumann, Gustav Mahler, Johannes Brahms und Richard Strauss.

Wittgenstein wurde katholisch erzogen. Er selbst wie auch seine Geschwister zeichneten sich durch außerordentliche musische und intellektuelle Fähigkeiten aus. Ludwig Wittgenstein spielte Klarinette. Sein Bruder Paul verlor im Ersten Weltkrieg den rechten Arm und machte dennoch als Pianist Karriere. Diesen Talenten stand eine problematische psychische Konstitution gegenüber: Drei seiner sieben Geschwister begingen Selbstmord (Hans, Rudolf, Kurt). Auch Wittgenstein zeigte, insbesondere nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, depressive Züge. Im Kontakt zu anderen soll er teils autoritär und rechthaberisch, teils auch übersensibel und unsicher gewirkt haben.

Ein entfernter Großcousin von Wittgenstein war der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich August von Hayek.

Wittgensteins intellektuelle Erziehung begann mit häuslichem Privatunterricht in Wien. Ab 1903 bis 1906 besuchte er die K. k. Staats-Realschule in Linz. Adolf Hitler hat die Schule davor von 1900 bis 1902 besucht. Am 28. Oktober 1906 immatrikulierte Wittgenstein sich an der Technischen Hochschule Charlottenburg. Ursprünglich hatte er bei Ludwig Boltzmann in Wien studieren wollen. Für Berlin entschied sich Wittgenstein, weil sein Realschulzeugnis ihm die Einschreibung an der Universität erst nach einem weiteren Studium erlaubte. Dort beschäftigte sich Wittgenstein, so seine Schwester Hermine in ihren Familienerinnerungen, „viel mit flugtechnischen Fragen und Versuchen. [Und weiter:] Zu dieser Zeit oder etwas später ergriff ihn plötzlich die Philosophie, d.h. das Nachdenken über philosophische Probleme, so stark und so völlig gegen seinen Willen, dass er schwer unter der doppelten und widerstreitenden inneren Berufung litt und sich wie zerspalten vorkam.“

Nach dem Abschlussdiplom als Ingenieur 1908 ging Wittgenstein nach Manchester, wo er an der Universitätsabteilung für Ingenieurwissenschaften versuchte, einen Flugmotor zu bauen. Diesen Plan gab er jedoch bald auf. Danach arbeitete er an „Verbesserungsvorschlägen für Flugzeugpropeller“, einem Projekt, für das er am 17. August 1911 ein Patent erhielt. Schließlich dominierte die Philosophie: Nicht zuletzt auf Anregung Gottlob Freges, den er 1911 in Jena besuchte, nahm Wittgenstein ein Studium in Cambridge am Trinity College auf, wo er sich intensiv mit den Schriften Bertrand Russells beschäftigte, insbesondere mit den Principia Mathematica. Sein Ziel war es, wie bei Gottlob Frege die mathematischen Axiome aus logischen Prinzipien abzuleiten. Russell zeigte sich nach den ersten Begegnungen nicht beeindruckt von Wittgenstein: „Nach der Vorlesung kam ein hitziger Deutscher, um mit mir zu streiten […] Eigentlich ist es reine Zeitverschwendung, mit ihm zu reden.“ (16. November 1911.) Doch nach nicht einmal zwei Wochen sollte sich Russells Meinung ändern: „Ich fange an, ihn zu mögen; er kennt sich aus in der Literatur, ist sehr musikalisch, angenehm im Umgang (ein Österreicher), und ich glaube, wirklich intelligent.[1]“ Schon bald hielt Russell Wittgenstein für höchst talentiert, und Russell war schließlich der Meinung, Wittgenstein sei geeigneter als er, sein logisch-philosophisches Werk fortzuführen. Russell urteilte über ihn

   „[Wittgenstein was]... one of the most exciting intellectual adventures [of my life]. ... [He had] fire and penetration and intellectual purity to a quite extraordinary degree. ... [He] soon knew all that I had to teach.
   His disposition is that of an artist, intuitive and moody. He says[,] every morning he begins his work with hope, and every evening he ends in despair.“

   „[Wittgenstein war] ... eines der erregendsten intellektuellen Abenteuer [meines Lebens]. ...[Er hatte] Feuer und Eindringlichkeit und eine intellektuelle Reinheit in einem ganz außerordentlichen Ausmaß. ... Nach kurzer Zeit wusste [er] alles, was ich beizubringen hatte.
   Seine Verfassung ist die eines Künstlers, intuitiv und stimmungshaft. Er sagt von sich, dass er jeden Morgen voller Hoffnung beginne, aber jeden Abend in Verzweiflung ende.“

– Bertrand Russell[2]


Unter anderem mit Russells Unterstützung wurde Wittgenstein im November 1911 in die elitäre Geheimgesellschaft Cambridge Apostles gewählt. In David Pinsent fand er dort seinen ersten Geliebten.[3] Sie erwarben gemeinsam ein Holzhaus in Skjolden in Norwegen, wo Wittgenstein 1913 für einige Monate an einem System der Logik arbeitete. Dass Wittgenstein homosexuell war, hatte zuerst sein Biograph William Warren Bartley 1973 auf Grund von Aussagen anonymer Freunde Wittgensteins und zweier in Geheimschrift verfasster Tagebücher öffentlich gemacht.[4]

Ab 1912 begann Wittgenstein mit Arbeiten an seinem ersten philosophischen Werk, der Logisch-philosophischen Abhandlung, die er bis 1917 in einem Tagebuch als Notizen festhielt. Auch während seiner Zeit als österreichischer Freiwilliger im Ersten Weltkrieg beschäftigte er sich weiter damit, bis er das Werk schließlich im Sommer 1918 vollendete.[5] Es erschien jedoch erst 1921 in einer fehlerhaften Version in der Zeitschrift Annalen der Naturphilosophie. 1922 wurde schließlich eine zweisprachige Ausgabe unter dem heute bekannten Titel der englischen Übersetzung veröffentlicht: Tractatus Logico-Philosophicus. Abgesehen von zwei kleineren philosophischen Aufsätzen und einem Wörterbuch für Volksschulen blieb die Logisch-philosophische Abhandlung das einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Werk Wittgensteins.

Im Rahmen seiner Kontakte zu der von Ludwig von Ficker herausgegebenen Kulturzeitschrift Der Brenner und dem Innsbrucker „Brenner-Kreis“ lernte Wittgenstein Werke des Dichters Georg Trakl kennen. Im Juli 1914 beschloss Wittgenstein, sein beachtliches Erbe für wohltätige Zwecke zu verwenden. Gefördert wurde unter anderem Trakl mit einer einmaligen Summe von 100.000 Kronen, was damals etwa vier Jahresgehältern eines mittleren Beamten entsprach. Auch war Wittgenstein indirekt in das Geschehen um den Tod Georg Trakls involviert. Auf Bitten Trakls, der sich nach einem Selbstmordversuch in einem Krakauer Garnisonsspital befand, reiste Wittgenstein am 5. November 1914 nach Krakau, um Trakl zu besuchen. Trakl war jedoch zwei Tage vor Wittgensteins Eintreffen in Krakau gestorben.[6]

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Wittgenstein als österreichischer Soldat an der Ostfront in Galizien. Durch die guten familiären Kontakte nach England - insbesondere zu Bertrand Russell - war Wittgenstein durch den Vatikan, Freunde im neutralen Norwegen, der Schweiz usw. in der Lage, auch mit den Freunden auf der „anderen Seite“ im Briefkontakt zu bleiben. Bei Kriegsende wurde er bei Asiago von den Italienern gefangengenommen und in das Offiziersgefängnis in Monte Cassino gebracht. Sein englischer Freund John Maynard Keynes konnte sich als Mitglied der Friedenskonferenz in Paris für seine Freilassung einsetzen. Auch mit seinem Vetter, dem späteren Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, mit dem er in Österreich und England in Kontakt stand, blieb er in Verbindung. Nach der Lektüre der Kurzen Darlegung des Evangeliums von Leo Tolstoi äußerte er gegenüber dem Freund Franz Parak den Wunsch, in Zukunft Kinder das Evangelium zu lehren. Durch die Schrecken des Krieges wurde er vom Logiker zum Mystiker im Sinne der „negativen Theologie“. So reifte in ihm der Plan, Volksschullehrer zu werden.
Frühwerk

Mit der Logisch-philosophischen Abhandlung (Tractatus) vollzog Wittgenstein den linguistic turn (sprachkritische Wende) in der Philosophie. In der Variante Wittgensteins bedeutet dies unter anderem: Philosophische Probleme kann nur verstehen oder auflösen, wer begreift, durch welche Fehlanwendung von Sprache sie überhaupt erst erzeugt werden. Ziel philosophischer Analysen ist die Unterscheidung von sinnvollen und unsinnigen Sätzen durch eine Klärung der Funktionsweise von Sprache: „Alle Philosophie ist ‚Sprachkritik‘.[7]“ Die Hauptgedanken des Tractatus erwuchsen aus der Auseinandersetzung – und in gegenseitiger Befruchtung – mit Bertrand Russell und werden meist der Philosophie des Logischen Atomismus zugerechnet.

Der Kern von Wittgensteins früher Philosophie ist die Abbildtheorie der Sprache.[8] Danach zerfällt die Wirklichkeit in „Dinge“ (Sachen, die sich zueinander verhalten). Jedes „Ding“ hat einen „Namen“ in der Sprache. Bedeutung erhalten diese Namen erst durch ihr Zusammenstehen im Satz.[9] Sätze zerfallen – wie die Wirklichkeit in Dinge – in deren Namen. Wenn die Anordnung von Namen im Zeichen eines Satzes die gleiche Struktur aufweist wie die Anordnung der von den Namen vertretenen Gegenständen in der Wirklichkeit, also denselben „Sachverhalt“ darstellt, wird ein Satz dadurch wahr. Bilden die Dinge in Wirklichkeit einen anderen Sachverhalt als ihre Namen im Satzzeichen, wird ein Satz dadurch falsch.

„Sinnlos“ sind dagegen Sätze, die unabhängig von Sachverhalten in der Wirklichkeit wahr oder falsch sind, also zum Beispiel Tautologien und Kontradiktionen.[10] Wogegen Sätze „unsinnig“ genannt werden, deren Zeichen überhaupt keine Dingverbindungen in der Wirklichkeit darstellt wie: „Der Satz, den ich hiermit ausspreche, ist falsch“. Dieser Satz bezieht sich nicht auf eine mögliche Dingverbindung oder Wirklichkeit, sondern auf sich selbst, was laut Wittgenstein „Unsinn“ ergibt. Das gilt ebenso für Sätze, die vorgeben, etwas zu sagen, was über die reine Anordnung von Dingen in der Welt hinausgeht, indem sie sich zum Beispiel etwas ausbitten oder das von ihnen Vorgestellte „gut“ oder „schlecht“ nennen; denn solcher Wert, den die im Satzzeichen vorgestellte Wirklichkeit haben soll, erhellt nie nur aus ihrer Struktur und kann folglich auch nichts sein, was in einer Konstellation von Namen erscheint. Ein Wert lässt sich daher nach Wittgenstein (Tractatus 7) nicht aussprechen, höchstens „erschweigen“ (könnte daher vielleicht in durch bestimmte Haltungen informierten Reaktionen oder Taten, nie aber in ihn beschreibenden Sätzen erscheinen).

Sich selbst beschreibt die Logisch-philosophische Abhandlung gen Schluss:[11] „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.“ Sein Vorwort (Wien, 1918) schließt mit den Worten: „Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv. Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht der Wert dieser Arbeit zweitens darin, daß sie zeigt, wie wenig damit getan ist, daß die Probleme gelöst sind.“

Einen Sinn spricht Wittgensteins Philosophie sich damit selber ab, da von ihr kein „Ding“-Zusammenhang, nichts „Wirkliches“, umrissen wird; vielmehr beinhaltet die gesamte Struktur der Logisch-philosophischen Abhandlung den „logischen Raum“ schlechthin – als „unsinnige“ Form oder Möglichkeit jedweder Wirklichkeit oder überhaupt denkbaren Sinnes. Wittgenstein legt nahe, dass das, was Sinn ermöglicht, nicht selbst sinnvoll sein kann. Später veranschaulicht Wittgenstein dies mit dem Bild des Urmeters, das selbst keine Länge habe verglichen mit Gegenständen, die zu Länge gelangten, indem sie so lang „wie“ das Urmeter seien.

Wittgenstein entwickelte in der Nachfolge von Gottlob Frege und vermutlich unabhängig von Charles S. Peirce im Tractatus logico-philosophicus die sogenannten Wahrheitstabellen, die heute in den meisten Lehrbüchern der Logik erwähnt werden. „Es handelt sich, ganz eigentlich um die Darstellung eines Systems“.[12] Laut Wittgenstein liegt die Logik aller Einzelerkenntnis zugrunde – und markiert zugleich deren Grenze: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.[13] In diesem Sinne gibt Wittgenstein im Vorwort der Logisch-philosophischen Abhandlung an: „Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“

Übergangszeit

Mit der Veröffentlichung der Logisch-philosophischen Abhandlung glaubte Wittgenstein, seinen Beitrag für die Philosophie geleistet zu haben und wandte sich anderen Tätigkeiten zu. Noch während der Kriegsgefangenschaft in Italien entschied er sich, vermutlich unter dem Eindruck der Lektüre von Leo Tolstoi, für den Beruf des Lehrers. Sein gewaltiges Erbe teilte er unter seinen Geschwistern auf, einen Teil spendete er im Laufe der Zeit jungen Künstlern, unter anderem Adolf Loos, Georg Trakl und Rainer Maria Rilke.

Zunächst besuchte Wittgenstein 1919/1920 die Lehrerbildungsanstalt in Wien. Danach wurde er für einige Jahre Volksschullehrer „in einem der kleinsten Dörfer, es heißt Trattenbach und liegt etwa eine Stunde südlich von Wien im Gebirge[14]“, war jedoch in pädagogischer Hinsicht unzufrieden. Nach zwei Jahren wechselte er in das Dorf Puchberg am Schneeberg, wo wie schon zuvor in Trattenbach immer wieder Spannungen zwischen Wittgenstein und den Eltern seiner Schüler auftraten. Binnen zweier Jahre wechselte Wittgenstein erneut die Stelle und wurde Lehrer in Otterthal, wo er auch ein – für diese Zeit fortschrittliches – Wörterbuch für Volksschulen schrieb und herausgab. Nachdem er im April 1926 einem elfjährigen Schüler auf den Kopf geschlagen hatte und dieser bewusstlos wurde, reichte Wittgenstein beim Bezirksschulinspektor ein Entlassungsgesuch ein, bevor offizielle Schritte eingeleitet werden konnten.[15] Wittgenstein arbeitete daraufhin einige Monate als Gärtnergehilfe in einem Kloster in Hütteldorf bei Wien, wo er in einem Werkzeugschuppen des Gartens wohnte, und erwog auch – nicht zum ersten Mal –, als Mönch dem Klosterorden beizutreten, wovon ihm jedoch ein Abt des Klosters abriet.[15][16]

Von 1926 bis 1928 erstellte er zusammen mit dem Architekten Paul Engelmann, einem Schüler von Adolf Loos, für seine Schwester Margarethe Stonborough-Wittgenstein ein repräsentatives Stadt-Palais in Wien (Haus Wittgenstein). Das im Stil der Moderne erbaute Palais wurde bald zu einem Mittelpunkt kulturellen Lebens in Wien und zu einem Treffpunkt des Wiener Kreises, einer Gruppe von Philosophen und Wissenschaftstheoretikern, mit denen er in Kontakt stand.

Wittgenstein war hauptsächlich für die innenarchitektonische Gestaltung des Hauses zuständig. Daneben war er bildhauerisch tätig und schuf eine Büste im Stile des Wiener Künstlers Michael Drobil. Auch bei diesen praktischen Tätigkeiten zeigte sich die selbstbezogene Arbeitsweise Wittgensteins. Sein Ziel war nicht allgemeiner gesellschaftlicher Nutzen, sondern er strebte intellektuelle und psychische Reinheit und Klarheit an. Später schrieb Wittgenstein rückblickend: „Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich mehr die/eine Arbeit an Einem selbst. An der eigenen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht (Und was man von ihnen verlangt).“

Ende der 1920er Jahre begann Wittgenstein sich wieder intensiv mit philosophischen Fragen zu beschäftigen. Dabei stand er in Kontakt zu einigen Mitgliedern des Wiener Kreises, deren Diskussionen er maßgebend beeinflusste (wenngleich in einer Weise, die Wittgenstein nicht guthieß, da er der Meinung war, dass er nicht richtig verstanden worden sei). Durch einen Vortrag des intuitionistischen Mathematikers L. E. J. Brouwer wurde er – so zumindest nach einem Bericht von Herbert Feigl – schließlich nachhaltig aufgerüttelt und wandte sich wieder der Philosophie zu. Während dieser „Übergangsphase“ vertrat Wittgenstein kurzfristig eine Auffassung, die sich als eine Form des Verifikationismus beschreiben lässt: Die Kenntnis der Bedeutung von Sätzen geht einher mit der Kenntnis der einschlägigen Verifikations- oder Beweisverfahren.
Spätwerk

1929 kehrte Wittgenstein als Philosoph nach Cambridge zurück, wo er zunächst bei Bertrand Russell und George Edward Moore in einer mündlichen Prüfung über seinen Tractatus promovierte. Nach der mündlichen Doktorprüfung soll Wittgenstein seinen Prüfern auf die Schulter geklopft haben mit den Worten: Don't worry, I know you'll never understand it. („Nehmen Sie es nicht so schwer. Ich weiß, dass Sie es wohl nie verstehen werden“).[17] Moore schrieb in seinem Bericht zur Prüfung: I myself consider that this is a work of genius; but, even if I am completely mistaken and it is nothing of the sort, it is well above the standard required for the Ph.D. degree. („Ich persönlich halte dieses Werk für das eines Genies; selbst wenn ich mich vollständig irren sollte, liegt es immer noch weit über den Anforderungen für den Doktorgrad.“)[18] Da Wittgenstein sein Erbe während des Ersten Weltkriegs an seine Geschwister verteilt hatte, war seine finanzielle Lage zunächst schlecht, sodass er auf Stipendien angewiesen war. Anfang der 1930er Jahre erhielt er einen Lehrauftrag. Ab 1936 unternahm Wittgenstein mit seinem Lebenspartner Francis Skinner[3] mehrere Reisen nach Norwegen, Wien und Russland.

1939 wurde Wittgenstein in der Nachfolge von Moore zum Philosophieprofessor in Cambridge berufen; er behielt die Professur bis 1947. Kurz nach seiner Berufung erwarb er die britische Staatsbürgerschaft. Dies war insbesondere dem Umstand geschuldet, dass nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland am 12. März 1938 Wittgenstein nun deutscher Staatsbürger war und im Sinne der Nürnberger Gesetze als Jude galt.

Während der 1930er Jahre gab Wittgenstein zahlreiche Kurse und hielt Vorlesungen. Immer wieder versuchte er, seine neuartigen Gedanken, die er unter anderem in Auseinandersetzung mit seinem Erstlingswerk entwickelte, in einem Buch zusammenzufassen und erstellte zahlreiche Manuskripte und Typoskripte. Wichtige Schritte waren The Blue Book (Typoskript eines Diktats seiner Vorlesung über die Philosophie der Mathematik), The Big Typescript (das rasch verworfene Konzept eines Buches) und The Brown Book (Typoskript einer Ausarbeitung zum Thema Sprachspiele mit einer Vielzahl von Beispielen). Weitere Manuskripte waren die Philosophischen Bemerkungen und die Philosophische Grammatik. Trotz seiner intensiven Bemühungen gelang es Wittgenstein nicht, sein Buchprojekt zu beenden. Etwa ab 1936 begann Wittgenstein mit den Philosophischen Untersuchungen, die sich bis etwa 1948 hinzogen. Dieses zweite große Werk hat er selbst weitgehend fertiggestellt, es erschien jedoch erst posthum 1953. Hierdurch gelangte er schnell zu Weltruhm. Denn dieses Werk beeinflusste die Philosophiegeschichte noch stärker als die Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus). Es gilt als eines der Hauptwerke der sprachanalytischen Philosophie. In den 1940er Jahren entstand auch das Manuskript Philosophische Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Wittgenstein nochmals praktisch tätig. Er arbeitete freiwillig als Pfleger in einem Londoner Krankenhaus, 1943 schloss er sich als Laborassistent einer medizinischen Forschungsgruppe an, die den hämorrhagischen Schock untersuchte, und entwarf Experimente und Laborgeräte. Er entwickelte Apparaturen zur kontinuierlichen Messung von Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und Atemvolumen, dabei bediente er sich auch der Erfahrungen, die er während der Entwicklung seines Flugmotors gemacht hatte.

1944 nahm er seine Vorlesungen in Cambridge wieder auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Wittgenstein seine Philosophischen Untersuchungen fort und arbeitete unter anderem an der Philosophie der Wahrnehmung und zu den Themen Gewissheit und Zweifel. Aber auch zu vielen kulturellen und wissenschaftstheoretischen Themen hat Wittgenstein Beiträge geliefert. 1939 schrieb er: „Die Menschen heute glauben, die Wissenschaftler seien da, sie zu belehren, die Dichter und Musiker etc., sie zu erfreuen. Dass diese sie etwas zu lehren haben, kommt ihnen nicht in den Sinn.“

Im Oktober 1947 beendete Wittgenstein seine Tätigkeit an der Universität, um sich ganz seiner Philosophie zu widmen. Er lebte von da an zurückgezogen und verbrachte einige Zeit in Irland. Der Schwerpunkt seiner Arbeiten lag auf der „Philosophie der Psychologie“, die Gegenstand des II. Teils der „Philosophischen Untersuchungen“ wurde. Es ist umstritten, ob die Aufnahme dieser Gedanken in die Philosophischen Untersuchungen dem Willen Wittgensteins entspricht. 1949 konnte er sein zweites Hauptwerk dann abschließen.

Wittgenstein starb 1951 an Krebs. Da Wittgenstein es ablehnte, ins Krankenhaus zu gehen, verlebte er die letzten Wochen im Hause seines Arztes, der ihn bei sich aufgenommen hatte. Als dessen Frau Wittgenstein am Tag vor seinem Tod mitteilte, seine englischen Freunde würden ihn am nächsten Tag besuchen, soll er gesagt haben: „Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe.“ Wittgensteins Grab befindet sich auf dem Ascension Parish Burial Ground-Friedhof in Cambridge.[20]
Werkinterpretationen

Wittgensteins Philosophie wurde zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. Ein Grund dafür ist neben anderen, dass er nur ein Werk zu Lebzeiten veröffentlicht hat und dass die Herausgeber der Philosophischen Untersuchungen, was den zweiten Teil betrifft, einige zweifelhafte Entscheidungen getroffen hatten.[21] Auch der schwer zu deutende, aphoristische Stil führt dazu, dass Wittgenstein von teilweise sehr unterschiedlichen philosophischen Schulen vereinnahmt werden konnte. So wurde er von den Mitgliedern des Wiener Kreises so gelesen, als stünde er den Gedanken des Logischen Positivismus nahe. In den 1960er Jahren gab es die Tendenz, in Wittgenstein einen Vertreter oder zumindest Vordenker der Philosophie der normalen Sprache zu sehen. Auch die inhaltliche Auseinandersetzung und technische Interpretation unterliegt noch stetigem Wandel. In der Tractatus-Interpretation stand lange die Frage nach der Natur der Wittgensteinschen Gegenstände im Vordergrund, in der Interpretation seiner späten Philosophie ging es lange um den Begriff der Bedeutung, dann um das Konzept der Sprachspiele und Lebensform, dann um das Problem der Privatsprache und in den 1980er Jahren, sah es, was die Rezeptionsgeschichte betrifft, ausgehend von Saul Kripkes Wittgenstein über Regeln und Privatsprache so aus, als seien Wittgensteins Gedanken zum Problem des Regelfolgens der Schlüssel zum Verständnis des Gesamtwerkes.

Seit etwa Mitte der 1990er Jahre wird die Diskussion über Wittgensteins Philosophie beherrscht von Vertretern einer sogenannten resoluten Lesart, die sich gegen eine Standardinterpretation richten. Diese Betrachtung kam mit den Arbeiten Cora Diamonds[22] zum Tractatus auf. Besonders in den USA folgten viele Philosophen Diamond und entwarfen ein teilweise radikal von der Standardinterpretation abweichendes Bild Wittgensteins. Die beiden Hauptmerkmale dieser Richtung, die manchmal als Neuer Wittgenstein[23] bezeichnet wird, sind die strikte Interpretation des Unsinn-Begriffs, der zufolge der gesamte Tractatus (außer dem sogenannten Rahmen, Vorwort und Schlussbemerkungen) im wörtlichen Sinne unsinnig ist, im Gegensatz zu der gewöhnlichen Lesart, nach der die unsinnigen metaphysischen Sätze des Tractatus dennoch tiefe Wahrheiten vermitteln. Wegen dieser strikten Interpretation bezeichnen die Verfechter sich als „resolute“ Leser.[24] Diese Richtung wurde auch „therapeutisch“ genannt, da die Sätze Wittgensteins einen therapeutischen Zweck gehabt hätten. Die zweite Klammer, die die resoluten Leser verbindet, ist die Überzeugung der grundsätzlichen Kontinuität von Wittgensteins Gedanken. Dem gegenüber behaupten die Vertreter der „Standardinterpretation“, mehr oder weniger einheitlich, einen Bruch in der philosophischen Entwicklung Wittgensteins.

Die Auseinandersetzung der beiden Lager geht teilweise über den in der Philosophie üblichen Schlagabtausch hinaus. Der von den resoluten Lesern als Galionsfigur der Standardinterpretation angesehene Peter Hacker nennt es nicht überraschend, dass die neue Interpretation wegen der heute verbreiteten postmodernen Vorliebe für das Paradoxe Anhänger findet.[25] Während James Ferguson Conant, ein Hauptvertreter der resoluten Lesart, ironisch von einem „Schisma“ spricht und entsprechend die Anhänger der neuen Lehre „Ungläubige“ nennt[26], geht Rupert Read so weit, von „Tractatus-Kriegen“ zu sprechen.[27]
Deutung der Spätphilosophie

Therapie vs. Metaphysik

Vielfältiger noch als die Ansichten zu Wittgensteins Frühwerk sind die zu seinem Spätwerk, die sich stark widersprechen. Dies liegt auch daran, dass Wittgenstein sein Werk kaum erläutert hat und bis zu seinem Tod um Formulierungen rang:

   „Nach manchen missglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, dass mir dies nie gelingen würde. Dass das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; dass meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Richtung, in ‚einer’ Richtung weiterzuzwingen[28].“

Wittgensteins meist kurze Dialoge in seinem Spätwerk gelten als stilistisch brillant. Als problematisch für das Verständnis wird angesehen, dass sein Zugang traditionslos ist; besonders der späte Wittgenstein hat in der Philosophiegeschichte keine Vorläufer und stiftet eine neue, beispiellose Art zu denken. Viele glauben daher, diese Art zu denken müsse erlernt werden wie eine fremde Sprache.

Nur wenige Philosophen haben so beißend über das Philosophieren geurteilt wie Wittgenstein in seinem späten Denken. Er hielt die „großen philosophischen Probleme“ letztlich für „Geistesstörungen“, die unter anderem entstünden, „indem man philosophiere“. Sie würden dadurch zu fixen Ideen, die einen nicht mehr loslassen – in der Regel, weil wir uns in einen unzuträglichen Sprachgebrauch verrannt haben. „Es ist eine Hauptquelle unseres Unverständnisses, daß wir den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen“ heißt es in den Philosophischen Untersuchungen, der Hauptquelle seiner späten Philosophie.

Die Ähnlichkeit der Sätze „Ich habe einen Stuhl“, „Ich habe einen Eindruck“, „Ich habe Zahnschmerzen“ verführt zur Auffassung, man „habe“ Eindrücke oder Empfindungen in gleicher Weise wie „Stühle“ (raumeinnehmende Gegenstände, deren Besitz man durch Verkauf oder Einäscherung verlieren kann) – wodurch sich das Bild aufdrängt, Wörter wie „Eindruck“, „Empfindung“ oder auch „Gedanke“, „Zahl“ müssten wie „Stuhl“ für irgendwie Raumeinnehmendes – wenn nicht Sichtbares, dann Unsichtbares – stehen: etwa für „Ideen“ oder das, was man durch „Nachschauen“ in seinem „Innersten erblicken“ könne. Wittgenstein zielt darauf ab, solche unwillkürlichen Bilder (die hier etwa einen „inneren Raum“ mit „unsichtbaren Gegenständen“ suggerieren) zu überwinden, indem er zum Beispiel ihre Entstehung ins Bewusstsein hebt. Sein Philosophieren hat, wie er sagt, mit der „Entdeckung“ (und dadurch Entschärfung) „schlichten Unsinns“ zu tun, infolgedessen sich der Verstand „Beulen" – „beim Anrennen an die Grenzen der Sprache" – geholt habe.

Bis zu diesem Punkt sind sich die Interpreten einig, neigen dann aber dazu, die Schlussfolgerungen, die Wittgenstein zieht, unterschiedlich zu deuten. Seine „Philosophie“, sagt er, lasse „alles, wie es ist" – stelle „alles bloß hin“ und folgere nicht. „Da alles offen“ liege, sei folglich „nichts zu erklären.“

„Wollte man Thesen in der Philosophie aufstellen, es könnte nie über sie zur Diskussion kommen, weil Alle mit ihnen einverstanden wären.“ Darüber, wie dies Diktum zu verstehen sei, bilden die Interpreten zwei Schulen. Die eine betont, Wittgenstein liege keineswegs daran, uns bislang verborgene Zusammenhänge der Welt zu „erklären“; er wolle ausschließlich Übel oder Schwindel auslösende Fixierungen oder Paradoxa des Denkens lösen. Im Folgenden wird diese Lesart die entzaubernde oder therapeutische Auffassung [29] genannt. Eine andere Schule findet dagegen, Wittgenstein habe zwar nichts Welterklärendes, aber durchaus Bestimmtes im Hinblick etwa auf die Grenzen von Sinn beobachtet. Entscheidend sei dazu seine neue Art der Aufklärung und Begründung: die „Grammatik“beschreibung. Wobei Wittgenstein unter „Grammatik“ etwas über Normen der Wortverwendung Hinausgehendes verstehe, das man mit „Gepflogenheiten“, „Lebensform“ (oder „Programm“) übersetzen könne. Er nenne es „Grammatik“, insofern es sich dabei um etwas Geregeltes, etwas Lernbares handle, auf das Anwender „abgerichtet“ werden könnten. Hinter diese Grammatik lasse sich nach Wittgenstein nicht zurückgehen; sie sei absolut. Diese Auffassung, die beim späten Wittgenstein hauptsächlich Grammatik-Beschreibungen (Sinneingrenzungen) interpretiert, heißt im Folgenden metaphysisch[30], da es ihr um die „letzten Dinge“ geht: das, was grundlos hinzunehmen ist.

Laut dem lösungsorientiert-therapeutischen Zugang wird man Wittgensteins Spätwerk nicht gerecht, wenn man versucht, die unmittelbare Beschreibung von etwas Absolutem daraus abzulesen. Wittgenstein hat, so heißt es hier, dergleichen nirgends beschrieben, sondern – im Gegenteil – Verfahren entworfen (nie vorgeschrieben, immer nur vorgeschlagen) zur Lösung von geisteslähmenden Absolutheitsanmutungen, deren Wurzel er in der unhinterfragten Annahme bestimmter Bilder sah. Unter „Bild“ habe er die Verfestigung einer bestimmten Auffassung zu etwas Selbstverständlichem, Unhinterfragbarem, eben „Absolutem“ verstanden, Vorstellungen wie beispielsweise, Zahlen stünden für Gegenstände – oder man müsse die Zeit wie Raum vermessen können. Die Anwesenheit von Emphase oder Modaloperatoren zeige nach Wittgenstein immer auf ein Bild: etwas Verabsolutiertes.

Wittgensteins Lösungsverfahren entwickelt nun zum Beispiel Vergleichsobjekte, um den Bann eines „Bildes“ zu brechen. Ein philosophisches Problem infolge eines solcherart den Verstand lähmenden Bildes sei etwa das Messen von Zeit. Das seiner Ansicht nach problematische Bild ist hier das des Meterstabes, der das, was er vermisst, bereits einnimmt: Raum. Wie ist es so aber möglich, Zeit zu messen? Mit welchem „Meterstab“, der Zeit – Vergangenheit wie Zukunft – bereits einnähme? Zeit lässt sich also nicht messen! Was ist dann aber eine Stunde? Wittgenstein löst das Gefühl der Unsicherheit, indem er ein anderes „Vergleichsobjekt“ vorstellt: man solle Zeitmessen mit Raummessen nicht durch Meterstab, sondern Abschreiten vergleichen. Wittgenstein sage nicht, betont das Lager der Anhänger der sogenannten therapeutischen Lesart, Zeitmessen sei ein Abschreiten von Raum; er stelle lediglich als Beispiel einen anderen Vergleichsgegenstand vor: man könne Zeitmessen auch analog zum Raummessen mittels Abschreiten – statt Meterstabverwendung – sehen. So löse sich der Krampf. „Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will … Es wird nun an Beispielen eine Methode gezeigt, und die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. – Es werden Probleme gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem“.[31]

Für die Anhänger der „metaphysischen“ Lesart ist dieser Zugang Wittgensteins eine Weiterung von Fähigkeiten, die erst einmal erworben sein wollen – vor allem die Methode der hinnehmenden Veranschaulichung von Sprachspielen, ihrer „Grammatik“ (z. B. die der „Meterstabverwendung“). Dafür habe Wittgenstein bevorzugt einerseits den Verwendungszusammenhang einiger Zentral-Begriffe dargestellt und so etwa die Bedeutung von „Bedeutung“ oder „Regel“ für seine Herangehensweise erhellt, während er andererseits z. B. mit „Sprachspiel“ oder „Familienähnlichkeit“ auch spezifische Begriffe seiner Methode unter Verwendung teilweise für deren Veranschaulichung erfundener Sprachspiele etabliert und hinreichend bestimmt. Das Wesen überhaupt aller Begriffe erkläre sich laut Wittgenstein durchgängig aus der Darstellung ihres Verwendungszusammenhangs oder Sprachspiels, wozu auch Betrachtungen nach der philologischen oder historisch-kritischen Methode gehörten, respektive Deutungen, Vergleiche von Entwicklungsstadien und Kritik.

Die „Metaphysiker“ sind dementsprechend der Meinung, „Sprachspiel“ sei ein zentraler Begriff der Spätphilosophie Wittgensteins; Lebenswirklichkeit zerfalle nach Wittgenstein unhintergehbar in beschreibbare „Regelkreise“. In der Philosophie gehe es darum, deren „Grammatik" – paradigmatisch oder im Zusammenspiel heterogener Beispiele – darzustellen. Dies geschehe dann mit manchmal verblüffenden Ergebnissen. So ergäbe sich etwa aus dem verdeutlichten Verwendungszusammenhang von „Traum“, dass damit nichts Privates, sondern nur ein bestimmter zwischenmenschlicher Verlauf gemeint sein könne. Und es erweise sich, dass Äußerungen der ersten Person Singular keinen Wahrheitswert hätten.

Den Metaphysikern geht es ferner um die Verdeutlichung des nach ihrem Wittgenstein-Verständnis begriffsschöpfenden Weltbilds einer jeden Lebensform. „Man könnte sich vorstellen“, zitieren sie Wittgensteins Über Gewißheit, „dass gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt wären und als Leitung für die nicht erstarrten, flüssigen Erfahrungssätze funktionieren; und dass sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, in dem flüssige Sätze erstarren und feste flüssig werden.“ Die metaphysische Haltung blickt auf die gerade erstarrten Sätze, um anhand ihrer akuten Sinn von akutem Unsinn abzugrenzen: Offensichtliches festzustellen wie etwa, dass „Steine nicht denken können" – aber auch weniger Offensichtliches, etwa wieweit man sinnvoll von „künstlicher Intelligenz“ reden kann. Wittgensteins Spätwerk fasziniert und beschäftigt nicht nur Sprachphilosophen, sondern auch Psychiater und Psychologen. Die Ideen Wittgensteins fordern nach Ansicht mancher geradezu dazu auf, in psychotherapeutischen Verfahren angewendet zu werden.

Aus streng „therapeutischer“ Sicht verkürzen die „Metaphysiker“ die Spätphilosophie Wittgensteins. So gesehen gehe es ihm nicht darum, Richtiges von Falschem, erlaubten von nicht-erlaubtem Sprachgebrauch, Sinn von Unsinn abzugrenzen, indem er nachweisend darstellte, was „richtig“, „erlaubt“ oder „sinnvoll“ ist. Wenn Wittgenstein über die Bedeutung von Wörtern spricht, hat dies gemäß der therapeutischen Auffassung nicht den Zweck, eine korrekte Bestimmung von Begriffen zu schaffen, sondern den, einen intellektuellen Krampf zu lösen, wie er in folgender Aussage zum Ausdruck kommt: „Was ist denn nun das Wesen von 'gut'? Es muss doch eine bestimmende Eigenschaft geben, sonst ist doch alles relativ!“

Die Diskussion des Begriffes „Sprachspiel“ steht in engem Zusammenhang mit der des Begriffs „Bedeutung“: In den Philosophischen Untersuchungen heißt es in § 43: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Im vorhergehenden Satz bemerkt Wittgenstein jedoch einschränkend: „Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes Bedeutung – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“. Die unterschiedliche Lesart der oben genannten Textpassage zeigt die unterschiedlichen Zugänge von „Therapeuten“ und „Metaphysikern“.

Die „metaphysische“ Sicht: Wittgenstein nimmt eine Bestimmung von „Bedeutung“ (des Wesens des mit dieser Buchstabenkette gekennzeichneten Begriffes) vor. Dementsprechend ist die Aufgabe nun, eine konsistente Position aus Wittgensteins Werken zu extrahieren. Auch wenn Definitionen bei Wittgenstein fast nie „klassisch“ durch die Angabe bestimmender Merkmale erfolgen, sondern von ihm – oft reihenweise – Veranschaulichendes dargestellt wird, in dessen Ähnlichkeit oder Zusammenklang der bestimmte Begriff dann „erscheint“ (Familienähnlichkeit, ein letztlich offenes Verfahren, das keine scharfen Grenzen vorsieht), wird letztlich auch damit immer etwas – und, das sei sogar Wittgensteins Pointe: auch immer hinreichend – bestimmt. § 43 der Philosophischen Untersuchungen wäre also durchaus als Definition aufzufassen; das einschränkende „nicht für alle Fälle“ sei eher als Index auf weitere Bestimmungen von „Bedeutung“ durch den Autor zu lesen, etwa in Teil II der Philosophischen Untersuchungen, wo Wittgenstein in den Ansätzen einer Philosophie der Psychologie die „sekundäre Bedeutung“ beschreibt als eine haltungsbestimmte Form des Erlebens der primären, welche schlicht im Gebrauch des Wortes besteht. Da es keine über „primäre“ und „sekundäre“ hinausgehende Verwendung des Begriffs „Bedeutung“ im Spätwerke Wittgensteins gibt, neigen die Anhänger der metaphysischen Interpretation zur Auffassung, dass Wittgenstein keine weitere Interpretation vorsieht und „Bedeutung“ insofern erschöpfend bestimmt wurde.

Im Gegensatz dazu vertreten Anhänger des „therapeutischen“ Ansatzes die Meinung, Wittgenstein sei es in § 43 nicht darum gegangen, Kern und Wesen von „Bedeutung“ zu bestimmen. Die Einschränkung „nicht für alle Fälle“ sei kein Verweis auf andere Textstellen im Spätwerk des Autors, sondern hebe vielmehr hervor, dass die folgende Bestimmung nichts Immerwährendes skizziere - sondern vielmehr einen möglichen Gegenstand, welcher das Potenzial besitze, ein Denkkrämpfe verursachendes Bild hervorzurufen, indem es mit ihm verglichen werde, Lösungsaspekte aufzuzeigen. So könnte es z. B. befreiend wirken, die Bedeutung von „Vorstellung“ oder „Zahnschmerzen“ nicht wie die von „Stuhl“ oder „Auto“ in etwas Raumeinnehmendem zu sehen, sondern stattdessen zu versuchen, Parallelen zwischen dem mit „Vorstellung“ oder „Zahnschmerzen“ Gemeinten und geregelten Verlaufsformen („Spielen“: deren Zügen …) zu sehen. Gemäß der lösungsorientiert-therapeutischen Haltung lautet die entscheidende Frage nicht, wie sich verschiedene Bestimmungen des Bedeutungsbegriffs ergänzen oder addieren, sondern ob die von „Therapeuten“ entworfenen Gegenstände – indem man das, was einen verwirrt, mit ihnen vergleicht – in der Lage sind, Lösungen aufzuzeigen.
Verhältnis von Früh- zu Spätwerk

Der Widerstreit der Spätphilosophie-Deutungen überträgt sich auch auf die Einschätzung der Kontinuität in Wittgensteins Denken überhaupt. Die „Therapeuten“ neigen zur Annahme der Kontinuität zwischen der unbedingten Position der Logisch-philosophischen Abhandlung (Tractatus, TLP) und den Entkrampfungsverfahren der Philosophischen Untersuchungen (PU). Für die „Metaphysiker“ herrscht zwischen Früh- und Spätphilosophie ein Bruch.

In Wittgensteins Spätwerk zerfallen die Welt und sie abbildende Sprache nicht mehr in unauflösbare Dinge und deren logisch mögliche Verknüpfung in Sachverhalte oder Sätze. Nicht mehr die zeitlosen Kombinationsvorgaben der Logik bestimmen den Sprachbau. Vielmehr vergleicht Wittgenstein die Sprache nun mit einer „alten Stadt“: „Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten: und dies umgeben von einer Menge Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.“[32] Dennoch blieb für ihn die Sprache, ihre „Grammatik“, der Raum des Denkens und der Wirklichkeit. „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“[33] Gebrauch aber ist die Funktion eines Ensembles von Gepflogenheiten oder einer „Lebensform“, die in „Sprachspiele“ zerfällt. „Das Wort ‚Sprachspiel‘ soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.“[34] Mediziner haben andere Sprachspiele als Handwerker oder Kaufleute, Agnostiker andere als Gläubige. Aufgabe der Philosophie bleibt demnach die Auseinandersetzung dieses oder jenes Sprachgebrauchs. „Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.“[35] Gegenstand der Philosophie ist die Alltagssprache. „Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen auf ihre alltägliche Verwendung zurück.“[36] Der Zweck der Philosophie ist eine Therapie. „Der Philosoph behandelt eine Frage, wie eine Krankheit.“[37] Der in einer Sprachverwirrung gefangene Mensch soll wieder befreit werden. „Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“[38] Die späte Philosophie Wittgensteins ersetzt den Begriff „Logik“ durch „Grammatik“. Der Unterschied besteht darin, dass im Gegensatz zur Logik die „Grammatik“ als Ensemble von Gepflogenheiten einer Lebensform „Veränderungen unterworfen ist“. Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass weder Logik noch „Grammatik“ erklärbar sind, sondern beide sich in dem, was sie ausmachen, lediglich zeigen.

Schließlich identifizieren die „Metaphysiker“ in Wittgensteins Früh- wie Spätwerk eine anti-cartesianische Ablehnung des Dualismus von privater „Innenwelt“ und öffentlicher „Außenwelt“ sowie des subjektzentrierten Denkens überhaupt, nicht zuletzt durch das Auslassen jeglicher Erkenntnistheorie oder Transzendentalphilosophie.
Literarische Rezeption

Thomas Bernhard greift in seinem nach den beiden Schauspielerinnen und ihrem Kollegen der Uraufführung benannten Theaterstück Ritter, Dene, Voss[39] (Uraufführung: 18. August 1986 in Salzburg) die Familiensituation Ludwig Wittgensteins auf und verbindet sie mit dessen Neffen Paul, der mehrmals in der psychiatrischen Klinik Am Steinhof bei Wien behandelt wurde und dem er seine Erinnerungen Wittgensteins Neffe (1982) widmete. Auch seine eigene Kritik an der österreichischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts legt der Autor dem Protagonisten in den Mund. Das Drama spielt im Speisezimmer der herrschaftlichen Villa der Großindustriellenfamilie Worringer. Ludwig, der nach einem Aufenthalt in Skandinavien und nach philosophischen Studien an einer englischen Universität wegen seiner psychischen Labilität im Krankenhaus „Steinhof“ lebte, kehrt für kurze Zeit ins von seinen beiden Schwestern bewohnte Haus zurück. Unterbrochen von grotesken Wutausbrüchen rechnet er, im Bernhardschen Stil, mit seinen Eltern, dem Großbürgertum und, in einem Rundumschlag, mit dem Medizin-, Kunst- und Wissenschaftsbetrieb ab.

In Libuše Monikovás autobiografisch unterlegtem Roman Treibeis[40] ist Wittgensteins Tätigkeit als Volksschullehrer (1920–1926) rezipiert. Jan Prantl, einer der beiden Protagonisten (Prantl und Karla, beide tschechische Exilanten), nimmt in der zweiten Station der Handlung an einem internationalen pädagogischen Kongress am Semmering teil. Zwei Wissenschaftler aus Cambridge nutzen den Aufenthalt, um Wittgenstein-Souvenirs wie Zeugnisse, Schreibhefte und Bücher seiner ehemaligen Schüler in Trattenbach und anderen Dörfern (Puchberg) aufzukaufen (Kp. 3) und dem Seminar ihre Augenzeugenbefragungen über die Lehrertätigkeit des Philosophen vorzutragen (z. B. Affekthandlungen wie Züchtigungen, andererseits Idealismus: finanzielle Unterstützung und Förderung mathematisch begabter Schüler, Erarbeitung einer Grundwortschatzsammlung für die Rechtschreibung), die, parodistisch erzählt, von den Teilnehmern unter unterschiedlichen Aspekten diskutiert werden (Kp. 5): biografisch (Familie, Autismus, Ausgrenzung und Verspottung durch Mitschüler in Linz, Kriegsverletzung), historisch-soziologisch (armselige Gebirgsdörfer Niederösterreichs: Trattenbach, Puchberg und Otterthal), reformpädagogisch (zwar Mitwirkung der Schüler bei Herstellung der Wörterbücher, aber keine inhaltliche Beteiligung, einerseits lebensfremde mathematische Textaufgaben, andererseits sorgfältig vorbereitete Ausflüge). Der Kongressleiter fasst als Ergebnis zusammen: „Er mag ein engagierter, vielleicht sogar guter Lehrer gewesen sein. Ein Pädagoge war er nicht!“ [41]
Siehe auch

   Vernunftwahrheiten und Tatsachenwahrheiten
   Wittgenstein-Studien
   Sprachskepsis

Werke


   Werkausgabe in 8 Bänden. Frankfurt am Main, 1984 (preiswerte Taschenbuchausgabe, auch einzeln erhältlich).
   Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1966 (Wiedergabe seiner Vorlesungen zu Ästhetik im Sommer 1938, und Gesprächen zwischen Rush Rees und Ludwig Wittgenstein 1942-46; aufgezeichnet von Wittgensteins Hörern; aus dem Englischen).
   Vorlesungen über die Philosophie der Psychologie 1946/47. Frankfurt am Main, 1991 (Vollständige Wiedergabe seiner letzten Vorlesungen, aufgezeichnet von drei von Wittgensteins Hörern; sie vermitteln ein sehr lebendiges Bild von dem ungewöhnlichen Lehrstil; aus dem Englischen).
   Logisch-philosophische Abhandlung. (Tractatus Logico-Philosophicus), 1921.
   Philosophische Untersuchungen. 1953.
   Über Gewißheit. Suhrkamp, 1970.
   The Big Typescript.
   Philosophische Untersuchungen. Kritisch-genetische Edition. Suhrkamp, Frankfurt 2001.
   Wiener Ausgabe. 15 Bände, 6 Registerbände, 1 Einführungsband, hrsg. von Michael Nedo, Springer, Wien 2000.
   Wittgenstein's Nachlass. The Bergen Electronic Edition. 6 CD-ROMs, 1998. Faksimile-Ausgabe des Nachlasses. Zwei transkribierte Textfassungen. Ca. 20.000 Seiten.
   Geheime Tagebücher 1914–1916. Hrsg. v. Wilhelm Baum, Wien 1991 (2. Aufl. 1992)

Filme

Wittgenstein; Spielfilm, 71 Min.; Großbritannien 1993, Regie: Derek Jarman, Produktion: British Film Institute/Channel 4/Uplink, Teddy Award 1993: Bester Spielfilm, Infoblatt (PDF; 57 kB) der Jury der Evangelischen Filmarbeit
Denker der Zeit. Die Wahrheit der Worte: Ludwig Wittgenstein; Dokumentarfilm, 45 Min.; Deutschland, 1988, Regie: Joseph Kaufmann, Produktion: NDR (Neuausgabe 2001 ISBN 3-935157-47-9), Übersicht des Katholischen Filmwerks
Ludwig Wittgenstein: Film von Ferry Radax (1974–1976), 2 Teile; WDR, Köln. Vgl. Ludwig Wittgenstein – Biografische & filosofische Untersuchungen
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